Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 47 (12.11.1926)
- Date
- 1926-11-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Oesferrelchlscfte Wodrcnsdulfl for l&Bsffie Interessen Pill dem BeiMafl: Veröftenflldrangen der ..Union denföcbOsferrehblsdaer Joden* Redaktion und Administration: Wtem Helnetimfle »3. - Ferwruf 42-2-18 XLII. Jahrgang Wien, 12. November 1926 Nummer 47 Päpste, Kaiser, Eonige und Juden. Eine Erwiderung an den Grafen Adalbert Sternberg. Von Rabbiner Dr. Max Grunwald. (Aus der C. V.-Zeitung.) Graf Adalbert Sternberg sandte mir vor einigen Monaten seine Schrift „Päpste, K a iser, KönigeundJude n". In einem Begleitbrief ersuchte mich der Graf um mein Urteil, wobei er betonte, daß er ein Zeitalter des Humanismus herbeiführen und dabei die Rolle R e u c h- 1 i n s übernehmen möchte. Graf Sternberg hat seinerzeit als einziger außer Masaryk, dem gegenwärtigen Präsidenten der Tschechoslowakischen Republik, den Mut gefunden, im ehemaligen österreichischen Reichsrate für Hilsner einzutreten. 1911 hielt er in den Sophiensälen in Wien einenVortraggegendenAntisem i t i s m u s, bei dem u. a. der Minister des Aeußeren, Graf B e r c h t h o 1 d, und der Militärkanzleichef Kaiser Franz Josefs, General Baron B o 1 f r a s, sowie zahlreiche Mitglieder des Hochadels anwesend waren. Für einen Juden Grund genug, seinem Wunsche nach Würdigung seines Buches näherzutreten. Ich mußte ihm leider antworten, daß, so aufrichtig und warm ich seine BemühungenumHerstellungdesreligiösen Friedens anerkenne, abgesehen von Schreib- und Druckfehlern, manches in seiner Schrift aus nicht verläßlichen Quellen geschöpft und darum historisch anfechtbar sei. Die edle Grundtendenz wird aber durch solche Entgleisungen, die einem Laien auf dem Gebiete der jüdischen Geschichte nicht zu verargen sind, keineswegs beeinträchtigt. Daraufhin ersuchte mich Graf Sternberg, mich über den Gegenstand öffentlich zu äußern. Indem ich diesem Wunsche in folgendem zu entsprechen versuche, betone ich, daß ich hier lediglichmein er privatenAnsicht Ausdruck verleihe. Graf Sternberg ist bestrebt, zwischen Katholiken und Juden einen Weg der Verständigung in dem Sinne anzubahnen, daß sie beide, den eigenen Lehren getreu und gemäß, gemeinsam den bürgerlichen Frieden fördern sollen. In einer Umgebung, die zu 90 P r o z e n t aus Katholiken besteht, kann meines Erachtens uns österreichischen Juden nichts erwünschter sein, ja, ich sehe es a 1 s eine Lebensnotwendigkeit für uns an, diese überwiegende Mehrheit davon zu überzeugen, daß, wie die Wiener Juden 1669, kurz vor ihrer Vertreibung, an den Kaiser schrieben, „ein Jude zu sein, an sich noch kein Laster sei". Der Jude ist ein Mensch wie jeder andere und hat als solcher ein Anrecht darauf, individuell beurteilt zu werden. Es widerspricht der elementarsten Gerechtigkeit, daß man, was eineinzeln er Jude tut, auf das Konto der gesamten Judenheit oder gar seines Glaubensbekenntnisses, des Judentums, setzt. „D e r Jude hats getan", wie man, ohne zu differenzieren, von „d e r Grippe" spricht. Ebenso unbillig wie unlogisch ist es darum, weil einige Juden in der Presse eine Rolle spielen, das Judentum für jeden nicht genehmen Zeitungsartikel verantwortlich zu machen. Um so mehr, als wir Juden weder über eine Organisation verfügen, wie sie unvergleichlich die katholische Kirche besitzt, noch überhaupt eine Kirche mit ihrer Autorität, ihrer Verantwortlichkeit und ihren Disziplinarmitteln bilden. Vorwürfe, die gegen uns als Juden erhoben werden, können wir nur daraufhin prüfen, ob sie den Tatsachen der Geschichte und Moralstatistik entsprechen, oder ob sie durch Glaubenslehren des Judentums gerechtfertigt werden. Wo aber wirklich ein Fehler als jüdische Massenerscheinung vorliegt, wird er von allen den Juden, die sich von ihm frei wissen, um so schmerzlicher empfunden, als sie, als Juden solidarisch mit diesem Makel mitbelastet, doch mangels einer anerkannten jüdischen Sittenzensur, außerstande sind, für die Abstellung des Uebelstandes oder Ausschaltung des Uebeltäters hinzuwirken. Dies vorausgeschickt, darf ich wohl weiter betonen, daß ich an dieser Stelle dem Herrn Grafen, der als Monarchist jüdischen Republikanern Aeußerungen dieser ihrer Parteinahme verargt, auf das politische Gebiet zu folgen, keinen Anlaß sehe. Die politische Einstellung hat mit dem Judentum nur insofern zu tun, als dieses seinen Bekennern Vaterlandsliebe zur Pflicht macht. Der Prophet Jeremia (Kapitel 29, Vers 7) verkündet: „Erstrebet den Frieden der Stadt, in die ich euch geführt; denn in ihrem Frieden findet ihr den euren." Und die „Sprüche d e r V ä t e r" fordern: „Betet für das Wohl der Obrigkeit; denn ohne die Furcht vor ihr würde einer den anderen lebendig verschlingen." Ganz allgemein möchte ich nur bemerken, daß es zur Herstellung eines friedlichen Verhältnisses unter den Konfessionen weniger auf die Verfassung des Staates, als auf die GeistesverfassungderBürger ankommt. Hier in Wien haben ein Kiesel und ganz besonders ein Kollonitsch ihren Judenhaß verhängnisvoll austoben lassen, während andere Kirchenfürsten, wie Pyrker, Gruscha, Galimberti, die edelsten Beweise vorurteilsfreier Menschenfreundlichkeit auch Juden gegenüber lieferten. Ein solches Schwanken der Stellungnahme zu den Juden zeigt aber schon dieGeschichteder Päpste. Graf Sternberg beruft sich ja auf die Judenfreundlichkeit der Päpste und der Habsburger. Was zunächst die österreichischen Herrt 3Ä8E5i«SaBi:aai£* •"■M." -:-:,**e£!P *m> L^Li«