Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 46 (5.11.1926)
- Date
- 1926-11-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3063973-3064015--14969-3082557- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Kr. 46 DIE WAHRHEIT Seite 5 stehen, dann wäre zu wünschen, daß seine Berufung auf Ferdinand Delitzsch den Antisemiten, mit dem Hinweis auf Franz Delitzsch und auf die zitierte Rede Ferdinand Delitzsch beantwortet werde. Also mit Berufung auf die zwei Delitzsch, deren Zeugnis wir der Wahrheit entsprechend halten. Denn man sieht ja, es gibt drei Delitzsch, Franz Delitzsch, den Vater, dessen Sohn Ferdinand Delitzsch, der das Werk seines Vaters fortgesetzt hat, und endlich einen — dritten Delitzsch, der sich später selbst verleugnet hat. —ann. Als Rußland zusammenbrach . Geheimprotokolle der Zaren-Regierung. Der militärische Zusammenbruch, den Rußland im Sommer 1915 erlitt, führte zu Spannungen in seinem staatlichen Organismus, die in mehr als einer Hinsicht denen nicht unähnlich sind, die drei Jahre später das Deutsche Reich erlebte. Die Veröffentlichungen, die jetzt Dr. J. W. Hessen im „Archiv der russischen Revolution'' (Slowo-Verlag) macht, zeigen deutlich, daß auch hier Zerfahrenheit der regierenden Spitzen und Mangel an Zivilcourage herrschten, und daß vor allem das Hauptquartier, das bestrebt war, seinen Einfluß auch auf die politischen Entscheidungen auszudehnen, die Verantwortung für las Unglück von sich abzuwälzen suchte. Hessens Veröffentlichung bringt die Aufzeichnungen des Protokollführers aus den Sitzungen des russischen Ministerrates vorn 16. Juli bis zum 2. September 1915. In der Sitzung vom 4. August beschäftigte sicn der Ministerrat auch mit der Juden frage. Es wurde mitgeteilt, daß sich im Hauptquartier die Meinung festgesetzt habe, die jüdische Bevölkerung auf dem Kriegstheater sei das Zentrum der Spionage und der Unterstützung des Gegners. Daher wolle man im Hauptquartier die an die Front angrenzenden Gebiete von allen Juden säubern. In Galizien habe diese „Säuberung" schon begonnen. Die Gerüchte über diese Säuberung verbreiteten sich nicht nur in Rußland, sondern auch im Ausland, die einflußreichen Juden seien über die mit der Maßnahme verbundenen Grausamkeiten erregt, und die verbündeten Regierungen machten daher bereits Einwendungen gegen diese Art von Politik und wiesen auf die gefährlichen Folgen hin. Das Finanzministerium sei bereits auf ernste Schwierigkeiten bei Durchführung gewisser Finanzoperationen gestoßen. Was im Verlauf der Evakuierung vor sich gehe, sei einfach unbeschreiblich. Selbst unversöhnliche Antisemiten seien mit Klagen an die Behörden herangetreten über die erschütternde Behandlung der Juden in den Frontabschnitten. Dazu käme, daß für die eingesessene Bevölkerung derjenigen Gouvernements, in die nun die vertriebenen Juden hineinströmten, das Leben unerträglich werde. Wohnungsnot, Krankheiten greifen um sich, und die erzürnten Juden trügen Unruhe in die Bevölkerung hinein. Selbst aus Amerika tönten ernste Mahnungen herüber, den Unglücklichen zu helfen. Die Folge sei,. daß sich die Schwierigkeiten, Kredite zu erhalten, sowohl auf dem inneren wie auf den ausländischen Märkten steigern, insonderheit in den Vereinigten Staaten, Innenminister Fürst Tscherbatow: „Wir alle und jeder einzelne von uns sind ununterbrochen mündlich, schriftlich und mit Bitten und Klagen im Hauptquartier vorstellig geworden. Aber der allmächtige Januschk e w i t s c h erachtet es für notwendig, in den Augen der Armee die Juden für das Unglück an der Front verantwortlich zu machen. Die Juden sind für Januschkewitsch eines von den „Alibis", die er sich schafft." Minister Kr iw ose nein: „Selbst wenn das Hauptquartier jetzt den Befehl ergehen lassen würde, die Judenaustreibungen einzustellen, ist das Uebel schon viel zu tief ins Innere eingedrungen. Die Pogfomstimmung wächst, namentlich getragen durch die Soldaten, die von der Front kommen, und die Gouverneure der den Juden zur Ansiedlung freigegebenen Provinzen erklären, sie könnten bei der Stimmung der Bevölkerung nicht länger für die Zugewanderten garantieren, wenn diese Massenzuwanderungen nicht aufhörten. Das alles zwingt uns, sei es auch nur vorübergehend, die Ansiedlung zwangsweise evakuierter Juden auch in denjenigen Gouvernements zu gestatten, in denen es ihnen bisher verboten ist, sich niederzulassen. Mir ist berichtet worden, daß unter den Juden eine nicht mehr einzudämmende revolutionäre Einstellung wächst, und daß die zur höchsten Verzweiflung getriebenen Menschen mit jedem Tage mehr zur Selbsthilfe neigen. Ernste Unruhen sind möglich. Auch im Auslande beginne man die Geduld zu verlieren, und Rußland kann in die Lage kommen, nicht mehr einen Kopeken Kredit zu finden. Mit anderen Worten, die an uns gerichteten Wünsche nehmen schon einen fast ultimativen Ton an: „Wenn ihr Geld zur Kriegführung haben wollt, so . . ." Wenn man den Juden die Ansiedlung freigibt, müssen wir aber auch die Situation ausnutzen. Man muß die jüdischen Führer zusammenrufen und ihnen die Forderung stellen: „Wir kommen euch entgegen, habt ihr nun die Gewogenheit, euren Einfluß zur Beruhigung der Massen einzusetzen, dann wird man auch mit euch über weiteres reden können." Weiters sagte Kriwoschein: „Man muß den Vertretern der Juden auf ihre Wünsche mit einem Ultimatum antworten, und zwar: Wir bieten euch eine Abänderung der Bestimmungen über die Ansiedlungsgebiete, und zwar eine sehr einschneidende Abänderung, habt ihr nun die Güte, uns eine finanzielle Unterstützung auf dem russischen und den ausländischen Geldmärkten zu gewähren und dafür die vom jüdischen Kapital abhängige Presse, und das ist so gut wie die gesamte, in dem Sinne zu beeinflussen, daß sie ihren revolutionären Ton ändert." Außenminister S a s a n o w : „Unsere Bundesgenossen sind gleichfalls vom jüdischen Kapital abhängig und werden uns, wenn wir sie um Hilfe angehen, mit dem Hinweis antworten: Söhnt euch zunächst mit den Juden aus." Minister Haritonow: „Nun, meine Herren, befürchten Sie aber nicht einige Schwierigkeiten innerhalb der Polizei. Sie verliert ein hübsches Stück Brot Wie, wenn die Reviervorsteher und Polizeileutnants (Haritonow spielt damit darauf an, daß Juden jahraus jahrein in Massen in den ihnen gesperrten Städten unbehelligt sich aufhalten konnten, wenn sie nur die Polizei bestachen. Die Red.) einen Proteststreik gegen ihre Vergewaltigung durch die Regierung inszenieren, oder einige kleine Pogroms entfachen würden, um zu beweisen, daß ihre Bestimmungen den Wünschen der .wahrhaft russischen Leute' nicht entsprechen." Mit diesem üblen Scherz schloß die Ministerratssitzung, ohne daß irgendwelche Beschlüsse gefaßt worden wären. Jüdische Frauenideale. Eine Biütenlese von Dr. Max G r u n w a 1 d. Fortsetzung. Eine jüdische' Braut. Caroline Bauer erzählt in ihren Erinnerungen von einem Besuche des alten Prager jüdischen Friedhofes in Gesellschaft ihrer Freundin Sabine Heinefetter. „Noch länger", sagt sie, „als vor dem Denkstein des hohen Rabbi Low, standen wir vor einem anderen versunkenen Grabstein. Darauf war kaum noch eine weibliche Figur zu erkennen, die in der Hand eine Rose trug, das rührende Zeichen, daß hier der Staub einer Jungfrau ruht, die als Braut gestorben. Auf dem Grabstein lagen viele kleine Steine. Unser Führer legte auch ein Steinchen dazu (diese Steinchen waren eine Art Visitenkarte, die man beim Besuch der Gräber abgab) und erzählte: „Hier ruht Lea, die schönste und herrlichste Jungfrau des Ghetto. Sie war die glückliche Braut des jungen Aron. Da kamen die Christen wieder einmal gestürmt und schrien nach Judenblut, denn die Juden sollten ein Kind geschlachtet haben. Und die Christen warfen Feuer in das Ghetto und schwangen die Schwerter und wollten sich durch nichts beruhigen lassen, als durch warmes, rotes Judenblut. Dachte Lea an ihr Volk? Dachte sie nur an die Gefahr, die ihrem Aron drohte? Sie trat mutig vor und gab lächelnd ihr Blut dahin. Zu Ehren ihres Gedächtnisses legt jeder Jude, der das Haus des Lebens betritt, ein Steinchen auf Leas Grabstein " „Wir aber", sagt Caroline Bauer, „legten unsere Maiblumen auf das versunkene Grab der Jüdin nieder, die eine glückliche Braut-war und dennoch die Kraft des Herzens besaß,' diesem sonnigen Leben freiwillig zu entsagen um der bräutlichen Treue willen." * Eine jüdische Dichterin. Unserem Grundsatze gemäß, hier nur solche Jüdinnen zu erwähnen, deren Treue gegen den angestammten Glauben mmm^^^ v-3w- Wf,