Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1926-11-12 · Heft 47 (12.11.1926) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 47 (12.11.1926)
Date
1926-11-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3063973-3064016--14983-3082572
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 2 EMC WAHRHEIT Nr. 47 scher anbetrifft, so stehen wir noch unter dem günstigen Eindruck, den die beiden letzten Kaiser hinterlassen haben. Aus der Vergangenheit wüßten wir aber Spuren religiöser Duldsamkeit, außer bei Friedrich III. und Josef II., nur bei Maximilian II. festzustellen, der aus seiner Toleranz kein Hehl machte. Er verurteilte nicht nur jeden Gewissenszwang, sprach nicht allein unverhohlen seinen Abscheu über die Bartholomäusnacht ihrem Veranstalter, seinem Schwiegersohne Karl IX., gegenüber aus, sondern bekundete diese seine Gesinnung ausdrücklich in einem Briefe, den Kaunitz zwei Jahrhunderte später der Kaiserin Maria Theresia auf den Schreibtisch legte. Er fand sich nach ihrem Tode in ihrem verschlossenen Sekretär mit der Randbemerkung: „Verbleibe einer anderen Zeit — nach meinem Tode — (die Zeit) wird auch kommen!" Immerhin annehmbarer als das „Nach uns die Sintflut" ihrer berüchtigten Zeitgenossin, der Pompadour. Ebensowenig wie bei den Habsburgern kann man von einer Tradition in diesem Punkte bei den Päpsten sprechen. Schon ein Blick auf die Geschichte der Wiener Juden beleuchtet das. Während 1420 Martin V. sich der in Wien gewaltsam getauften Juden annahm, lehnte 1670 Klemens X. die erbetene Intervention gegen die Juden Vertreibung ab. Ein Innocenz III. zwängte den Juden das Kainszeichen des Judenfleckes auf. Bis 1847 fand alljährlich beim Karneval der schändliche Judenwettlauf statt. Aber, wenn auch Innocenz IV. den Judenschutz damit rechtfertigte, „weil sie Zeugen für die Wahrheit des Evangeliums sind" —-, ewig dankbar bleiben wir trotzdem den Päpsten, die uns gegen den Wahn der Blutlüge in Schutz genommen haben. Unsere ganz besondere Aufmerksamkeit erweckte jedoch ein Ausspruch des gegenwärtigen Oberhauptes der katholischen Kirche, der freilich, bezeichnend genug, von der Wiener katholischen Presse totgeschwiegen wurde. Der Papst erklärte Vertretern der katholischen Gesellschaft der „Freunde Israels": „E s i s t gegen das katholische Prinzip, die Juden zuverfolgen. Die Juden sind ein göttliches Volk, obgleich ihre höhere Intelligenz zu rationalistisch ist." Der in den letzten Worten ausgesprochene Tadel deckt sich im Wesentlichen mit dem, was Graf Sternberg ■ uns Juden vorhält: Die Juden stehen immer in der Opposition, sie seien Gegner der Kirche ... Ist dieser Vorwurf berechtigt? Und stehen Juden in Opposition gegen die Kirche? Woher diese Gegnerschaft? Und wohin zielt sie? Wir Juden glauben und beten an unseren heiligsten Festen, daß alle Menschen einst Brüder werden, sobald sie sich als Kinder eines Vaters, des Vaters im Himmel, fühlen. Die Völkerversöhnung soll eine religiöse sein, wie ja auch Graf Sternberg soeben einen Vortrag über „das religiöse Paneuropa" veröffentlicht hat. Dazu müssen aber die R e 1 i g i o n e n zuerst versöhnlich werden. Das Judentum war nieunduldsamgegen ein anderes Bekenntnis. Es lehrt vielmehr: „Selbst ein Götzendiener, der im Sinne der Bibel moralisch lebt, ist dem Hohenpriester gleich zu achten." „Die Frommen aller Völker haben Anteil an der ewigen Seligkeit." Der Prophet Jona, zu den Sündern von Ninive gesandt, fordert von ihnen nicht, daß sie Synagogen bauen, daß sie Juden werden, sondern daß sie von ihrem bösen Wandel lassen. Auch Graf Sternberg spricht sich dagegen aus, daß den Juden fort und fort der Tod des Stifters des Christentums zur Last gelegt wird. Wenn man nur diese eine uralte Quelle des Judenhasses schlie- EmsE Feuilleton mmwi Engel, die emporsteigen. „Er träumte: siehe, eine Leiter stand auf der Erde und ihre Spitze Teichte in den Himmel -und siehe: Engel Gottes stiegen auf ihr hinauf und herab." I, 2.-", 12. Mit den Träumen hat es eine merkwürdige Bewandtnis. Ein Teil der Menschen achtet sie gering und sagt wie Rabbi Abahu: „Träume bringen nicht hinauf noch herunter", „Träume sind Schäume", wollen wie die Brüder Josefs ihnen keinen Wert und keine Bedeutung beilegen, ja mehr noch, sie verspotten den „Träumer", der an seine Träume glaubt und von ihnen eine Weissagung für die Zukunft erhofft. Ein anderer Teil der Menschen — vielleicht der größere — sagt mit Bar Kapora: „Kein Traum ohne Deutung", steht im Banne der Träume und wird durch sie geängstigt oder beglückt, strebt immer das seltsame Geheimnis nächtlichen Gedankenlebens zu ergründen, weil man gerade diesem eine höhere Weisheit und Erkenntnis als dem des Tages zuschreibt. Zum erstenmale spricht die Tora bei Abimelech, dem Könige von Gerar, von einem Traume bei dem Gottesworte, das an diesen König wegen Sara, der Gattin Abrahams, erging; aber ein Traum mit seinen Bildern und Gestalten, wie sie das wirkliche Leben nicht hat noch kennt, und wie sie eben nur das Traumleben hervorbringt, wird, zum erstenmale bei dem Stammvater Jakob geschildert, dessen erstes Nachtlager in der ungastlichen Fremde, fern von dem Elternhause ihn die Erscheinung der Himmelsleiter mit den auf- und absteigenden Engeln, mit dem Blick auf die Herrlichkeit Gottes nächtlicherweile im Schlafe schauen läßt. Traumdeutung war seit Menschengedenken begehrt und wird noch heutigentags sogar wissenschaftlich ausgenützt, weil in jedem Traume etwas von dem wirklichen Gedankengange des täglichen Wünschens und Wollens, der Sorgen und Nöte des tatsächlichen Lebens und Lebenskampfes steckt. So ist gerade für diesen Traum Jakobs das Gesicht einer Leiter, die von der Erde zum Himmel führt, und die Vision der Engel, die von der Erde zum Himmel emporsteigen und dann herniedersteigen, bezeichnend und merkwürdig. Schon unsere Alten machten sich ihre Gedanken darüber, daß die Engel von der Erde emporsteigen, während doch zu erwarten wäre, daß sie erst vom Himmel herniedersteigen, wo ihre Stätte und Wohnung ist, um dann erst emporzusteigen. Sie sagen darum, daß jene Engel, die Stammvater Jakob in das Land Israel begleiten sollten, emporstiegen, und jene, welche ihn in das Ausland geleiten sollten, zu ihm herniederstiegen, und versuchen noch verschiedene andere Deutungen und Erklärungen. Feinsinnig sagt ein späterer Ausleger der Schrift, daß die Leiter das Bild der Seele ist, die Engel das Bild für die Gedanken sind oder den Gebeten gleichen, die aufsteigen, und der Erhörung, die herniedersteigt. Wie dem immer sei, es gibt kaum einen Menschen auf Erden, der nicht von einer Himmelsleiter träumt, der nicht im tiefsten Herzen sehnsüchtig einen Aufstieg zur Höhe nach oben verlangt. Die Himmelsleiter ist jenes uns Erdenkindern allesamt gemeinsames Sehnen und Streben, aus der Niederung zur Höhe zu gelangen. Aber in einem unterscheiden sich die Menschen bei diesen Träumen und Wünschen, in der Sehnsucht und der Art, wie sie deren Erfüllung erhoffen. Es gibt solche, die träumen und wünschen, daß die Engel Gottes hernieder steigen sollen, daß ihnen, die an diese armselige Erde gebannt und gefesselt sind, der Engel von oben komme und das Heil und Glück bringe. Immer aber haften sie an dem Boden, von dem sie nicht loskommen: erdwärts ist ihr Blick gerichtet — nur in ihren

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.