Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 46 (5.11.1926)
- Date
- 1926-11-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Oesferreklilschc WochensArttl Uhr tttdteAe Interessen MH tiem Belülatt: Veröttentttdiiingen der „Union tiertsdiüsfeiTeic&isffler iMtar Redaktion und Administration: ^Vfl« OL, Heslm* 19. - Fernruf 42-2-18 XLII. Jahrgang Wien, 5. November 1926 Nummer 46 Der zionistische Delegiertentag. „Der Grund des Niederganges der zionistischen Partei liegt darin, daß die zionistische Bewegung völlig uninteressant geworden ist." Diese Worte sprach Oberbaurat Stricker au! dem zionistischen Delegiertentag, der anfangs dieser Woche in Wien stattgefunden hat. Dieser Anschauung, die auch von führenden Zionisten geteilt wird, müs- .sen auch wir zustimmen. Uninteressant ist der Zionismus deshalb geworden, weil er sich immer mehr und mehr von der wahren Wirklichkeit entlernt hat und zu einem System weltfremder Ideologen geworden ist. Uninteressant ist der Zionismus, zumal der österreichische, auch deshalb geworden, weil er, statt sein Augenmerk vor allem auf Palästina zu richten, sich in inner- und außerparteilichen Gezänken erschöpft und so seine besten Kräfte vergeudet hat. Die ganze Unfruchtbarkeit und — wir haben keinen anderen Ausdruck dafür — Ziellosigkeit des österreichischen Zionismus kam so recht auf dem Parteitag zum Ausdruck, der sich vor allem mit Angelegenheiten der zionistischen „Landespolitik" beschäftigte. Damit äst aber nicht die Politik jenes Landes gemeint, welches, wie man glauben sollte, dem zionistischen Gedanken am nächsten steht, sondern die Politik, welche die zionistische Partei in Oesterreich 'einschlagen soll. An die Stelle von Zionismus ist jüdischer Nationalismus getreten, an die Stelle einer gefühlsmäßigen Bewegung, die einem idealen Ziele gelten soll, trat ein dem jüdischen Herzen vollkommen entfremdeter Intellektualismus, welcher insbesonders der jüdischen Jugend nichts anderes zu bieten vermag als Phrasen und Schlagworte, die keine reale Bedeutung besitzen. Und so dürfen wir uns nicht darüber wundern, wenn Dr. M. N. Gelber, der sicherlich ein genauer Kenner der Verhältnisse ist, der Leitung den Vorwurf machen mußte, daß sie über ihre politische Tätigkeit ihre eigentliche Aufgabe vernachlässigt habe. Dr. Gelber sagte ^wörtlich: „DieKulturarbeitseiersteVoraussetzung einer gedeihlichen Propaganda. Hätte man diesen Grundsatz stets befolgt, dann hätte man heute keinen Anlaß zum Jammern über das Versagen der Jugendbewegung. Die Jugend ist auf der Grundlage des jüdischen Kulturbewußtseins zu erziehe n." Wenn auch Dr. Desider Friedmann, der Präsident des zionistischen Landeskomitees, gleich am Beginne des von ihm erstatteten Tätigkeitsberichtes den Vorwürfen entgegenzutreten versucht, „daß die zionistische Bewegung in Oesterreich zu wenig palästinozentrisch elnge* stellt wäre und daß die Kräfte des Zionismus durch die Landespolitik absorbiert würden", so konnte er dennoch nicht vermeiden, daß aus seinem Tätigkeitsbericht ein Plädoyer für die Landespolitik wurde. Er sagte: „Die vielfachen Divergenzen in den Meinungen über die Notwendigkeit oder Entbehrlichkeit der politischen Landesarbeit für die zionistischen Verbände gehen nicht zuletzt auf Unklarheiten des Begriffsinhaltes zurück. Der gegenständliche Fragenkomplex hat 1. die Anerkennung des jüdischen Volkes in seinen Wohnländern, 2. die Durchführung der nationalenMinderheitsrechteund 3. darüber hinausgehend die sonstige politische aktiv-staatsbürgerliche Betätigung, vornehmlich die Einflußnahme auf die Gesetzgebung und Verwaltung des Staates und dieBeteiligung an Wahlen in die öffentlichen Vertretungskörper zum Gegenstand e." „Die Unklarheiten des Begriffsinhaltes", die notwendigerweise einem „jüdischen Nationalismus" anhaften müssen, haben nicht nur eine Divergenz der Meinungen über die Notwendigkeit oder Entbehrlichkeit der „politischen Landesarbeit" zur Folge, sondern sie führen auch zur Aufstellung der drei obigen Programmpunkte, welcher eine vollständige Verkennung der politischen Lage der Juden in der Diaspora zugrunde liegt und die deshalb eine schwere Belastung zumal der österreichischen Judenschaft bildet. Wenn auch führende österreichische Zionisten noch immer an diesen politischen Schlagworten — denn es sind nichts anderes als Schlagworte — festhalten und, eingesponnen in ihre nationalen Ideologien, die Wirklichkeit nicht sehen können oder nicht sehen wollen, so bricht sich dennoch die Erkenntnis in immer weiteren Kreisen Bahn, daß man auf diesem Wege nicht zum Ziele gelangen kann. Die „Landespolitik", wie sie bisher geführt wurde, ist die Ursache dafür, daß die Unzufriedenheit im Zunehmen und das Interesse im Abnehmen begriffen ist. Ein bemerkenswertes Detail ist, daß ein großer Teil der Debatte, die auf dem Parteitag abgeführt wurde, sich mit nichts anderem zu beschäftigen wußte als mit der Einstellung der Partei zur — Sozialdemokratie. Während nämlich „Ass i m i 1 a n t e n" und „Orthodoxie" ziemlich glimpflich davongekommen sind, wurde gegen die „rote Assimilation" zum Sturme geblasen. In einer mehr als dreistündigen Rede beschäftigte