Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 45 (29.10.1926)
- Date
- 1926-10-29
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 45 die WAragrerr Seite 9 Wahrheiten vom Tage Was ist jüdisch? Ein Freund unseres Blattes schreibt uns: „Diese Frage drängt sich einem unwillkürlich auf, wenn man einen Bericht der „Wiener Morgenzeitung" vom 20. d. M. über „Einen Besuch im Elisabeth-Heim" liest und die Ausstellungen erfährt, die das Blatt an dieser hervorragenden jüdischen Institution zu machen hat. Nach Ansicht des Blattes ist der Hauptmangel der Anstalt der, „daß sienichtjüdischis t". Wäre das wirklich der Fall, dann müßte das vom jüdischen Standpunkte aus gewiß sehr bedauert werden. Nun aber schreibt das Blatt folgendes: „Wohl ist die Küche streng rituell und der Samstag wird gefeiert, das Heim ist aber nicht jüdisch. Die Mädchen lernen in Abendkursen Englisch und Französisch — Hebräisch jedoch müssen jene, die es wollen, außer Haus in Kursen lernen. Im ganzen Heim kein einziges Bild aus Palästina, kein Bewußtsein dessen, worum das jüdische Volk jetzt kämpft, warum es besonders intensiv arbeiten muß, welche Möglichkeit sich mit dem erlernten Gewerbe, z. B. in Palästina eröffnen." Um diesen „Mangel an Jüdischkeit", den das Blatt dem Heime vorwirft, richtig beurteilen zu können, will ich hervorheben, daß die' Erhalter des Heimes keine Opfer und seine Leiter und gewissenhaften Vorstandsdamen keine Mühe gescheut haben, das Heim ganz der jüdischen Tradition gemäß zu führen, die Mädchen in jüdischem Geiste zu erziehen, sie mit jüdischem Wissen und — was vielleicht noch wertvoller ist — mit jüdischem Empfinden auszustatten, damit sie dereinst gute jüdische Hausfrauen werden. „Ja, aber es hängen keine Bilder aus Palästina an den Wänden der Anstalt." Gewiß würden sich auch einige Bilder aus Erez Jisroel in den Räumen der Anstalt ganz gut ausnehmen. Wenn aber das Blatt, das sich auf sein Judentum so viel zugute tut, die „Jüdischkeit" nach diesen äußeren Zeichen beurteilt, so glaube ich, daß das Blatt den Bildern eine allzugroße Bedeutung beilegt. Denn ich kenne so und soviele jüdische Anstalten in Wien, darunter auch solche, die der „Morgenzeitung" als ihr nahestehend sicher auch sehr gut bekannt sein dürften, in denen viele schöne Bilder aus Palästina hängen, die aber dennoch nicht als jüdisch zu bezeichnen sind. Wenn das Haus geradezu jüdischen Geist atmet, wenn Küche und Wohnräume ganz von diesem Geiste erfüllt sind, wenn der Sabbath in althergebrachter Weise gefeiert wird, so genügt das alles nicht einem Blatte, das den wahren jüdischen Geist zu verkörpern vorgibt: „Es mangelt das Bewußtsein, welche Möglichkeiten sich in Palästina eröffnen." Daß dieses Bewußtsein nicht vorhanden ist, finde ich begreiflich, da sich sogar führende Zionisten über die Möglichkeiten, die sich in Palästina bieten, durchaus nicht im klaren sind. Wäre das nämlich der Fall, dann hätte es nie zu dem derzeitigen Debacle in Erez Jisrael kommen können. Ich frage daher nochmals: „Wenn der Geist, der im Elisabeth'-Heim herrscht und in der strengsten Beobachtung der jüdischen Gebote und Ueber-- lieferungen gipfelt, nicht als jüdisch bezeichnet werden kann, was ist dann jüdisch?" AntiseraJtsche Umtriebe bei Julius Meinl. Wir haben uns vor nicht langer Zeit mit der Firma Anton Kleemann Sn Wien zu befassen Gelegenheit gehabt, die trotz der großen Zahl ihrer jüdischen Kundschaften und trotzdem sich ihre beiden größten Filialen in der Leopoldstadt befinden, keinen Juden unter ihren Angestellten duldet. Heute wollen wir die Aufmerksamkeit der jüdischen Bevölkerung auf einige merkwürdige Vorkommnisse bei einer anderen Wiener Firma richten, welche die obgenannte an Größe als auch an Zahl der Filialen bedeutend überragt, nämlich mit der Firma Julius Meinl. Diese Firma ist seit einiger Zeit bestrebt, unter ihren Angestellten eine gelbe gewerkschaftliche Organisation zu bilden, um so ein Gegengewicht gegen den Zentralverein der kaufmännischen Angestellten zu schaffen. Sie hat zu diesem Zwecke in ihrem Betriebe eine Hausfiliale des hakenkreuzlerischen Deutschnationalen Handlungsgehilfenverbandes. (D. H. V.) eingerichtet und den Angestellten den Beitritt zu diesem Verbände nahegelegt. Die Hausfiliale begann alsbald mit ihrer Tätigkeit Sie ließ sich zunächst eine Stampiglie mit der Aufschrift ..D. H. V. Betr iebsg.rupp e der Julius Meinl A. G." herstellen. Sodann wurden auf Grund des Adressenmaterials der Personalabteilung der Firma Aufrufe an die vielen hundert Angestellten der Firma versandt, in welchen diese aufgefordert wurden, nur in rein arischen Häusern ihre Einkäufe zu besorgen. Wir glauben nicht, daß diese Tätigkeit ohne Wissen und Büligung der Firma möglich wäre, und müssen daher annehmen, daß die Propaganda der antisemitischen Hausfiliale des D. H. V. den Intentionen der Geschäftsleitung der Julius Meinl A.G. entspricht. Welch böses Blut dieses erstaunliche Treiben allgemein hervorgerufen hat, können wir am besten daraus ersehen, daß selbst die „A r b e i t e r - Z e i t u n g", welche ja sonst für jüdische Interessen sehr wenig übrig hat, diese Umtriebe aufs schärfste tadelt und auch das Verhalten der Geschäftsledtung einer heftigen Kritik unterzieht Dieses Blatt, welches sonst jeder konfessionellen Stellungnahme ün weitem Bogen aus dem Wege geht schreibt sehr richtig: „Ob aber Julius Meinl klug daran tut, für den Einkauf in rein arischen Häusern in seinem Betrieb Propaganda zu dulden, wo er in allen Bezirken Wiens, selbst in denen mit dem stärksten Einschlag jüdischer Bevölkerung, Filialen hat und neue eröffnet und allen seine Ware anhängt und weiterhin anhängen will, das zu beurteilen überlassen wir dem einkaufenden Publikum." Wir wollen heute noch nicht an die jüdische Bevölkerung die Mahnung richten, aus diesen bedauerlichen Vorgängen im Schöße einer der größten österreichischen Firmen auch ihrerseits die Konsequenzen zu ziehen, sondern vorläufig noch die Stellungnahme der Geschäftsleitung der Julius Meinl A. G. zu diesen Veröffentlichungen abwarten. Solte es sich aber zeigen, daß Julius Meinl die antisemitische Propaganda des D. IL V. in seinem Betriebe auch weiterhin duldet oder gar unterstützt, dann allerdings wäre der Moment gekommen, wo wir der jüdischen Konsumentenschaft mit größter Eindringlichkeit die Frage vorlegen müßten, ob es einen Sinn hat, das Geld weiter in ein Geschäft zu tragen, das Juden zwar als Käufer, nicht aber als Verkäufer in Anspruch nimmt. Vor dem zionistischen Delegiertentag entwickelt sich eine lebhafte Diskussion über die zionistischen Probleme in der „Morgenzeitung'\ In ihrer Ausgabe vom 17. Oktober 1926 bringt sie Aeußrrungen von Dr. Leo Goldhammer, einem Mitglied des österreichischen Landeskomitees, die eine Bestätigung des in unserem letzten Leitartikel Gesagten enthalten. Dr. Goldhammer meinte nämlich: „Die Palästina- Politik ist gerade heute, wo sich die politische Konstellation im Hinblick auf die Ziele des Zionismus in einer sozusagen rückläufigen Welle befindet, mit um so größerer Bestimmtheit festzulegen. Gegenüber allen da und dort aus falschen Opportunitätserwägungen auftauchenden Vorschlägen für eine Aenderung unserer Maximalziele in Palästina muß meiner Meinung nach der Parteitag, ebenso wie es überall geschieht betonen, daß es nach wie vor und unverrückbar das Ziel der zionistischen Palästina-Arbeit ist, die jüdische Majorität im Lande zu erreichen, richtiger definiert: das jüdische Uebergewicht in Palästina anzustreben, nämlich jene wirtschaftliche Entwicklung des jüdischen Jischuw mit ständig zufließender produktiver Einwanderung, die dem jüdischen Element eine feste wirtschaftliche Verankerung im Lande, vor allem im Boden des Landes schafft. Nach wie vor muß das Hauptgewicht unserer Arbeit auf die reibungslose Erreichung dieses unseres Zieles in Palästina gelegt werden. Unter diesen Gesichtspunkten ist in den Ländern unserer Organisation mehr Augenmerk auf die Schaffung der Bedingungen für diese Palästina-Arbeit und ihre Ziele zu wenden, als auf die unsere Kräfte ohnehin übersteigende Durchführung aller Details der Palästina-Arbeit." Wie die Erreichung dieses Maximalzieles .reibungslos" vor sich gehen soll, verschweigt Dr, Goldhammer. Restaurant Gutii Wien II., Hollandatraße Nr. 1* Vornehmes Restaurant mit erstklassiger Küche Mittags- und AbcnÖ-Menu nach Wahl 5 2 — Übernahme von Diners und Soupers in und ausser Haus Jeden Samstag, Sonn- und Feiertag um 9 Uhr abends Soupers - Dansants (Jazz-Band: FRED REICHEL) Zum Besuch ladet höfl. ein , Qum Besitzer *\W>