Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 45 (29.10.1926)
- Date
- 1926-10-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Difc WAftftMSft Hr. 4$ Messias, als ers starb, war er ein betrogener Betrüger, eing verführter Verführer, ein Renegat und Verräter, in den Augen™ der Christenheit ein Erzbetrüger und „falscher Messias". Als solcher ist er in die Geschichte eingegangen: Der große Gelehrte der Judaistdk Leopold Zunz registriert in seinen „Gedenktagen" den „Tod des angeblichen Messias Sabbatai Zewi, der keine andere Spur seiner Wirksamkeit zurückließ, als die Spottschriften seiner Feinde". Viele Nachfolger hat er gefunden, die ihr Gefühlsleben mit der großen Sehnsucht ihres Volkes zu verbinden gesucht haben, mögen sie nun Miguel Cardoza, Jakob Querdo, Löb Frößnitz oder wie immer heißen. Es gab kleine Schwärmer und große Betrüger. Keiner aber hat so viel Hoffnungen wachgerufen, so viel Sehnsucht ausgelöst, so viel bittere Enttäuschung zurückgelassen, wie Sabbatai Zewi, der hehre Messias — der gemeine Betrüger. Die Literatur hat sich seiner schon bemächtigt: L. Storch hat seinen „Jakobsstern" der Sabbatai-Zeit entnommen, Fr. Maitzahn hat ihn in seinem „Falschen Messias" beschrieben, S. Schachnowitz hat in seinem „Messias der Juden" Roman und Geschichte zu verbinden gesucht. Dichterisch erfaßt und künstlerisch bearbeitet haben das Thema der Pole Jerzy Zulawski in seinem Drama „Das Ende des Messias" und der bekannte Jargondichter, Verfasser des „Gott der Rache", Sch. Asch in seinem „Sabbatai Zewi". Aliit letzterem btü^k hat die auch in Wien bekannte New Yorker Morris Schwarz-Truppe große Erfolge gefeiert. Aber der große Dichter ist ihm noch nicht erstanden: Max Brod hat uns in seinem gewaltigen ,J3awid Reubeni" das' Glück und Ende dieses Messias, der nicht mit Geist und Wundern, sondern mit Kraft und Waffen erlösen kam, geschildert. Sabbatai Zewi harrt noch seines Dichters. Von Dresden bis Düsseldorf. Reiseeindrücke von G. (Schluß.) Zu um so größerem und dauerndem Ruhme gereicht es nun der jüdischen Gemeinde Düsseldorf, vor allem ihrem Vorsitzenden Herrn Erich Feiseiithal, daß sie sofort es übernahm, die Kosten eines eigenen Pavillons in der Höhe von etwa 100.000 Mark aufzubringen. Die Größe dieser Leistung kann man nur ermessen, wenn man die wirtschaftliche Lage Deutschlands im allgemeinen und insbesondere die der deutschen Juden kennt, und die geistige Arbeit, die ein solches Werk erfordert, nur wenn man selbst daran beteiligt war. Und in dieser zweiten Hinsicht war das Los Düsseldorfs abermals glücklich gefallen. Herr Felsenthal hatte in der örtlichen Geschäftsleitung würdige Werkgenossen gefunden in dem Rabbiner seiner Gemeinde, Herrn Dr. Max Eschelbacher, der sich nahezu zwei Jahre lang ausschließlich dieser Arbeit widmete, und Herrn Dr. med. et phil. Adolf S i n d 1 e r, der sich besonders die Darstellung des modernen Teiles dieser Gruppe zu seiner Aufgabe machte. Das Verdienst dieser drei wackeren Pioniere darf nicht und soll nicht durch Aufzählung anderer Mitarbeiter verkürzt werden. Nur ein einziger Umstand läßt sich nicht gut verschweigen. Nachdem die Gemeinde Düsseldorf aus Eigenem und durch auswärtige Sammlungen 65.000 Mark aufgebracht hatte, war ein weiterer Betrag von 20.000 Mark sofort zu zahlen. Und dieses Defizit deckte ein einziger Düsseldorfer Jude momentan durch ein unverzinsliches Darlehen! Aber der Erfolg lohnte die Mühe. Wie im Vorjahre auf der Jahrtausend-Ausstellung in Köln notorisch eingefleischte Judenfeinde sprachlos vor den Dokumenten standen, die jüdisches Heimatsrecht im Rheinlande bis in die Römerzeit zurück belegen, so war in Düsseldorf oft die Klage zu hören, daß man im jüdischen Pavillon die einzelnen Gegenstände, besonders an Sonntagen, gar nicht näher betrachten konnte, so dicht drängte sich die Masse christlicher Besucher vor den Ausstellungsobjekten. Wieder war es hier das alte Judentum, das den Uneingeweihten überraschend Neues lehrte. Heil der Gemeinde, die sich solcher Tat für die Ehre des jüdischen Namens rühmen darf! Aber auch die räumliche Spanne zwischen Dresden und Düsseldorf bietet dem jüdischen Reisenden eine überwältigende Fülle wertvoller Eindrücke. Wenn man nur die Synagogen betrachtet! Nicht allein die Pracht der Bauten macht einen Wiener ganz kleinlaut. Man gehe nur in die erste beste Dorfsynagoge. Vielleicht lächelt man, wenn man da am Rausch chaudesch das Haudu nach der Melodie „Stimmt an [mit hellem, hohen Klang" und das Ono nach der Weise „Freiheit, die ich meine" vortragen hört. Aber die Innigkeit, mit der hier ohne Sulzer, Lewandowsky und andere Größen schlicht „geort", auch, besonders das „En kelohenu" von der ganzen Gemeinde im Chor gesungen wird, wirkt ergreifend. Es ist echter Gottesdienst. Diese Leute kommen her, um zu beten. Und dann die Gemeindehäuser, die verschiedenen Institutionen, besonders das geistige Leben! Manches kann man nicht ohne Neid betrachten. Und doch! Alles schwärmt für das schöne Wien! Es ist, sagen sie draußen, die einzige Stadt, in der man kein Heimweh fühlt! Aber nicht nur Herz und Geist, auch der Magen kommt auf seine Rechnung, die freilich für unseren österreichischen Gasthausmaßstab mitunter etwas hoch ausfällt, Virchow kaufte sich einmal auf einer Eisenbahnfahrt an jeder Station ein Butterbrot, um an der Hand dieser Belege zu beweisen, daß die sogenannte „Butter" in Wahrheit meist Margarine war. So kann man sich auch an der Hand der Gasthausleistung, insbesondere was sich die jüdischen Speisewirte in Preisen leisten, eine kullinarische Statistik und Geographie zusammenstellen. Und da muß man sagen, daß in den verschiedenen Städten und Städtchen Westdeutschlands die Erfahrungen auf diesem mehr oder minder geschmackvollen Gebiet starke Schwankungen aufweisen. Aber konstant ist die mustergültige Aufmachung, Milieu und Bedienung. Auch ist der Abstand zwischen den Preisen in koscheren und anderen Restaurants bei weitem nicht so horrend wie in manchen Gegenden unseres lieben Oesterreich, auch nirgends Wirte, die einem einen Kurort verleiden. Wenn deutsche Juden nach den Sommerferien ihre Eindrücke austauschen, hört man manchmal, wie sie die einzelnen Orte, die sie besucht haben, hauptsächlich nach der Güte der Küche differenzieren. Ganz besonders Frankfurt und seiner Umgebung wird da die Palme zugesprochen. Wie man sich immer wieder überzeugen kann, nicht mit Unrecht. Vor allem liegt viel daran, daß selbst in kleineren Städten, besonders in Kurorten, die Konkurrenz, wenn auch nicht immer das Geschäft hebt, so doch die Preise zur Erträglichkeit herabdrückt. Man weiß, was ein annehmbares jüdisches Restaurant für den Juden bedeutet, und wie viele durch unleidliche Speiseverhältnisse in Versuchung geführt werden, der rituellen Kost, die sie zu Hause führen, in der Fremde den Rücken zu kehren. Der grundgescheite Dr. Heinrich Meyer Cohn in Berlin pflegte zu sagen: „Das einzige, was der Jude unterwegs braucht, ist ein gutes jüdisches Restaurant." Und wenn wir auf solche jüdische Gasthöfe stoßen, die den verwöhntesten Ansprüchen gerecht werden, ohne zu „würzen", so kann man das ruhig und ohne sich einer Uebertreibung schuldig zu machen, als eine jüdische Kulturtat bezeichnen. Wenn man z. B. — ganz objektiv geurteilt, denn wir machten davon keinen persönlichen Gebrauch und stehen zu dem Besitzer in „keinerlei wie immer gearteten Beziehungen" — das Hotel Bellevue in Nauheim betritt, so verschlägt es einem den Atem vor Staunen über diesen erstklassigen Geschmack. Halle, Speisesaal von einer Pracht, die um so wirksamer, als sie nichts Protziges aufweist, Lift, Zentralheizung, fließendes kaltes und warmes Wasser, Zimmer mit Bad, das überbietet wirklich alles, was man selbst auf deutschem Boden gewohnt ist. Und der Preis? Aufwärts von 10 Mk. Zimmer mit Pension. Und gerade Nauheim ist der klassische Fall der heilsamen Konkurenz. Wir Oesterreicher mit unserem Schilling, dem in Deutschland in der Praxis die Mark entspricht, können uns nicht bis zu Adlers Bellevue versteigen, brauchen aber trotzdem nicht zu darben. Man speist gut bürgerlich auch im Hotel Flörsheim, auch in einem Restaurant mit österreichischer Küche, besonders aber im Stammhaus der Adler-Dynastie, das gegenwärtig von dem Schwiegersohne des Stammvaters, Herrn Eichberg, und seiner Gattin geleitet wird. Wir halten diese Einzelheiten für wissenswert, weil man immer wieder erfahren muß, daß man auch für diese Dinge einen Bädeker braucht, wenn man nicht weit tiefer in den Beutel greifen will, als es nottut. Ueberhaupt ist Nauheim nicht nur weit besser als sein Ruf, sondern gerade dieser Ruf ist sein Vorzug. Es gilt nämlich in weiten Kreisen als „langweiliges Nest". Nun ist einmal, was geschäftige, unruhige Leutchen mit unstillbarem Abwechslungbedürfnis „Langeweile" nennen, nichts anderes als die Ruhe, die Kurbedürftige, besonders überarbeitete Nerven, unbedingt brauchen. Das erste Anzeichen der wiederkehrenden Gesundheit ist es, wenn der Kranke sich zu langweilen anfängt. Dem Kranken, auch dem Uebermüdeten ist Ruhe erstes Erfordernis. Wenn man nun an gewisse Modebäder denkt, die seit Jahren durch den Nachtbetrieb der Bars selbst einem Gesunden den Schlaf illusorisch machen, so fühlt