Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 45 (29.10.1926)
- Date
- 1926-10-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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^Seite 8 m Nr. 45 lockt, als Milderungsgrund gelten lassen. Aber Herr Fritsch, der Jahrzehnte hindurch fast ungestört das Judentum und seine Religion mit den nichtswürdigsten Lügen und Verleumdungen überschütten durfte, war soweit gekommen, seinen fanatischen Judenhaß auch als Freibrief zur Mißachtung des Gesetzes und der Richter zu betrachten. Diese Meinung zu unterstützen und zu kräftigen, dazu fühlen sich deutsche Richter denn doch nicht berufen, und so wird Herr Fritsch am späten Abend seines Lebens noch erfahren, daß auch der Fanatismus, der sich gegen Judentum und Juden austoben will, seine Grenzen hat. * * * Die Verhandlung in dritter Instanz hat abermals die mit Bestimmtheit erwarteten Erleichterungen für die Francsfälscher gebracht. Wahrhaftig, hätte das ungarische Gerichtsverfahren nur noch ein paar Gerichtsverhandlungen in dieser Angelegenheit ermöglicht, dann wäre für Se. Durchlaucht, den Reichsverweser Nikolaus v. Horthy, nichts zu tun übrig geblieben. Und wie weh hätte dies dem edlen Manne getan, dem ersichtlich nichts so viel Freude macht, als von dem idealsten Rechte Gebrauch zu machen, das ihm seine hohe Stellung verleiht: dem Rechte, Gnade zu üben! * * * Zu Weihnachten soll in Ungarn eine Amnestie die Tore der Gefängnisse öffnen, in welchen Männer schmachten, die wegen politischer Verbrechen verurteilt wurden. Die Rassenschützler sind überzeugt, daß Graf Bethlen die Gelegenheit benützen wird, sich im Glänze höchsten Edelmutes zu zeigen. Es ist wahr, daß Graf Bethlen zwingende Gründe hatte, vor und während des Prozesses die Francsfälschungsaffäre jedes politischen Charakters zu entkleiden und ihre Helden als gemeine Verbrecher verurteilen zu lassen. Das war er seinem Kabinett schuldig. Kommt es aber zur Frage der Amnestie, dann kann Graf Bethlen, da alle Regierungskrisen überwunden sind, allerdings mit gutem Gewissen die Herren Windischgrätz und Nadossy der Gnade des Reichsverwesers als erprobte und bewährte Politiker empfehlen. Ihnen wird es helfen, und ihm wird es nicht mehr schaden. Ego. Zionistische Bureaukratie. Die Jerusalemer Beamtenorganisation hat gegen den früheren Leiter des Keren Hajessod in Deutschland und gegenwärtigen Sekretär im Hauptbureau des Keren Kajemeth üi Jerusalem, Julius Berger, einen Beleidigungsprozeß angestrengt, und zwar wegen eines im „Dawar" und in der Berliner „Jüdischen Rundschau" erschienenen Artikels (über die zionistische Beamten!"rage. Berger, ein genauer Kenner der Verhältnisse, schrieb in diesem eine sehr scharfe Kritik des gegenwärtigen Zustande« innerhalb des zionistischen Beamtenwesens enthaltenden Aufsatz unter anderem folgendes: „Ist es nicht eine kaum glaubliche Tatsache, daß ein zionistischer Beamter in Erez Israel de facto unabsetzbar ist? Er mag noch so ungeeignet sein, der Posten mag noch so überflüssig sein, das Gehalt, das er sich im Laufe der Jahre ersessen hat, mag iim Verhältnis zu seinen Leistungen noch so übertrieben sein — das macht nichts. Nicht das Interesse des Aufbaues des Landes ist entscheidend, sondern das materielle Interesse des einzelnen Beamten. Das ist der Zustand, der in Erez Jsrael herrscht und den man mit aller Gewalt zu befestigen und zu verewigen sich . bemüht. Und dann wundern wir uns, daß wir eine übermütige Bureaukratie haben. Aber noch etwas kommt hinzu; das ist der Einfluß, den in wachsendem Grade die Parteien auf die Besetzung der Beamtenposten nehmen. Dieses Bestreben sehen wir in Erez Israel genau so wie in der Galuth. Wenn heute ein Beamtenposten frei wird, wird er zum Spielball der Forderungen der einzelnen Parteien, die ihre Kandidaten hineinzubringen versuchen, ganz gleichgültig, ob sie geeignet sind oder nicht. Die Hauptsache ist, daß die Partei stark und stärker in den Aemteoi vertreten ist.. Immer wieder hören wir aus der Galuth die Klage, daß der infolge der katastrophalen Wirtschaftslage in Europa leider dringend notwendig gewordene Beamtenabbau in den zionistischen Aemtern daran scheitert, daß die Parteien das nicht zulassen. Sie nützen die Macht aus, die sie in den in Frage kommenden Kommissionen haben, um zu verhindern, daß Beamte entlassen werden, die ihrer Partei angehören. Das hindert sie nicht, nachträglich über die unerträglichen Kosten zu schelten. Weite Kreise der Beamten glauben, daß für ihre Existenzsicherung nicht mehr so sehr ihre Fähigkeit und Leistung entscheidend ist, als ihre Zugehörigkeit zu ihrer Partei, die sie schützt Begreifen wir diesen Tiefstand! Nehmen wir den Kampf dagegen auf! Es droht eine schwere Gefahr. Wenn der Zustand, wie er heute herrscht, weitergehen soll, wenn weiter statt einer zionistischen Beamtenschaft 'eine zionistische Bureaukratie großgezüchtet werden solh dann mag es eines Tages wohl schlecht um das Werk aussehen. Wir wissen, daß weite Teile der Beamtenschaft, vielleicht der größere, diese Gefahr erkennen und die gegenwärtige Strömung als ebenso verderblich ansehen wie wär. Mögen sie ihre Stimme erheben und Remedur verlangen!" Zu diesem bevorstehenden Prozeß schreibt Dr. Fritz Löwenstein, Jerusalem, in der „Wiener Morg'enzeitung": „Der Prozeß als solcher ist nur ein Beweis übergroßer Empfindlichkeit, die zwischen sachlicher, wenn auch scharfer Kritik und persönlicher Verunglimpfung nicht zu unterscheiden vermag. In Wirklichkeit hat Berger ein Problem angeschnitten, das heute in weiten Kreisen als aktuell empfunden wird. Bedeutet es außerhalb Palästinas im allgemeinen ein persönliches Opfer, zionistischer Beamter zu sein, so liegen die Verhältnisse in Palästina ganz anders wo bei der schweren wirtschaftlichen Lage und bei der im allgemeinen schlechten Bezahlung der zionistische Beamte mit einem Durchschnittseinkommen von etwa 30 Pfund Sterling und vielfach darüber an der Spitze der sozialen Leiter stellt und .deshalb viel beneidet und viel angefeindet ist. Ein Gehalt von 30 Pfund Sterling ist an und für sich kein zu hoher Gehalt. (Daau bemerkt die „Morgenzeitung": In Ländern mit mittlerer Valuta ist ein Gehalt von 1000 Schilling als ein ziemlich hoher anzusehen) und man würde in Europa nicht auf den Gedanken kommen, dieses Gehalt als zu hoch anzugreifen (nach der obigen, ganz richtigen Einwendung der „Morgenzeitung" ist eine solche Unmöglichkeit nicht gegeben. D. Red.) Anders hier, wo es als ein sehr hohes Einkommen erscheint und wo man deshalb den Beamten einer ständiger Aufsicht durch die Oeffentlichkeit unterzieht." Dr. Fritz Löwenstein führt dann zwei Fälle an, aus denen er zu beweisen versucht, wie sehr die Beamten in der palästinensischen Presse kritisiert werden, und fährt fort: „Es ist verständlich, wenn in einer solchen Atmosphäre der palästinensische Beamte nervös wird und sich gerade an das Gericht in einem Falle wendet, wo in absolut ernster und sachlicher Weise Beamtenfragen zur Diskussion gestellt werden. Die Gefahr der Bureaukratisierung besteht zweifellos, und man sollte auf Mittel sinnen, sie hintanzuhalten. Jeder derartige Versuch sollte gerade der Unterstützung der Beamtenschaft sicher sein." Wir werden über den Prozess, der recht interessant. zu werden verspricht, noch ausführlich berichten. So viel steht heute schon fest: selbst die zionistische Presse muß es zugeben, daß das wirtschaftlich schwache Palästina unter einer übermäßig starken Bureaukratie schwer leidet und hier energisch baldige Abhilfe verlangt.