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Die Wahrheit · 1926-11-05 · Heft 46 (5.11.1926) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 46 (5.11.1926)
Date
1926-11-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 sich Gemeinderat Dr. Plaschkes mit dem Problem „Sozialdemokratie und Zionismus" und erklärte, daß nur durch „Kampf auf allen Linien" gegen die Sozialdemokraten etwas zu erreichen wäre. Denselben Standpunkt nahm auch Delegierter Bato ein, der in seiner Rede die ablehnende Haltung gegenüber der österreichischen Sozialdemokratie vor allem vom Standpunkte der jüdischen Kulturarbeit aus begründete: „Schwerwiegender als die J u d e nfreirUid II c h'k e il der österreichischen - Sozialdemokraten sei ihre Judentumsfeindlichkeit. Infolge ihrer Haltung zur Schulfrage sind sie für uns und unsere Kinder eine größere Gefahr, als es die Machthaber in der liberalen Aera waren." In einer so ganz von Phrasen und Schlagworten erfüllten Debatte, nach den langen prinzipiellen und rein theoretischen Auseinandersetzungen wirkten die Worte Dr. Finkelsteins direkt wohltuend. Wir glauben, daß dieser Delegierte der allgemeinen Zustimmung auch der Nichtzionisten sicher sein kann, wenn er sagte: „Das Heil kann nicht von Schlagworten kommen, wie sie hier vielfach gebraucht werden. Wir sind in eine Epoche internationaler realer Politik getreten und müssen uns darnach einrichte n." Werden diese Worte Widerhall finden in zionistischen Kreisen? _ .... Fritsch zu 4 Monaten Gefängnis verurteilt Zum fünftenmal begegneten sich am 20. und 22. v M. Max Warburg und Theodor Fritsch vor dem Gericht, um den Kampf, den Fritsch seit 1921 gegen das Hamburger Bankhaus und insbesondere gegen Max Warbumg führt, zu Ende zu bringen. Man erinnere sich kurz der vier vorangegangenen Etappen. Zunächst war, im Februar 1923, ein Vergleich zwischen den Mitgliedern des Hauses Warburg und Fritsch geschlossen worden, in dem Fritsch seine Beschuldigungen, daß das Bankhaus Warburg die bolschewistische Revolution finanziert habe, i n vollem Umfange zurücknahm. Bald aber nahm der „Hammer" die Angriffe gegen Warburg wieder auf. Es erschienen neben anderen Aufsätzen „Der heimliche Kaiser" und „Werist an der Niederlage schul d?", sowie ein mysteriöser Handzettel, für den Fritsch die Verantwortung ablehnte. Das erste Urteil des Hamburger Einzelrichters lautete auf drei Monate Gefängnis wegen Beleidigung von Max Warbuirg und Dr. Melchior. Das Berufungsgericht, das von beiden Parteien angegangen wurde, ermäßigte diese Strafe auf 1000 Mark und begründete diese Milde damit, daß Fritsch bei seinem hohen Alter doch nicht zu anderer U eb emz e u g un g gelangen werde. Die Rechtsausführungen über die Anwendbarkeit des § 193, die Wahrnehmung berechtigter Interessen, hatten seinerzeit das entrüstete Erstaunen der Laien und Juristen aller Kreise erregt. Max Warburg — Dr. Melchiors Privatklage war inzwischen aus formalen Gründen erledigt — sollte sich, nach der Meinung der Strafkammer, als Persönlichkeit der Zeitgeschichte eine Kritik an seinen Leistungen gefallen lassen müssen, selbst in dem Ausmaße und in der Form, die Fritsch anzuwenden pflegte. Das han sieatische OblerlandesgSericht als Revisionsinstanz kennzeichnete die Wirkung dieser irrigen Rechtsauffassung darin, daß durch sie für alle im öffentlichen Leben stehenden Persönlichkeiten ein an Rechtlosigkeit grenzender.' Zustand geschaffen würde. Das Urteil wurde aufgehoben und an die Strafkammer zur erneuten Verhandlung zurückverwiesen * Landesgerichtsrat Dia LühTsen, der in der neuen Verhandlung den Vorsitz führt, macht darauf aufmerksam, daß das Gericht an die Rechtsauffassung der Revisionsinstanz bezüglich der Wahrnehmung berechtigter Interessen gebunden sei und nurn die Tatbestände zu ergänzen und die hierauf sich gründenden Urteile zu treffen habe. Er wies gleich zu Beginn darauf hin, daß er diese Strafkammer nicht zur Entscheidung über eine mein als zwei Jahrtausende alte Streitfrage, nämlich den angeblichen Gegensatz zwischen Ariertum und Semitentum, verleiten lassen werde. Die Verlesung der Vorstrafenliste brachte einen bezeichnenden Dialog zwischen dem Vorsitzenden und Fritsch: Fritsch: „Meine Vorstrafen wegen Beleidigung rühren, zum großen Teile daher, daß_die Richter einen früher ver- Die BVocho. „Bereite mir einen Leckerbissen, wie ich es liebe, bringe ihn mir und ich werde ihn essen, damit ich dich segne, bevor ich sterbe". 1, 27, 4. Seit den Tagen des Paradieses begleitet die Menschen das Doppelgeschenk von Segen und Fluch. Wie einst der Ahnherr des ganzen Menschengeschlechtes, Adam, Gottes Segen und Gottes Flueh ins irdische Dasein trug, so steht seither jedes Menschen Glück unter dem Zeichen des Segens, jedes Menschen Unglück unter dem des Fluches. Wie der Segen, wie der Fluch wirksam wird, entzieht sich der Alltagsweisheit, jeder kann segnen, jeder fluchen, aber Wirkung und Erfolg des Wortes liegt außerhalb des Bereiches unseres Willens und unserer Erfahrung. „Segen kommt nur in das, was dem Auge verborgen ist," sagt der Talmud. „Das Wort der Weisen bringt Segen," aber „auch der Fluch des schlichten, einfachen Mannes erscheine dir nicht geringfügig," heißt es weiter und „des Vaters Segen baut den Kindern Häuser, aber der Mutter Fluch reißt sie nieder," sagt der weise Sirach.-Beracha, „Segen" ist gewiß das weit verbreitetste Wort des hebräischen Sprachschatzes, bedeutet aber nicht nur den Segen, den Gott den Menschen spendet, und den die Menschen für sich und andere erflehen, sondern auch den, mit dem der Mensch Gott verherrlicht. Die „Beracha" stellt eine doppelte Verbindung zwischen Gott und Menschen her. Sie kommt vom Himmel zur Erde, aber sie steigt auch von der Erde zum Himmel auf, denn sie ist der Dank Gottes für das Gute, das der Mensch leistet, und der Dank des Menschen für das Gute, das er von Gott empfängt und dankbat anerkennt. „Wer einen Genuß von dieser Welt hat, ohne Gott dem Herrn dafür mit einer Beracha zu danken, gleicht einem, der Gott beraubt." Der Mensch muß aber für das Böse ebenso wie für das Gute eine Berocho Gott sprechen, lehrt der Talmud und rückt damit den Zusammenhang zwischen Gott und Menschen, dem irdischen Geschehen und der göttlichen Weltordnung in ein solches Licht, daß man nicht klagen und anklagen, sondern in allem Gott loben soll. Darin liegt etwas Großes. Denn wer für alles, Gutes und Schlechtes, eine Beracha, einen Segen hat, verstoßt den Fluch aus der Welt. Das ist der höchste Idealismus einer Lebensauffassung. Indem nun die jüdische Religion die einzigartige Erziehung zum „Segnen" gegeben, hundert Segenssprüche für jeden Tag vorgeschrieben hat, hat sie. den Frommen auch zum Idealisten gemacht. Darum konnte der Talmud lehren: „Wer die Vorabende von Sabbat und Festtag mit Arbeit ausfüllt, sieht davon niemals eine Spur von Segen" und das heißt: Der Mensch soll an dem irdischen Gewinne nicht so sehr hängen, daß er zugunsten der Religion und des Göttlichen nicht auf einen Teil irdischen Gewinnes verzichten könne. Man muß dem Idealen ein Plus, ein „mehr als vorgeschrieben" geben können. Alle Menschen begehren Segen; sie unterscheiden sich nur in dem, was sie unter diesem Worte verstehen. Das beleuchtet eine Legende unserer alten Weisen. In der Geburtsstundte hätte Jakob zu Esau gesagt: „Siehe, zwei Welten liegen nun vor uns, die irdische, in der es Essen und Trinken, Handel und Erwerb gibt, und die des Jenseits, in der nichts dergleichen ist." Da wählte Esau die Welt hienieden, Jakob diekünftige. Von Geburt an ist die menschliche Natur schon verschieden eingestellt. Der eine sieht und sucht die „B'roche", den Segen, im zeitlichen Genießen, der andere in einem seelischen Glücke. Ist Esau der Vertreter der ersteren Auffassung, Jakob der der letzteren, so ist der Wunsch und Wille der Mutter Rebekka klar, den väterlichen Segen um jeden Preis dem jüngeren Sohne zuzuwenden. Denn man kann den Glau-

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