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Die Wahrheit · 1926-10-29 · Heft 45 (29.10.1926) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 45 (29.10.1926)
Date
1926-10-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
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man sich in Nauheim geradezu wie in einem Paradies. Hier findet man sozusagen ein Otium cum dignitate, d. h. ein Ausruhen in wahrhaft menschenwürdiger, künstlerisch fein abgestimmter Umgebung, die in einer wunderbaren Natur die harmonisch ergänzende Einbettung findet. Nichts von dem aufdringlichen „Imperator"-Stil benachbarter — preußischer — Kurorte, einer Geschmacksverletzung, die besonders kraß auf der Saalburg bei Homburg sich aufdrängt, wenn man in dieser, übrigens durchaus verdienstlichen Leistung immer wieder unter den Machthaber des alten Rom dem Bild und Namen des „Einsiedlers von Doorn" begegnet. Schon die Erinnerung an Homburg zeigt, daß Nauheim in Wirklichkeit nichts weniger als langweilig ist. Im Gegenteil findet, wer Abwechslung sucht, sie kaum irgendwo noch so reichlich wie hier. Nauheim ist geradezu ein Knotenpunkt der schönsten Lustreiselinien. Wem nicht die gesellschaftlichen Zerstreuungen genügen, die Nauheim, wie jeder andere internationale Kurort, nur wunderbarerweise, ohne die Ruhebedürftigen zu stören, bietet, der kann im Qesellschaftsauto in die herrliche Umgebung Ausflüge unternehmen. Dicht neben Nauheim liegen Friedberg mit seinem Judenbade aus dem 13. Jahrhundert und seinem Museum, das aus der Zeit des Neanderthal-Menschen — auch dieses Tal ist ja nicht allzu weit — bis in die Gegenwart Sehenswertes bietet. Von Nauheim gelangt man auf kurzem Ausfluge nach Homburg, Frankfurt, Wiesbaden, und wie leicht läßt sich hieran eine Rheinreise knüpfen! Ueberall wehmütige und erhebende Erinnerungen an jüdische Duldergröße, aber auch Freude an einer herrlichen Natur und erlesenen Kunst aus alter und neuer Zeit. Vorbei an der Lorelei, die jetzt offenbar auch Bubikopf trägt, denn ein kleiner Bergrutsch zu ihren Füßen dürfte das goldene Haar bedeuten, das unter der Schere der unerbittlichen Mode gefallen ist, vorüber an Bacharach oder „Rachebach'*, wie es unsere Freunde vom Stahlhelm umgetauft haben, und allen den Burgen, die sich so romantisch ausnehmen und doch an eine rechtlose Zeit erinnern, deren Wiederkehr zu vereiteln das deutsche Judentum mit der einzigen Waffe sich tapfer bemüht, der zuletzt doch immer der Sieg zufällt, der von opferfreudigem Rechtsbewußtsein geführten Waffe des Geistes. Es ist ein schönes Stück Welt, durch das uns der Weg von Dresden nach Düsseldorf führt. Aber auch ein Siegeszug jüdischer Ehre. Hat sich auch in den letzten 15 Jahren manches gewandelt, unwandelbar blieb die jüdische Stammestreue, die überall in die Bresche tritt, wo es dem Wohle und Ansehen des Judentumes gilt. Wir wollen wünschen, daß es auch ferner so bleibe. Glossen. Herr Kunschak verliert immer mehr Besinnung und Logik und seine programmatischen Erklärungen werden immer pogromistischer. Er merkt noch immer nicht, daß selbst der beschränkteste Judenfeind es ihm verübeln wird, wenn er zur Reinwaschung der von dem klugen Dr. Seipel preisgegebenen christlichsozialen Größen immer wieder darauf hinweist, daß die Korruptionshelden Gesinnungsgenossen und die Enthüller der Korruption — Juden waren. In seiner Begriffsverwirrung klammert sich Herr Kunschak, dem man nach seinen Reden nur die genaue Kenntnis des „Götz von Berlichingen" zugemutet' hätte, an ein anderes Goethe-Wort, in welchem der Dichter von sich bekennt, daß er stets beflissen war, die Erinnerung an eine Dummheit durch eine größere vergessen zu machen. Dr. Seipel versichert, es gäbe verschiedene Christlichsoziale. Herr Kunschak macht lieber Unterschiede zwischen den Juden. Denjenigen, die für antisemitische Korruption gütige Nachsicht haben, zollt Herr Kunschak alle Achtung, die anderen aber charakterisiert er kurz als — Saujuden. Ist das die Widerlegung der Angriffe auf eine Wirtschaft, die man auch im Zusammenhang mit dem von Herrn Kunschak gewählten Epitheton zu nennen pflegt? Man soll sicherlich Unterschiede zwischen Menschen machen, aber wer . die Formel hierfür sucht, wird gut daran tun, sehr vorsichtig zu sein. Es kann ihm sonst passieren, daß der Schlag, den er gegen andere führt, nur ihn selbst trifft. Wer hätte nicht volles Verständnis für die Erbitterung, mit der ein Jude sich gegen die Antisemiten aller Couleurs wendet? Wer begriffe es nicht, wenn der Jude, falls sein eigener Sprachschatz ihm zu dürftig bei der Charakterisierung der antisemitischen Gesinnung erscheint, Anleihen bei einem Mommsen, einem Lueger macht, die hierfür die in ihrer Schärfe unübertroffensten Worte geprägt haben. Aber wer fände eine Entschuldigung für den Juden, der so gemein, so roh wäre, sich eine Aeußerung entschlüpfen zu lassen, durch die auch die Religion oder die Nation eines Antisemiten beschmutzt würde? Kein Jude brächte es zuwege, — sagen wir — einen Muselmann als — Saumohammedaner zu bezeichnen. Herr Kunschak scheint über diese Dinge anders zu denken. * * * Die Christlichsozialen aller Couleurs sollten, wenn ihnen Judenhaß nicht heiliger als die Lehre des Evangeliums dünkte, sich aus zwingenden Gründen vor jedem die jüdische Abstammung bekrittelnden Worte wie vor dem Feuer hüten. Das haben schon so viele Päpste und Kirchenfürsten so nachdrücklichst erklärt, daß die Juden es sich schon ersparen dürften, es zu wiederholen. Aber nicht nur Päpste und Kirchenfürsten wollen das Christentum gegen die Antisemiten schützen. Der "Vater des Schöpfers der paneuropäischen Idee, Graf Heinrich Coudenhove, glaubte, als eifriger Katholik seinen aristokratischen Stammesgenossen, die antisemitische Allüren zur Schau trugen, zurufen zu müssen: „Ich wäre stolz auf eine mögliche Stammesgenossenschaft mit den heiligsten Männern und Frauen, die je auf diesem Planeten gewandelt sind." Vor wenigen Tagen erst hat ein adeliger Gesinnungsgenosse Coudenhoves, Graf Adalbert Sternberg, gerade weil er sich als gläubiger Katholik bekennt, mit Stolz auf die Blutsverwandtschaft mit Juden erinnert, durch die seine Familie mit dem Hause Habsburg verwandt wurde. Die Hepp-Hepptfufer mögen sich noch so sehr krümmen un4 winden, die Lehre des Antisemitismus und das Bekenntnis zum Evangelium sind unvereinbar. Die Apostel des Antisemitismus werden es nie und nimmer in Vergessenheit bringen können, wer die ersten — Aposteln waren. * Deutsche Richter haben die Geldstrafe, zu der Herr Fritsch im Ehrenbeleidigungsprozesse, den Max Warburg gegen ihn angestrengt hatte, verurteilt worden war, in letzter Instanz in eine Gefängnisstrafe von vier Monaten umgewandelt. Offenbar hat sich den Richtern in diesem Falle die Vermutung aufgedrängt, daß Fritsch, der deutsche Antisemitenheros, auch in den kleinen Geldstrafen nur eine Ermunterung erblickte, fortgesetzt aus den nichtigsten Gründen einen tadellosen Ehrenmann, bloß weil er Jude ist, des schändlichsten Landesverrates zu zeihen. Man kann ja zugeben, daß Herr Fritsch ein bis zur Besinnungslosigkeit fanatischer Antisemit ist, man kann auch schließlich den Fanatismus, der unbewußt zu Uebertreibungen und Irrtümern ver-

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