Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 46 (5.11.1926)
- Date
- 1926-11-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr, 46 biß Wae l^itW TP Seite 1 Glossen. Die Christlichsozialen haben im Wiener Gerneinderate einen Dringlichkeitsantrag eingebracht, wonach die für Kinovorstellungen und Versammlungen bestimmten Räume in den Wohnhausbauten der Gemeinde für Obdachlose bereitgestellt werden sollen. Die Sozialdemokraten mochten in diesem Antrag weniger den gütigen Wunsch, Obdachlosen zu helfen, als das dringende Bedürfnis erkannt haben, die Majorität zu reizen, und beeilten sich — eine Liebenswürdigkeit ist die andere wert — den Dringlichkeitsantrag einzubringen, daß auch die Pfarrhäuser und Klöster, in denen Ausländer wohnen, den Obdachlosen zugänglich gemacht werden. Die Christlichsozialen hätten vielleicht gegen das Meritorische dieses Vorschlages beim bösesten Willen schwer etwas einwenden können. Es ist nur ehrend für Pfarrhäuser und Klöster, wenn man von ihnen annimmt, daß sie im Sinne echter Religiosität es vorziehen würden, ihre überflüssigen Wohnräume anstatt Ausländern den sicherlich der Berücksichtigung eher würdigen Obdachlosen zu vermieten. Es sei dennoch festgestellt, die Sozialdemokraten hätten sich aus mehrfachen Gründen durch ihr Schweigen als erträgliche Philosophen erwiesen. Denn die Zusammenstellung von Gotteshäusern mit Varietes und Kinos verletzt wirklich jedes religiöse Empfinden und bot den Christlichsozialen die dankbare Möglichkeit, über die Frage der Heranziehung der Klöster und Pfarrhäuser mit kühlem Schweigen hinwegzugehen, dagegen ihrer Empörung wegen des profanisierenden Vergleiches der Kirchen mit Unterhaltungsstätten lauten Ausdruck zu verleihen. * * * Wie vorzüglich, wie raffiniert klug hätten die Christlichsozialen diesen Fall ausnützen können, wenn sie den unwürdigen Vergleich in würdiger Weise zurückgewiesen hätten. Diese Gelegenheit ließen sie sich nicht nur entgehen, sie bemühten sich vielmehr, die auf das schärfste zu mißbilligende Entgleisung des sozialdemokratischen Antragstellers durch die ausgeklügelte Roheit der Erwiderung vergessen zu machen. Selbst die am rasendsten sich gebärdenden Schreier wußten es genau, daß der Antragsteller kein Jude sei, aber ihre Entrüstung gegen ihn machte sich doch lediglich in pöbelhafter Beschimpfung der — Juden Luft. Ausrufe wie . „Jüdische Frechheit" und „Gipfel jüdischer Frechheit"' ertönten in vornehmer Abwechslung mit den Apostrophierungen „Judenbande" und „Judengesindel". „Frechheit" ist interkonfessionell und Frechheit gehört dazu, sie mit irgendeiner Religion in Zusammenhang zu bringen. Christlichsoziale sollten aber schon aus Achtung vor der christlichen Religion jedes Schimpfwort verschmähen, durch das die jüdische Religion, die die Grundlage des Christentums bildet, beschmutzt wird. Es ist dies schon oft gesagt worden, aber es muß immer wiederholt werden, solange es ein Schandmaul wagen kann, von „jüdischer" Frechheit zu sprechen, ohne zu bedenken, daß die „jüdische" Religion ebenso eine staatlich anerkannte ist, wie die „christliche". Wenn das einzelne Christlichsoziale noch immer nicht zu wissen scheinen, dann sollten wohl die gelehrten Priester, die in der Mitte und an der Spitze der christlichsozialen Partei stehen, es als ein verdienstvolles, frommes Werk betrachten, als treue Hirten diese räudigen Schafe eines Besseren zu belehren. Aus dem antisemitischen Wortschatze dürfen Leute nicht schöpfen, die sich angeblich zu der Lehre Christi bekennen, die Besudelung jüdischer Religion muß ungeschmälertes Eigentum der Antisemiten bleiben, die mit bemerkenswerter Konsequenz richtig schon dahin gelangt sind, ihren Geifer sowohl auf das Alte wie auf das Neue Testament zu spritzen. # Anläßlich der Inauguration des neuen Rektors der Wiener Universität kam neuerlich die Klage der österreichischen Hochschulen über ihre finanzielle Notlage zur Sprache. Wieder wurde der Gedanke laut, daß angesichts der Unzulänglichkeit der staatlichen Mittel an die Hochherzigkeit der Reichen appelliert werden sollte, die berufen wären, wie dies selbst in gesegneten Ländern der Fall ist, durch ihre Munifizenz die wissenschaftlichen Zwecke zu fördern. Man weiß, daß es auch in Oesterreich begeisterte Anhänger des Numerus clausus gibt. Es verlautet nun, daß man in diesen Kreisen geneigt wäre, die Beschränkung der Aufnahme jüdischer Hörer an der Universität durch eine anderweitige Begünstigung der Juden wettzumachen: Die Zahl der nichtjüdischen Spender soll fortab eine durch einen Numerus clausus begrenzte sein. & Der hochwürdige Bischof Zadrawetz scheint nicht damit zufrieden zu sein, daß er in dem Frankenfälschungsprozeß das Glück hatte, die Rolle eines Angeklagten mit der eines Zeugen vertauschen zu dürfen. Die ihm nahestehenden Blätter bringen die Mitteilung, daß er gesonnen sei, gegen 62 Zeitungen, die ihm im Verlaufe des Prozesses in anderer Weise auch etwas nahegetreten waren, Ehrenbeleidigungsklagen zu erheben. Die wahren Freunde des Bischofs dürften sicherlich bemüht sein, dem Bischof klarzumachen, daß es unverzeihlich von ihm wäre, wenn er seinen Beleidigern nicht verzeihen wollte, denn es gäbe Prozesse, bei denen man nicht wissen kann, ob nicht der Kläger derjenige ist, der schließlich die — kläglichste Rolle soielt. Ego. ^mimmmmmmmmmm I Hotel-ms-HBstaorflnt Birth Wien II., Hollandstraße Nr. 14 Vornehmes Restaurant mit erstklassiger Küche Mittags- und Abenö-Menu nach Wahl S 2.— Übernahme von Diners und Soupers in und ausser Haus Jeden Samstag, Sonn- und Feiertag um 9 Uhr abends Soupers - Dansants (Jazz-Band: FRED REICHEL) Zum Besuch ladet höfl. ein j GUTH Besitzer JAC. MAYER Kleider-, Pelzeu, Gummimäntel-Fabrik Zentrale: Deiail verkauf: Wien n., Glockengasse 24 Wien IL, Taborstraße 44