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Die Wahrheit · 1926-10-29 · Heft 45 (29.10.1926) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 45 (29.10.1926)
Date
1926-10-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Hr. 45 m WAHtgüttt ittVi* Saite 5 „Man kann, glaube ich, nur sagen, daß die antisemitische Bewegung das Judentum in Deutschland nicht nur nicht geschwächt, sondern ganz im Gegenteil gestärkt hat. Durch die heftigen Angriffe wurde das Zusammengehörigkeitsgefühl unter der deutschen Judenschaft gestärkt, da alle das Empfinden haben, gegen einen gemeinsamen Feind einen allen Juden aufgezwungenen Kampf führen zu müssen. Wir können in Deutschland bereits seit 15 Jahren eine starke jüdische Renaissance beobachten, die glücklicherweise auch die jüdische Jugend ergriffen hat. Ja, es macht sich sogar eine beachtenswerte religiöse Strömung in jüdischen Kreisen und vor allem auch innerhalb der jüdischen Jugend Deutschlands bemerkbar. Die Abfallbewegung vom Judentum hat wesentlich nachgelassen und, wenn Austritte aus dem Judentum erfolgen, sind sie fast ausschließlich auf kommunistische und radikalsozialistische Propaganda zurückzuführen." Auf die Frage nach der derzeitigen geistigen Einstellung des deutschen Judentums antwortete Dr. Bäck: „Die deutsche Judenschaft hat ein großes Erbe zu verwalten; denn fast die gesamte jüdische Wissenschaft der letzten Jahrhunderte hat ihren Ausgang vom deutschen Judentum aus genommen. Dieses Erbe unserer Väter muß von uns sorgsam gehegt und gepflegt werden. Die deutsche Judenschaft macht alle Anstrengungen, um dieser Aufgabe gerecht zu werden. Drei große theologische Anstalten sind bemüht, dieses Erbe unserer Väter zu verwalten und die jüdische Wissenschaft nicht nur fortzupflanzen, sondern auch zu bereichern und zu vertiefen. Die Akademie für die Wissenschaft des Judentums in Berlin bildet gewissermaßen die Zentrale aller dieser Bestrebungen. „Glauben Sie, daß die Bemühungen der führenden Geister des Judentums zur Versöhnung der sich gegenseitig bekämpfenden Richtungen innerhalb des Judentums beitragen könnten?" „Zunächst will ich feststellen," sagte Dr. Bäck, „daß die inneren Gegensätze im deutschen Judentum durchaus nicht so groß sind, als es manchem erscheinen könnte, der die Vorgänge bei den letzten Wahlen in die verschiedenen jüdischen Vertreterkollegien beobachtet hat. Die Gegensätze sind durchaus nicht unüberbrückbar, wenn auch die Häufung der verschiedenen Wahlbewegungen eine gewisse Erregung in die deutsche Judenschaft bedauerlicherweise hineingetragen hat. Jetzt haben zwischen den liberalen und den orthodoxen Juden bereits Kompromißverhandlungen begonnen, die, wie ich hoffe, zu einem günstigen Resultat führen werden, und auch der jüdische Nationalismus und Zionisrmus ist bei uns durchaus nicht so radikal gesinnt, wie dies in Oesterreich der Fall ist, sondern er gliedert sich ein in den großen Rahmen des gesamten deutschen Judentums." Ueber die Eindrücke befragt, die Dr. Bäck in Wien empfangen habe, antwortete er: „Der tiefe Eindruck, unter dem ich gegenwärtig stehe, ist der Tod Professor Ehrmanns. Diesem Eindrucke gegenüber verschwinden alle anderen." Sabbatai Zewi. Zu seinem 250. Todestag. Von Salo Rappaport. Baden. Unter den vielen Männern, die mit ihrer Persönlichkeit religiöse Schwärmerei und Begeisterung erregt haben, ist Sabbatai Zewi, der berühmte falsche Messias, dessen 250. Todestag in. den Herbst dieses Jahres fällt, einer der interessantesten, und die von ihm hervorgerufene sabbatianische Bewegung eine der originellsten unter all den vielen religiösen Bewegungen, von denen sich Menschen erschüttern ließen. Es sind dem jüdischen Volk in allen Jahrhunderten Männer erstanden, die von einem inneren religiösen Feuer durchglüht, von der physischen Not ihres Volkes schmerzlich ergriffen, von dem Glauben an die längst verkündete Prophezeiung von der Erlösung aus der Zerstreuung und der Ankunft des Erretters erfüllt, sich selbst für diesen Retter hielten, wobei sie bei der stets glaubenseifrigen; gedrückten Menge einen gut bereiteten Boden fanden. Es ist eine ewige Gleichförmigkeit in der Erscheinung dieser Menschen, die einer höheren Macht zu folgen glauben, durch Umstände begünstigt, unerhörte Erfolge erzielen, um dann entweder als unsterblich in die Geschichte einzugehen oder als Zauberer oder Betrüger entlarvt, verspottet und gerichtet zu werden. Es ist die gleiche Erscheinung mit wechselndem Ausgang, ob es sich nun um die Engelserscheinungen Mohammeds handelt, der zum Prophet aller „Vollgläubigen" wird, oder etwa um Johanna d'Arc, deren innere Stimmen sie zur verfluchten Zauberin und dann zur Heiligen werden lassen, oder um Visionen Sabbatai Zewis, der als Erlöser begann und als Betrüger endete. Aber ein großer Unterschied liegt zwischen Sabbatais messianischer Schwärmerei und all den anderen: die Ursache des Erfolges ist eine andere; war sie bei Mohammed und Luther die überragende Macht der Persönlichkeit, bei Johanna die begeisternde Kraft, wie man sie bei Menschen und Völkern in höchster Not öfter findet, so war Sabbatai Zewi nebst diesen, vor allem der verkörperte Träger der Volksseele, dessen Wirksamkeit vor allem durch die nimmer zustill ende Sehnsucht seines Volkes nach dem idealen Staate, dem Reiche Gottes, das sie selbst im heiligen Lande errichten wollten, lag. Sie hofften immer auf den Messias, der ihnen unter Zeichen und Wundern erscheinen werde, um sia mit Macht- und äußerem Glanz in ihr Staatswesen einzusetzen. Aus diesem ewigen Sehnen, welches durch Haß und die Verfolgungen des 30iährigen Krieges und des Chmielnizki-Pogroms in der Ukraine noch verstärkt war und das noch vor die Zeit Christi zurückreicht, erschien immer wieder ein Messias, der mit wechselndem Glück der Erfüller dieser Wünsche zu sein versuchte. Mit inneren, dämonischen Stimmen begann es heim jungen Sabbatai. Es folgten Visionen Heiliger und Prophezeiungen von Ahnen: er lebt abgeschlossen in Smyrna, seiner Heimat, von Freunden verlacht, von Fremden gefürchtet und gemieden; bis ihm plötzlich die große Offenbarung erscheint — eine mystische Schrift in die Hand gespielt wird, die ihm das Vertrauen zu sich selbst gibt. Er gibt sich als Erlöser zu erkennen, wird fei seiner Heimat, wie jeder Prophet, verlacht. Aber beredte Apostel und gläubige Propheten traten für ihn auf, tragen seinen Ruhm in alle Länder, bis ins ferne Polen, wo ihm begeisterte Anhänger erstehen, die bis über seinen schmählichen Tod hinaus auf die Erlösung durch ihn hofften. In Deutschland verkaufen die reichsten und angesehensten Leute ihre ganze Habe um billiges Geld — wie in den rührend gläubigen Memoiren der Glückel von Hameln zu lesen ist —, um auf den ersten Posaunenschall hin dem Messias des ewigen Friedens zu folgen. In Holland jubelt man ob der Erlösung und Gelehrte deuten das in der Hefligen Schrift angedeutete Erlösungsjahr in kabbalistischmystischer Weise auf das Jahr 1648, in dem Sabbatai auftauchte. Höchstes und Niederstes kommt in Ekstase: Eine dirnenhafte Jüdin aus Polen fühlt sich als vom Himmel bestimmte Braut des Erlösers und wandert als Messiasbraut, alle durch ihre Schönheit berückend, zu ihrem „König-Erlöser" nach Italien. Und als der Sultan den zurückgekehrten Sabbatai auf Abydos internieren läßt, hört die Schwärmerei noch lange nicht auf; erst als dem Sultan die Sache zu bunt wird und er Sabbatai verhaftet und dieser den Turban nimmt, kommt die Ernüchterung. Ein nochmaliger Versuch mißglückt, Sabbatai wird verbannt und stirbt im September 1676 in Dulcigno. Aus der höchsten Liebe wird der tiefste Haß. Auf der Höhe seines Ruhmes war er der erhoffte

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