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Die Wahrheit · 1926-11-12 · Heft 47 (12.11.1926) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 47 (12.11.1926)
Date
1926-11-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT ßen wollte, der Judenhaß würde zu einem Teile versiegen. Und wenn vor wenigen Jahren erst wieder der päpstliche Staatssekretär dem Londoner Rothschild bestätigt hat, daß die Päpste selbst der Blutlüge entgegengetreten sind, weshalb duldet man dann noch in Tirol (I g 1 s) die Bilder der angeblich von den Juden ermordeten Märtyrer und ihre Verehrung? Wie soll der Jude es ruhig geschehen lassen, daß man ihn öffentlich zum Mörder von Religions wegen stempelt, wie man ihn früher als ausländischen Vagabunden behandelt hat? Der bekannte Krakauer Rabbiner M eis eis, Abgeordneter im Kremsierer Reichstag, wurde gefragt, weshalb er auf der Linken sitze. „Weil wir Juden keine Rechte haben'' war seine Antwort. Drängt man uns nicht gewaltsam in die Opposition, indem man uns entrechtet, unserer Menschenwürde entkleidet? Wir Juden sollen jeden Menschen nicht nur nach seiner guten Seite beurteilen, sondern auch noch zu seinen Gunsten die Verdienste der Väter in die Wagschale werfen. Unseren Gegnern genügt aber schon die einfache Tatsache, daß sich in den Adern eines Vorfahren ein Tropfen jüdischen Blutes vermuten läßt, um über den Enkel, er mag an sich noch so einwandfrei sein, erbarmungslos den Stab zu brechen. Jahrelang während des Krieges hat man die Menschen gezwungen, täglich und stündlich die wichtigsten Gebote der Religion zu übertreten. Von Staats wegen hat man Privateigentum von Angehörigen gegnerischer Staaten konfisziert. Alle öffentliche und private Moral ist brüchig geworden. Und nun soll der Jude für diese Zersetzung als Sündenbock herhalten? Welcher Jude mit auch nur einigem sittlichen Reinlichkeitsgefühl muß sich nicht abgestoßen fühlen von solcher Scheinheiligkeit und Ungerechtigkeit? Begreift man nicht, daß dem Ju- Herzen glüht ein unstillbares Sehnen, daß sich der Himmel ihnen auftue und seine Gaben über sie ausschütte. Ihnen fehlt das Bild der Himmelsleiter: sie sehen nicht die vielen Sprossen, die mühsam erklommen werden müssen, sehen nicht die Engel, die emporsteigen, Stufe um Stufe ersteigen, ehe sie zur Höhe kommen, ehe sie vom Himmel wieder herniedersteigen können. Darum ist der Traum dieser eitel Schaum, ein Hirngespinst, ein Luftschloß, das keine Wirklichkeit und keinen Wert finden wird. Dann aber gibt es eine zweite Art von Träumern, die Jakobsträumer, die niemand verachten und verspotten soll. Ihr Haupt ruht auf hartem Stein, an ihrem Körper zehrt die Kälte der Nacht, aber sie träumen von einer Himmelsleiter, die auf der Erde steht, auf der sie selber stehen, deren Spitze in den Himmel reicht, den sie ersehnen. Und sie sehen die Sprossen, die vielen, vielen Sprossen, über die mühselig, kräfteverzehrend der Aufstieg zur Höhe führt, zur Höhe, die Gottes ist. Sie wissen wohl, daß ihre Engel erst emporsteigen müssen, daß man die Mühe, die Kraft, die Arbeit nicht scheuen darf, sich aus den Niederungen des Lebens und Denkens, der körperlichen und seelischen Not emporzuarbeiten, um ein hohes Ziel zu erreichen. Alle diese Jakobsträumer, ob sie Jakob oder Josef oder wie immer heißen mögen, sie mußten aus ihrem sorgenden und fürsorglichem Vaterhause in eine unwirtliche Welt hinausziehen, haben gekostet den Schlaf auf hartem Lager, die Schutzlosigkeit der Verfolgten, die Not des Körpers und der Seele, die Rechtlosigkeit des Gerechten gegenüber dem Gewaltmenschen — aber wie immer und was immer ihr Los war, ihre Blicke waren aufwärts gerichtet, ihre Sehnsucht ging nach oben. So kamen ihnen die Engel vom Himmel hernieder, weil sie aufgestiegen waren von der Erde zum Himmel. So kommt Erhörung von Gott, wenn Gebete aufsteigen aus den Herzen der Menschen auf Erden. Nicht den Wünschenden, nein den Strebenden ist die Himmelsleiter der Weg ihrer Engel! Dr. V. Kur rein. den, der gegen rechtlose Gewalt keine andere Waffe führen durfte als seinen Verstand, daß in ihm diese eine Seite seines Wesens hier und da überwuchern mußte? Fühlt man nicht, daß man sich selbst anklagt, wenn man dem Juden einseitige Ausbildung des Verstandes vorwirft? „Man lähmt uns und schilt uns, daß wir hinken." Wir Juden bringen jeder aufrichtigen Ueberzeugung dieselbe Achtung entgegen, die wir von anderen für uns in Anspruch nehmen. Wir kennen unsere Fehler und bekennen sie rückhaltlos, können aber nicht stillschweigend dulden, daß man, gewohnt, immer nur die Sünden der anderen, nie die eigenen zu beichten, uns mit unverdienten Anklagen belastet. Wenn die Kirche darangeht, den Frieden unter den Konfessionen herzustellen, dann wird sie in diesem Beginnen alle an ihrer Seite finden, die darauf Wert legen, Juden zu heißen, und sich ihrer Pflichten als solche bewußt sind. Das „Heilige Land" der Kreuzritter. Von Rudolf Seiden, Haifa. König T u t u s c h starb. Zwischen seinen Söhnen kam es zu Kämpfen und auch die feudalen Herren zogen mit ihren Mannen in die Schlachten. Da die Zahl der Streitenden groß war und der Kampf um die Herrschaft erbittert und rücksichtslos geführt wurde, waren die Zustände im Heiligen Lande in jeder Hinsicht chaotisch. So konnte der ägyptische Kalif El-Mustall 1096 Palästina ohne große Schwierigkeiten besetzen. Die Kunde von all diesen Vorgängen war bis Europa gedrungen und die christlichen Herren hielten die Zeit für gekommen, das Heilige Land zu erobern — und so kam es zum ersten Kreuzzuge .... * Am 15. Juli 1099 war es, als die Reste des bei seinem Auszuge aus Europa (1096) noch mächtigen Kreuzfahrerheeres in Jerusalem einzogen. Ihr Führer war Gottfried von Bouillon, der „Beschützer des heiligen Grabes". Die Chroniken berichten, daß der Einzug der frommen christlichen Pilger nicht ganz in Einklang stand mit den Prinzipien der Religion der Nächstenliebe: die eingedrungenen Fremdlinge metzelten nämlich sofort alles nieder, was Muselmann oder Jude war, und sie legten in ihre Häuser Feuer — dann erst suchten sie das Ziel ihrer weiten und beschwerlichen Reise, das heilige Grab Jesu Christi, zu erreichen. In kurzer Zeit war das ganze Land besetzt, und als Gottfried bald darauf starb, wurde sein Bruder Balduin zum Nachfolger gewählt, der das „Königreich Jerusalem" schuf; dies war im Jahre 1100. Das Königreich umfaßte ungefähr das Gebiet des heutigen Palästina, außerdem als Vasallenstaaten Tripoli, Antiochia und E d e s s a, die drei von den Kreuzfahrern errichteten Fürstentümer. Zahlreich sind die Kirchen und Klöster, die Kranken- und Pilgerhäuser, die im Lande erbaut wurden; und nicht minder groß ist die Zahl der Burgen und Festungen, die die Kreuzfahrer — besonders an den Grenzen des Landes — als Bollwerke wider äußere und innere Feinde aufführen ließen. Heute noch finden wir in Palästina manche Ruine, S

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