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Die Wahrheit · 1926-11-05 · Heft 46 (5.11.1926) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 46 (5.11.1926)
Date
1926-11-05
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 6 DflS WAliKfi&r und ihre jüdische Gemeinschaft als vorbildlich gelten darf, übergehen wir eine Reihe jüdischer Schriftstellerinnen, die in dieser Hinsicht weniger hervorzuheben sind. So unter anderem eine Wienerin Rahel Ackermann, die wegen eines Gedichtes über die Intriguen am kaiserlichen Hofe aus ihrer Vaterstadt ausgewiesen worden und auf der Reise nach Danzig 1544 in lglau gestorben sein soll. Sie wird von Yung in seiner „Alphabetischen Liste aller gelehrten Juden und Jüdinnen'* angeführt, ist aber sonst unbekannt. Ausführlich können wir im folgenden über eine italienische Jüdin (nach M. A. Levy, Kayserling u. a.) berichten. Sara Copia Sullam, 1592 in Venedig geboren, war eine Zierde ihres Geschlechts und ihrer Gemeinde. Ihr Vater Simon besaß eine nicht gewöhnliche Bildung und, da er keinen Sohn hatte, so verwendete er alle Liebe und Sorgfalt auf die Erziehung seiner Tochter Sara. Diese belohnte auch in reichem Maße seine väterlichen Bemühungen. Ihre raschen Fortschritte übertrafen alles, was man von ihren trefflichen Anlagen sich versprechen durfte. Frühzeitig schon hatte sie eine innige Bekanntschaft mit der Heiligen Schrift in der Ursprache sich erworben, sie verstand Latein, Griechisch und Spanisch und war mit der Literatur der in diesen Sprachen verfaßten Schriften wohl vertraut. Daß die italienische ihr bekannt war, darf man wohl von vornherein voraussetzen. Ihrer reichen Phantasie vermochte sie den poetischen Ausdruck zu geben in Liedern und Sonetten, auch die Sprache des Herzens und des Gefühls, die Musik, verstand sie meisterhaft. Einem so vortrefflichen Geiste entsprach der Spiegel der Seele aufs Vollkommenste. Sara war von ausgezeichneter Schönheit, und diese im Verein mit ihrem Geistesreichtum erklären es hinlänglich, daß sie, zur Jungfrau herangereift, der Mittelpunkt eines Kreises geehrter und gelehrter Männer wurde, unter denen auch stolze Patrizier Venedigs, wie ein Bassedonna, nicht fehlten. Mit einundzwanzig Jahren vermählte sie sich ihrem Landsmanne Jakob Sullam. Bei allen ihren glänzenden Eigenschaften besaß sie die lauterste Liebe und die treueste Anhänglichkeit an den väterlichen Glauben, von dem keine Verlockung, wie wir solche noch kennen lernen werden, sie abwendig machen konnte. In welcher hohen Achtung die eben erblühte Jungfrau stand, geht schon daraus hervor, daß' der Rabbiner Venedigs, Leon da Modena, ihr das von ihm herausgegebene Drama Salomo Usques, „Esther", (1619) widmete. Aber ein Epos desselben Namens sollte noch verhängnisvoll für unsere Dichterin werden. Kurz vor dem Erscheinen des Dramas „Esther" hatte der Dichter Ansaldo Ceba, 1565 zu Genua geboren, ein Epos „Esther" geschrieben, das nicht ohne poetischen Schwung war, doch auch an Künstelei und Ueberiadung, Eigenschaften des verderbten Geschmackes seiner Zeit, litt. Er war von Haus aus für den Staatsdienst bestimmt worden. Doch als er auf dem schlüpfrigen Boden der Diplomatie infolge seiner Aufrichtigkeit gestrauchelt war, vertauschte er die politische Karriere mit dem Priesterkleide und lebte in stiller Zurückgezogenheit der Wissenschaft und Dichtkunst. Ansaldos Werk rief sogleich bei seinem Erscheinen, der Neuheit des Stoffes wegen, die ganze Schar der Kritiker auf den Plan; die einen überschütteten ihn mit ungeteiltem Lobe, die anderen mit eben so heftigem Tadel. Zu den aufrichtigsten Bewunderern dieser poetischen Erscheinung gehörte Sara Sullam. Auf ihre lebhafte Einbildungskraft hatte schon die Wahl des Stoffes den größten Eindruck gemacht. Sie, die auf den Höhen der Wissenschaft und Kunst stand, die ihren Wert von einer urteilsfähigen Umgebung anerkannt fand, konnte die Zurücksetzung, welche ihre Glaubensgenossen oder vielmehr ihr Glaube fand, nicht leicht verschmerzen. Das Lob und der Preis einer Glaubensheldin der Vorzeit ihres Volkes schien ihr ein Lobgedicht auf ihren Glauben selbst zu sein. Die Hand, welche die Saiten zum Ruhmesgesang der Königin Esther rührte, sollte, so dachte sie, nicht alsbald die Lyra niederlegen, ihre Saiten müßten noch oft zum Preise der jüdischen Helden erklingen. Darum schrieb sie, die nicht ganz unbekannte Dichterin, dem Dichter Ansaldo Ceba im Anfang des Frühjahrs 1618 einen Dankbrief für sein Epos. Sie habe es oft gelesen, am Tage verlasse es sie nicht, und des Nachts lege sie es unter ihr Kopfkissen, um es beim Erwachen wieder zu lesen. Dieser Brief voll liebevoller Anerkennung, dessen Stil von einer gewandten Feder und gereiftem Denken zeugte, verfehlte nicht, auf den Dichter einen lebhaften Eindruck zu machen; er bildet den Anfang eines lebendigen Gedankenaustausches, der mit wenigen Unterbrechungen bis zum Tode Cebas währte. Gleich nach Empfang dieses ersten Schreibens ergriff den Dichter mit aller Gewalt der Gedanke, diese schöne Seele nicht für sich, sondern, wie er glaubte, für den Himmel zu gewinnen. Die Bekehrung Saras zum Christentum war bei ihm bald zur Leidenschaft geworden und diese Leidenschaft erfüllte ihn ganz und gar in den letzten Jahren seines Lebens. Er bat sie, nach dem Vorbilde seiner „Esther", den alten Weg zu verlassen. Sie antwortete kurz und bündig: „Wer immer den alten Weg aufgibt für den neuen, hat diesen Selbstbetrug gar bitter zu bereuen." Nachdem einige Briefe zwischen ihm und Sara gewechselt worden waren, glaubte er dem Ziele seiner Wünsche bereits näher gekommen zu sein. Er hatte es durch Bitten von ihr erlangt, daß sie das Neue Testament las. Jedoch, verfehlte diese Lektüre nicht minder, wie die von ihm empfohlenen Werke Ludwigs von Granada, die beabsichtigte Wirkung. Indessen entmutigte ihn dieser Mißerfolg nicht. Je mehr seine körperliche Schwäche zunahm, und mit ihr die Angst, auch im Himmel von der getrennt sein zu müssen, die hier von Angesicht zu Angesicht zu sehen ihm unmöglich war, und die er doch so sehr hochachten mußte, um so mehr wuchs sein Eifer für die Bekehrung Saras. Auch konnte er nicht dem Drange widerstehen, die merkwürdige Jüdin, die mit eigenen Augen zu schauen er sich versagen mußte, durch das Auge seines treuen alten Dieners Mario, der von Jugend auf um seine Person war und vor dem er die innersten Gefühle seines Herzens zu offenbaren keinen Anstand nahm, sehen zu lassen. Diesen also schickte er ihr zur Faschingszeit des Jahres 1619 mit schönen Früchten aus Genua, einem spanischen Buche und einer Ode, die in poetischer Form das uns bereits bekannte Thema variierte. Ganz begeistert kehrte der Diener zu seinem Herrn zurück; er hatte die freundlichste Aufnahme gefunden, und war höchst freigebig beschenkt worden. Er konnte nicht Worte genug finden, um die Schönheit Saras zu schildern und den Zauber ihrer Stimme, mit der sie einzelne Strophen des Epos Esther rezitierte oder sang. Bei dem Herrn jedoch machte die Schilderung den entgegengesetzten Eindruck. Anstatt sich durch sie geschmeichelt zu fühlen, empfand er den tiefsten Kummer, daß er dem Ziele seiner Wünsche noch immer so fern stand. Denn wenn auch die Briefe Saras nach dieser liebevollen Aufmerksamkeit von Dank überströmten, so enthielten doch ihre Worte in Prosa und Poesie nichts, was ihn in seinen Bemühungen um ihr Seelenheil hätte ermutigen mögen. Konnte sie doch in schönen Versen ihn so liebevoll über den Verlust seines tapferen Bruders, der sein Leben im Kriege gegen die Türken gelassen, trösten, so echt menschlich mit ihm fühlen und doch so fern seinem Glauben sein. Je mehr aber die Teilnahme für Sara wuchs, um so mehr beängstigte ihn die Abnahme seiner Kräfte durch den Gedanken, daß er aus dem Leben scheiden müsse, ohne sein sehnsüchtiges Hoffen von Erfolg gekrönt zu sehen. Er nahm also zum Gebete seine Zuflucht, er betete für ihre Bekehrung. Sara hatte ihm wohl gestattet, dergleichen Gebete auszusprechen, wenn sie ihm Trost gewährten, doch nur unter der Bedingung, daß auch sie zu ihrem Gotte flehen dürfte, daß Ansaldo Jude werden möchte. Liest man die Gründe, die Sara für das Festhalten an ihrem Glauben vorbrachte, so muß man ebenso sehr ihre Geistesschärfe, wie ihre Belesenheit in unseren Religionsquellen sowohl als auch in den Werken profaner Schriftsteller, besonders des Aristoteles, bewundern. Der Briefwechsel führte, wenn auch freilich nicht zu dem von Ceba angestrebten Ziel, so doch zu einer herzlichen Freundschaft zwischen dem Priester und der Jüdin. Ihr Vater war ihr gestorben, ehe er sein Kind versorgt wußte, und Anfeindungen im Schöße der jüdischen Gemeinde (1622) verbitterten ihr die Beschäftigung mit den Werken, die ihr sonst so viele Geistesfrische und so reichen Genuß geboten hatten. Ihr wohl erworbener Ruf, der Umgang mit hochstehenden Personen, ihr Briefwechsel mit berühmten Gelehrten fand viele Neider, und da ihre Sittenreinheit und ihr tadelloser Wandel keinen Vorwand zur Verleumdung bot, so sprengte man aus, daß sie das jüdische Gesetz nicht beachte und nicht mehr an den göttlichen Ursprung desselben glaube. Diese ganz aus der Luft gegriffene Anklage schmerzte sie tief. Es wurde ihr nicht schwer, sie zu entkräften, doch ergießt sie sich in Klagen an den Freund über die feige und nichtswürdige Zumutung, daß sie von den Brüdern sich trennen könne, zumal diese noch allgemeiner Bedrückung ausgesetzt wären. Er tröstet sie unter anderem in einem Brief zu Anfang des Jahres 1622 mit den Worten: „Sie melden mir, daß man Sie verleumde. Nun hat man nicht auch die Sterne verleumdet, indem man sagte: sie seien nichts als Nebelflecken am Himmel, und dennoch sehen wir sie immer da droben in gleichem Glänze funkeln?" (Fortsetzung folgt.)

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