Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 45 (29.10.1926)
- Date
- 1926-10-29
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 45 DIE WAHRHEIT Seite U Neuen Friedhofe übertragen wurde und es kann berichtet werden, daß die Bauarbeiten rüstig vorwärtsschreiten. Mit. Hilfe des vom Kultusvorstande votierten Darlehens von S 501.000.— konnte der Bethausverein nach poln. rit. Ritus „B e t h I s r a e 1" eine' vollkommene Restaurierung des Tempels und die Errichtung von Bibelschulräumen dortselbst durchführen. Der Einweihungsfeierlichkeit, die unmittelbar vor den hohen Feiertagen stattfand, hat das Präsidium beigewohnt. Im Juli d. J. feierte der hochverdiente Rektor der „Israel. Theolog. Lehranstalt" Prof. Dr. Adolf Schwarz seinen 80. Geburtstag. Die Kultusgemeinde begrüßte den Herrn Rektor durch den Präsidenten und widmete als Beitrag zu einer von seinen Schülern errichteten Stiftung den Betrag von S 1000.—. Der Herr Bundespräsident hat dem berühmten Gelehrten aus diesem Anlasse den Titel eines „H o frates" verliehen. Mit tiefer Betrübnis konnte das Präsidium während der Sommermonate und ganz besonders vor den hohen Feiertagen wahrnehmen, wie sehr die Not unter der Judenschaft zugenommen hat und wie die Anforderungen immer größer werden, welche an unser Unterstützungswesen herantreten. Das Vertreter-Kollegium hat sich in einer ad hoc einberufenen Sitzung mit dieser Erscheinung befaßt und durch einen außerordentlichen Kredit von S 7500.— bewirkt, daß wenigstens die unabweislichen Unterstützungsfälle noch vor den Feiertagen behandelt werden konnten. In den letzten Wochen hat ein amerikanisches Hilfswerk, welches seit Beendigung des Weltkrieges auch für die Wiener jüdischen Institutionen überaus wirksame Hilfe brachte, seine Tätigkeit abgeschlossen, nämlich das unter dem Präsidium der Frau Harriet Kreisler bestandene i,Vienna Milk Relief Committee". Auch bei der Liquidierung dieses großen Werkes der Nächstenliebe wurden Wiener jüdische Institutionen, und zwar die „Zentralstelle für jüdische soziale Fürsorge" und das „M erores-Waisenhaus" mit ansehnlichen Beträgen bedacht. Der herzlichste Dank der Wiener Judenschaft gebührt diesem Komitee, sowie jenen Persönlichkeiten, welche in Wien bemüht gewesen sind, daß auch jüdische Institutionen die Förderung des „Milk Relief Comit6es" gefunden haben, tlerrn Börserat Ignaz Glück und Fräulein Ella K r e i s 1 e r. In der letzten Plenarsitzung vor den Ferien hat der Kultusvorstand nebst der Erhöhung des Tax- und Gebührentarifes auch die Erhöhung des Steuer- Maximums ab 1. Jänner 1927 auf den Betrag von S 6000.— beschlossen. Nachdem seitens der Landesregierung die Erhöhung des Tax- und Gebührentarifes provisorisch auf kurzem Wege erteilt worden war, haben sich die Bundesbehörden mit den diesfäüigen, vom Kultusvorstande überreichten Statutenänderungen befaßt und zu Beginn dieses Monates ist die Genehmigung der beschlossenen Aenderungen herabgelangt. Es wird sich nunmehr die „Finanz- Kommission" mit der Beratung eines neuen Steuerschlüssels zu befassen haben, der für das Jahr 1927 zur Anwendung gelangen und bewirken soll, daß der Haushalt der Kultusgemeinde im Gleichgewichte erhalten werden könne. Die Arbeiten für den Voranschlag für das Verwaltungsjahr 1927 sind bereits derart vorgeschritten, daß schon in der allernächsten Zeit mit den Beratungen desselben in den einzelnen Kommissionen begonnen werden kann. Soweit sich aus den Ergebniszüfern der neunmonatlichen Gebarung und den feststehenden Erfordernissen der restlichen drei Monate des Verwaltungsjahres 1926 schon derzeit ergibt, wird trotz verhältnismäßig günstiger Steuereingänge und trotz Zurückstellung von nicht unumgänglich notwendigen Ausgabeposten ein Gebarungsdefizit nicht zu vermeiden sein. In den letzten Wochen waren es 25 Jahre, daß unsere Versorgungsanstalt in der Seegasse durch den Zubau der Siechenabteilung erweitert und mit dem Belage . dieser Abteilung begonnen wurde. Während bedauerlicherweise festgestellt werden muß, daß die Spenden für diese so tingemein segensreiche Gemeindeinstitution immer spärlicher werden, macht sich der Zudrang von Aufnahmswerbern in Anbetracht der obwaltenden allgemeinen Verhältnisse immer schmerzlicher fühlbar. Präsidium und Vertreter-Kollegium sind intensiv mit der Frage beschäftigt, wie dem derzeit bestehenden Ueberbelag der Anstalt einerseits, sowie dem steigenden Bedürfnisse nach Belagsmöglichkeiten anderseits Rechnung getragen werden könne. Bekanntlich ist durch einen Stadtratsbeschluß vom Jahre 1918 der Magistrat ermächtigt, für nach Wien zuständige Insassen Verpflegskostenfundierungen an die Kultusgemeinde zu leisten. Bedauerlicherweise werden derartige Ansuchen unserer Versorgungsanstalt in letzter Zeit von der zuständigen Magistratsabteiiung abschlägig beschieden und es wird das Präsidium der Kultusgemeinde nicht ermangeln, hierüber bei den maßgebenden Persönlichkeiten vorstellig zu werden. (Dieses Verhalten der Wiener Gemeindeverwaltung steht mit ihrer so oft betonten sozialen Gesinnung in Widerspruch and ist auch von allgemein menschlichem Standpunkte zu bedauern. D. Red.) Schwierigkeiten, wie sie bisher noch nie zu verzeichnen waren, haben sich beim heurigen Schulbeginne dem ordnungsmäßigen Beginne des israel. Religionsunterrichtes in den Weg gestellt, so daß an einer Reihe von Sarnmelstationen noch bis zum heutigen Tage nicht mit der Unterrichtserteiiung begonnen werden konnte, obwohl seitens der Kultusgemeinde noch vor den Ferien, und zwar am 5. Juli 1926, dem Stadtschulrate für Wien die beziglichen Vorschläge und Einteilungen überreicht waren. Die Behinderung ist darauf zurückzuführen, daß erst nach Schulbeginn seitens des Stadtschulrates umfangreiche Zusammenziehungen von Klassen und Abteilungen stattfanden und daß die vom Stadtschulrate auszufertigenden Unterrichtszuweisungen noch immer nicht versendet wurden. Vom Präsidium wurden die erforderlichen Schritte eingeleitet, um diesem empfindlichen Uebelstand ehestens zu beheben." Hierauf ergriff Vizepräsident Dr. Josef Löwenherz das Wort zu einem Berichte über die temporären Bethausveranstaltungen. Er betonte in diesen, daß die Eingänge der Gemeindetempel, ausgenommen den Tempel in der Seite nstettengasse weit hinter denen des Vorjahres zurückgeblieben sind und sich auch die Spenden bedeutend vermindert haben. Diese bedauerliche Erscheinung, die ein trauriges Zeichen der wirtschaftlichen Notlage der Wiener Judenschaft ist, bringt für die Gemeindefinanzen eine starke Mehrbelastung mit sich, weil die Gemeinde das hierdurch entstandene Defizit aus eigenen Mitteln wird decken müssen. Vorsteher Emil Engel berichtete sodann über die Ferienaktion der Gemeinde für die Jugend und mußte auch in seinem Berichte hervorheben, daß die Mittel, welche der Gemeinde für diesen Zweck zur Verfügung stehen, gänzlich unzureichend sind, aus welchem Grunde die Gemeinde die Kinder- und Jugendfürsorge, die ihr so sehr am Herzen Hegt, nicht in dem Maße ausbauen kann, als es dieser so wichtige Fürsorgezweig erfordert. Viel erfreulicher war der Bericht Dr. T i c h o s, der über die Jugendgottesdienste referierte und den guten Besuch und weihevollen Verlauf derselben hervorhob. Sodann erstattete Amtsdirektor Fuchsgelb einen Bericht über die Neuregelung der Friedhofstaxen und Gebühren, der nach einer kurzen Debatte, an welcher sich die Vorsteher Kommerzialrat B u c h w a 1 d, Siegmund K a u d e r s und David D o h a n beteiligten, genehmigend zur Kenntnis genommen wurde. An den Bericht des Finanzreferenten der Gemeinde Regierungsrat Dr. Hermann Oppenheim über eine e i nmalige z w a n z i g p r o z e n t i g e Zuwendung an die Angestellten und Pensionisten der Gemeinde knüpfte sich eine überaus lebhafte Debatte, die durch eine scharfe Kritik des der Wirtschaftspartei angehörigen Vorstandsmitgliedes M o r i z an dem Verhalten der Gemeinde gegenüber ihren Angestellten hervorgerufen wurde. Nachdem sich im Verlaufe der sich entspinnenden Wechselrede nicht nur das Unzutreffende dieser Kritik, sondern auch die Uninformiertheit des Interpellanten herausgestellt hatte, wurde der Bericht des Finanzreferenten genehmigt. Nachdem sich noch die Plenarversammlung mit einer praktischen Neuregelung der Haskarah in den Vororten beschäftigt hatte, wurde der öffentliche Teil der Sitzung geschlossen. An die öffentliche Plenarversammlung schloß sich sodann eine nichtöffentliche Sitzung an. Auszeichnung voa Beamten der Wiener Kultusgemeinde. Bundespräsident Dr. Michael H a i n i s c h hat den Amtsdirektoren der Wiener jüdischen Kultusgemeinde Dr. Emil Adler und Guido Fuchsgelb sowie dem Vorstand der jüdischen Gemeindebibliothek Dr. phil. Bernhard Wachstein den Titel eines Regierungsrates verliehen. Dr. Emil Adler hat erst vor kurzer Zeit sein 35. Dienstjahr vollendet und war aus diesem Anlaß Gegenstand vieler Ehrungen seitens des Präsidiums und Vorstandes der Gemeinde, der er in treuester Pflichterfüllung dreieinhalb Jahrzehnte hindurch gedient hatte. In der Plenarversammlung des Kultusvorstandes vom 20. Oktober gedachte Präsident Prof. Dr. Alois Pick des Jubilars in warmen Worten. In seiner Rede sagte er unter anderem: „Am 26. August waren 35 Jahre vergangen, seitdem unser Amtsdirektor und I. Sekretär Dr. Emil