Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 46 (5.11.1926)
- Date
- 1926-11-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 46 DIE WAHRHEIT Sclto 3 urteilten, wenn man einen Juden Jude nannte. Aber auch, als ich, um das Wort Jude zu vermeiden, einen Juden als einen .angenehmen Semiten' bezeichnete, wurde ich bestraft-" Vorsitzender: „Herr Fritsch, Sie kennen doch das Wort: Der Ton macht die Musik!" Fritsch: „Die Verurteilungen wegen Gotteslästerung beruhen darauf, daß ich als erster den Unterschied zwischen dem alten Gott der Juden, als einem Gotte der Rache, und dem Christengotte, als Gott der Liebe, feststellte." Vorsitzender: „Sie meinen also, daß sich die Gerichte in der rechtlichen Beurteilung der Passivlegitimation des beleidigten Gottes geirrt haben?" . . . * Die Wiederaufrollung der Einzelheiten bei der B ew eis aufnähme kann hier übergangen werden. Nur ein paar charakteristische Ergebnisse: Es konnte auf Grund der früheren Verhandlungen als feststehend bezeichnet werden, daß an den vertraulichen Vorbesprechungen in Stockholm mit Protopopow über Friedensmöglichkeiten nicht Max, sondern Dr. Fritz Warburg im Auftrage der deutschen Regierung teilgenommen habe. Jetzt taucht ein Zeuge auf, der sich erinnert, vor fast zehn Jahren Max Warburg sich seiner Teilnahme an diesen Verhandlungen rühmen gehört zu haben. „Nennen Sie doch den Herrn", sagt Warburg „Darin liegt ja die furchtbare Macht des Judentums, daß man keinen Zeugen hier vorführen kann, ohne ihn der größten Gefahr auszusetzen", ist die Antwort der Gegenseite. Warburg ruft aus: „Bringen Sie wenigstens einen von Ihren fünfzig Gewährsmännern hierher. Es ist ja ganz unglaublich; immer wenn es sich um Tatsachen handelt, stellt es sich heraus, daß nichts wahr ist, und die Gegenseite zieht sich hinter allgemeine nBehauptungen zurüc k." Es kommt zur Verlesung des „Daily-Expr e ß"-Aufsatzes, der Warburgs Einfluß dairstellt und der von Fritsch als Beweis von Warburgs vaterlandsschädlicher Arbeit verwendet worden ist. Es ergibt sich, daß gerade ein Satz, aus dem hervorgeht, daß Warburg seinen Einfluß mit Erfolg für die deutschen Interessen eingesetzt habe, vom „Hammer" unterdrückt worden ist. Fritsch beginnt zu zitieren. Er zitiert Finanzschriftsteller, um Warburgs Reichtum zu beweisen — aber es kommt nur heraus, daß sich das Haus Warburg in überwiegend christlicher Gesellschaft befindet. Klatzkins vor zehn ben an Segen vom Himmel nie und nimmer von dem Glauben an Gott und die Macht des Himmels trennen. Wem daher Gott fremd geworden ist, ist auch ein Segen Gottes verloren gegangen, und wer, den Himmel entthront hat, muß auch auf dessen Gaben verzichten. Tatsächlich suchen solche Naturen Segen nur als ein Geschenk von irdischem Werte. Wird es ihnen zuteil, genießen sie, ohne des Himmels dankbar zu gedenken. Wird ihnen aber nur Segen ideellen Wertes wie der des Jenseits verliehen, so fühlen sie sich gar nicht gesegnet, sondern enttäuscht oder am Ende geflucht. Dem Esau müßte seiner Naturanlage und seinem Charakter nach ein Segen wie des Vaters erster Segen kein Glück, sondern dessen Gegenteil bedeuten. Das weiß und fühlt die Mutter und handelt danach. Die Beracha verlangt den steten Kontakt mit dem Himmel. Vom Himmel kommt sie, zum Himmel steigt sie. Jeden Genuß auf Erden empfindet der Fromme als Segensgabe von oben und dankt dafür mit der Beracha, dem Segen, von der Erde unten. Anspruchsvoll fordert er nicht den Ueberfluß von allem Guten, nicht einen rauschenden Strom aus dem Füllhorn des Reichtums, um sich als gesegnet zu betrachten, sondern sieht schon in dem Stückchen Brot, das er ißt, in der Frucht, die er genießt, die Gelegenheit, einen Segen Gottes anzuerkennen und dafür einen Segen zu Gott emporzusenden. Der alte Isak hätte seinen älteren Sohn wohl gekannt, als er sagte: „Bereite mir einen Leckerbissen, wie ich ihn liebe.....damit ich dich segne." Denn für einen geringen Genuß, eine Alltagskost zu segnen oder Segen zu empfangen, wäre diesem Sohne unverständlich geblieben. Das Judentum hat gesagt: „Hast du gegessen und bist du satt geworden, so segne Gott." Der einfache Genuß, das Essen, das den Hunger stillt, ist genug Segensgabe Gottes und wert, daß der Fromme dafür Gott segne. Aber „es haßte Esau den Jakob wegen des Segens, mit dem ihm sein Vater gesegnet hatte" — und so hassen alle, die dem ihn sein Vater gesegnet hatte" — und so hassen alle, die und dem Himmel verbindet , . , , Dr. V. K u r r e i n. Jahren im „Juden" erschienene Aufsätze müssen herhalten, weil Fritsch glaubt, in ihnen gefunden zu haben, daß der Jude an die Landesgesetze nicht gebunden sei. Der Vorsitzende wirft die nicht ganz unberechtigte Frage auf, wie Fritsch Dinge, die andere belasten, als allgemeingültige Erscheinungen garade W a r b u r g zuschieben könne. Das deutsche wissenschaftliche Empfinden frage doch nach Gründen! Darauf der Anwalt Fritschs: „Das ist eben das U ng 1 ü c k!" Und Fritsch selbst beruft sich auf seinen in Jahrzehnten geschulten untrüglichen Instinkt. Es klappt nicht ganz mit dieser Untrüglichkeit. Denn als nachgewiesen wird, daß sich die wichtigsten und größten Bankhäuser der Welt in christlichen Händen befinden, sagt Fritsch: „Ich muß bekennen, daß sich in diesem Punkt eine Aenderung meiner Anschauung vollzogen hat. Ich glaubte früher, daß es nur eine jüdische internationale Hochfinanz gäbe. Meine Arbeiten in den letzten Jahren haben mich aber dazu gebracht, daß es noch eine christliche internationale Hochfinanz von der gleichen Schädlichkeit gibt.4' Vorsitzender: „Wie arbeiten die beiden Internationalen? Miteinander oder gegeneinander? Alle ihre Behauptungen zerfallen damit ja in nichts. Sie müssen jetzt immer klar sagen, ob sie die jüdische oder nichtjüdische Hochfinanz meinen." Dem Anwalt Fritschs ist dieses Versagen der Nerven seines Mandanten wenig angenehm. Er erklärt für sich, daß er diese Unterscheidung nicht mitmache! Man kann noch an anderen Momenten Fritschs Unsicherheit erkennen. Er macht dem Privatkläger verhüllte Ehrenerklärungen, er verneint die Alleinschuld der Juden an Deutschlands Unglück — kurz, die kühle, klare Luit des Hamburger Gerichtssaales und die Notwendigkeit, mit Männern, die wissen, was sie wollen, Frage und Antwort zu wechseln, vor allem, daß er einem der eingebildeten Ober weisen von Zion gegenübersteht, verwirren den über 70jährigen Mann, dem man sein Pathos glaubt, der im Betrachter auch ein rein menschliches Bedauern auslöst, wenn er sieht, wie hier der mühsam zusammengezimmerten Weltanschauung eines alten Mannes Stück für Stück der Boden entzogen wird, wie er mühsam nach neuen Beweisen sucht, sie nicht findet und schließlich immer nur den Ausweg hat: . . . Mein Instinkt . . . Empfinden . . . Gefühl . . . Die Frage der Interessenkollision zwischen deutschem und jüdischem Empfinden und zwischen privatem und öffentlichem Wohle taucht auf. Warburg erklärt, daß seine Familie seit Jahrhunderten in Deutschland ihren Sitz habe und daß schon 1870 Mitglieder der Familie im Felde gewesen und eines gefallen sei. Bei den Berätungen über den finanziellen Teil des Friedensvertrages sei seine Stimme gegen das Ausgleichsverfahren gewesen, dessen Annahme seine Firma von überaus großen finanziellen Verlusten befreit hätte. Er könne also sagen, daß es bei ihm einen Zweifel zwischen deutschen und jüdischen Erwägungen nicht gebe, für ihn das deutsche Interesse stets vorangehe. ■£ Das vernichtende Urteil hat nicht, was der Vorsitzende ja auch nicht wollte, weltgeschichtliche Fragen enschieden, aber es hat klar erwiesen, daß man in Deutschland, auch wenn man völkischer Führer ist, nicht ungestraft einen um das Vaterland hochverdienten Ehrenmann beschimpfen darf — auch wenn er nur ein Jude ist. Und das Gericht hat in der Begründung des Urteiles tatsächlich festgestellt, daß Max Warburg dem Deutschen Reiche hervorragende Dienste geleistet und die Interessen des deutschen Volkes wahrgenommen hat. Die in den inkriminierten Aufsätzen enthaltenen Beleidigungen sind, wie es dort weiter heißt, unter Heranziehung der übrigen im „Hammer" erschienenen Aufsätze geeignet, Max W a r b u r g verächtlich zu machen und ihn in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen. Der Wahrheitsbeweis konnte nicht geführt werden. Wo er versucht wurde, ist er mißglückt, denn alles, was sich an Behauptungen nachprüfen ließ, hat sich als unrichtig erwiesen» Der Schutz des § 193 mußte dem Angeklagten versagt bleiben, wenn er auch Vertreter der Presse ist ... . Das Schwerste, was Warburg unter § 186 StGB, vorgeworfen werden konnte, ist Vaterlandsverrat nur