Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 46 (5.11.1926)
- Date
- 1926-11-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 um WAfflfflErr Nr. 46 des Mammons wegen. Dies ist der schlimmste Vorwurf, den man überhaupt erheben kann, und er bedeutet einen Undank für Warburgs Lebensarbeit und eine große Kränkung. Erschwerend kommt noch hinzu, daß der Kampf mit dem Hause Warburg seit 1921 dauert. Mildernd kommt in Betracht, daß der Angeklagte sagt, auch er werde oft beleidigt, und daß er 74 Jahre alt und mehr oder weniger ein Märtyrer seiner Ueberzeugung ist. Der Prozeß wird durch die von Fritsch eingelegte Revision noch einmal aufgerollt werden. Die drei Delitzsch. Ein Freund unseres Blattes schreibt uns: Wie verhaßt der Name Franz Delitzsch mit Recht den Antisemiten sein muß, wird jeder verstehen, der nur eine der von gründlichster Gelehrsamkeit, hinreißender Beredsamkeit und männlichem Mute beseelten Schriften des großen Forschers kennt, in denen er Rohling als Ignoranten und als Fälscher entlarvt, der gewissenlos genug war, selbst vor einem Meineid nicht zurückzuschrecken, wenn es galt, das alte jüdische Schrifttum zu beschimpfen und zu verleumden. Rohling ist der Heilige der Antisemiten und Franz Delitzsch hat ihn als einen literarischen Auswürfling gekennzeichnet, von dem sich jeder der Wahrheit zugängliche, sittlich denkende Mensch mit Abscheu abwenden muß. Wie müssen also die Antisemiten dem Andenken Franz Delitzschs fluchen! Aber ebenso begreiflich ist es, daß sie in demselben Maße Ferdinand Delitzsch, den Sohn Franz Delitzschs preisen und verherrlichen, denn dieser hat vor Jahr und Tag ein Buch veröffentlicht. das man eine blutige Streitschrift nicht nur gegen die Bibel und das alte Schrifttum, wie auch gegen die Religion des Judentums und dessen Gott nennen darf, sondern das zugleich auch eine blutige Streitschrift gegen das Lebenswerk — Franz Delitzschs bedeutet. Ferdinand Delitzsch findet Worte der Schmähung und des Unglimpfs, ja der rasenden Erbitterung gegen das Alte Testament, zu dem sein Vater in demütiger Verehrung und Anbetung emporblickte. Wo der Vater die herrlichsten Offenbarungen erkannte, die der Menschheit zum höchsten Segen wurden, erblickt Friedrich Delitzsch nur Altes, längst Bekanntes und; Ueberflüssiges. Den Gottesbegriff des Alten Testa-' ments nennt er beschränkt und unwürdig, und denj einig-einzigen Gott, der nach der Bibel in Israel alsi der Gott der ganzen Menschheit verkündigt wird.) stempelt er zu einem „Nationalgott", zu einer Art .„Götzen", in dessen Namen Schändlichkeiten gelehrt und begangen wurden. Ist es da nicht selbstverständlich, daß dieser Ferdinand Delitzsch, der all diese Ungeheuerlichkeiten mit dem Brustton der tief-, wurzelnden, tief innersten UeberzPUffunn" in dU Welt hinausschrie, der gefeiertste Held der Antisemiten wurde? Ja, Ferdinand Delitzsch wurde derl Mann, dessen Namen in der antisemitischen Presse immer genannt wurde, wenn es galt, das Judentum und seine Religion zu schmähen, der Mann, auf den sich vor Gericht jeder Zeitungssudler berief, der mit) seinem Geifer die Heiligtümer Israels beschmutz^ hatte und dafür zur Verantwortung gezogen wurde. Sind diese Anschauungen, Meinungen und Ur-j teile Ferdinand Delitzschs, des Schutzpatrons der' Antisemiten, aber wirklich so wahr und unanfechtbar, daß sie die Entschiedenheit, ja die aufreizende Dreistigkeit, mit der sie vorgetragen werden, rechtfertigen? Ein Zufall hat mir ein altes, nun vergilbtes Blatt in die Hand gespielt, welches Auszüge aus einer Rede enthielt, die wie eine flammende Polemik, wie eine vernichtende Widerlegung gegen all das erscheint, was Ferdinand Delitzsch vertritt. Da heißt es z. B.: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Als wir junge Sekundaner diesen 121. Psalm lasen, sagte uns unser Professor, der in weifen Kreisen als hervorragender Kenner der griechischen und römischen Literatur bekannt war, daß ihm ein gleich wundervolles Lied im klassischen Schrifttum nicht bekannt* sei . . . Ich habe aber n i e aufgehört zu betonen, daß weder die indische, noch die babylonische, noch die semitische Poesie überhaupt eine Liedersammlung besitze, die an poetischer Schönheit, vor allem aber an ergreifenderBetätigunglauterster Religiosität auchnurannäherndeinen Vergleich mit dem alttestamentarischen Psalmbuch zulasse, diesem Hohelied des Go'ttvertrauen s." Da lesen wir weiter in dem alten Blatte eine andere Stelle, in welcher mit wahrhaft ambischem Schwünge zu Ehren Israels und sein es Gottes, der der Gott aller ist, ausgeführt wird: „Die Psalmen sindjüdischeLieder, von und für Angehörige des jüdischen Volkes gedichtet, aber sie sind seit nun bald zwei Jahrtausenden auch für die christliche Kirche das geistige Liederbuch im eminenten Sinne geworden. Mit Recht, insofern das Christentum seinem Ursprung nach mit dem Judentum engst verwachsen ist und d i e Christenheit sich als das »geistige Israel' auch ihrerseits zu dem Gotte bekennt, wie ihn die führenden Geister Israels in immer reinerer Weise geschaut, als den einigen Gott aller Völker, den SchöpferundErhalterdesErdkreises, den höchsten Gesetzgeber und gerechten Rich'fer der Menschheit." I Wahre Worte! Herrliche Worte! Und niemand »wird verkennen, daß sie auch die von glühender Bet geisterung diktierte Widerlegung der Schmähungen sind, die Ferdinand Delitzsch zum Ergötzen der An- / tisemiten als seine Erkenntnis des jüdischen Gottes - / glaubens proklamierte. Was uns aber an diesen wortgetreuen Auszügen am besten gefällt, das ist, daß sie von niemand anderem als von — Ferdinand Delitzsch herrühren, aus einer Rede zitiert sind, die er. im Jahre 1914 gehalten, also nicht gar zu lange vor dem Erscheinen des Pamphletes, in | welchem er als der erbarmungslose Hasser des Alten; Testaments, als der Apostel des Hakenkreuzlertums sich aufspielt. Ferdinand Delitzsch hat in dieser Frage gezeigt, wie er auch anders kann, wie ernst die Ueberzeugungen gewertet werden müssen, deren Dolmetsch er mit gleicher Wärme, mit gleicher Virtuosität ist. Sollte aber demnächst wieder einmal ein antisemitischer Besudler des Alten Testaments und des ewigen, unveränderlichen Gottes Israels vor Gericht