Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1926-10-29 · Heft 45 (29.10.1926) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 45 (29.10.1926)
Date
1926-10-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3062972-3063973-3064014--14951-3082538
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 Dffi WAHRffHT Nr. 45 des übrigen Organismus, dessen Erkenntnis durch seine Arbeiten in hervorragendem Maße gefördert wurde. Wegen seiner bahnbrechenden Arbeiten auf dem Gebiete der Geschlechtskrankheiten wurde Professor Ehrmann zum Generalsekretär der „Oesterreichischen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten", welche Stellung ihm Gelegenheit gab, sich auf einem wichtigen sozialhygienischen Gebiete erfolgreich zu betätigen. Während sich viele andere in hervorragender Stellung befindliche Juden seiner Zeit bemühten, ihr Judentum zu verbergen, hat sich Professor Ehrmann jederzeit offen als Jude bekannt; er war stolz auf sein Judentum und ganz von der. heiligen Mission durchdrungen, welche ihm die Zugehörigkeit zum Judentum auferlegte. Um dieser hohen Aufgabe voll und ganz gerecht werden zu können, nahm er sich trotz seiner beruflichen Ueberbürdung die Zeit, um immer tiefer in den Geist der Bibel und der Propheten einzudringen, um Mischna und Talmud gründlich zu studieren. Wenn man ihn nicht nur an den hohen Feiertagen in der Synagoge mit tiefer Inbrunst sein Gebet verrichten sah oder wenn man ihn, etwa im „Vereine für jüdische Geschichte und Literatur" vortragen hörte, glaubte man einen großen Rabbi vor sich zu sehen; so gewaltig war der Eindruck, den die Innigkeit seines jüdischen Fühlens und die Tiefe seines jüdischen Wissens auf jeden machen mußte. Es nimmt daher nicht Wunder, wenn die Judenschaft in Professor Ehr mann einen ihrer geistigen Führer erblickte. In der Tat besaß er auch ein Führertalent, wie man es selten findet. In dieser Eigenschaft als Führer konnte er eine Tatkraft und Willensstärke entwickeln, die man dem kleinen Manne mit dem bescheidenen Aussehen kaum zugemutet hätte. Als langjähriger Präsident und späterer Großpräsident des Ordens „Bne Brith" hat er sich unvergängliche Verdienste um den. gesellschaftlichen Zusammenschluß und die geistige Hebung der ersten Kreise der Wiener Judenschaft erworben, einen kulturellen und geistigen Mittelpunkt für das österreichische Judentum geschaffen und zur Intensivierung des jüdischen Denkens und Fühlens wesentlich beigetragen. Die Verdienste auf humanitärem Gebiete, die sich dieser stets im Dienste der Wohltätigkeit stehende Mann erworben hat, sind so gewaltige, daß sie an dieser Stelle auch nicht nur annäherungsweise geschildert werden können und einer späteren eingehenden Würdigung unterzogen werden sollen. Die Wiener medizinische Fakultät verliert in Professor Ehr mann einen ihrer hervorragendsten Gelehrten, einen Mann, der den Ruhm der Wiener Heilkunst in der ganzen Welt verbreitete und viel zur Hebung des Ansehens der Wiener Hochschule, der er 45 Jahre angehört hatte, beigetragen hat. Unersetzlich aber ist der Verlust, den die Wiener Judenschaft durch sein unerwartetes Hinscheiden erlitten hat, und die Lücke, die sein Tod in ihre Reihen gerissen, dürfte nicht so bald ausgefüllt werden, war er doch einer ihrer besten, treuesten und tatkräftigsten Söhne. Möge der Schmerz, den wir alle ob des Hinscheidens dieses überaus verehrten und geliebten Mannes empfinden, gelindert werden durch das Gefühl des Stolzes, daß ein solcher Mann unser war!*) Gespräch mit Oberrabbiner Prof Dr. Leo Bäck. Am Beginne der Unterredung, die ein Mitarbeiter der „W a h r h e i t" mit dem Berliner Oberrabbiner Prof. Dr. Leo Bäck, einem der geistigen Führer der deutschen Judenschaft, hatte, gab dieser seiner Freude darüber Ausdruck, mit dem Vertreter eines Blattes sprechen zu können, das für die Interessen des Judentums in so energischer Weise eintrete. „Auch ich lese in Berlin oft und gerne „Die Wahrheit", sagte Dr. Bäck, „besonders um mich über die Lage der österreichischen Judenschaft, die ja ein Teil der deutschen Judenschaft ist, näher zu informieren." Auf die Frage, ob auch er das Empfinden habe, daß das deutsche und österreichische Judentum in kultureller und geistiger Beziehung eine Einheit bilde, antwortete Dr. Bäck: „Gewiß hat seit dem Zerfall der Monarchie das Gefühl der Zugehörigkeit zum gesamtdeutschen Judentum unter den österreichischen Juden gewaltige Fortschritte gemacht. Gemeinsame Sorgen, gemeinsame Leiden haben dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit weiter gestärkt." Auf die Frage, welche Bedeutung man dem Neuaufflammen der antisemitischen Bewegung in Deutschland und Oesterreich beimessen muß und ob dem Judentum von dieser Seite her schwere Gefahren drohen, sagte Dr. Bäck: „Ich glaube, daß die antisemitische Seuche, die jetzt in deutschen Landen wütet, von Freund und Feind stark überschätzt wird. Im Gegensatz zu anderen Ländern ist der deutsche Antisemitismus ein literarischer und „geistiger", wenn dieses Wort überhaupt in diesem Zusammenhange gebraucht werden kann. Er ist nicht der Ausdruck des Empfindens breiterer Volksschichten und wird auch von ernst denkenden Menschen nicht ernster genommen als eine bloße Literaturbewegung." „Wie steht es aber mit dem Rassenantisemitismus, der besonders in studentischen Kreisen vorherrscht?" „Allerdings ist hier der Antisemitismus tiefer liegend, er ist nicht mehr allein Literatur, sondern in gewisser Beziehung auch Weltanschauung. Wenn auch Pessimisten der Meinung sind, daß heute der Antisemitismus unter der deutschen Studentenschaft tiefere Wurzel geschlagen habe, als dies etwa zur Zeit Stöckers der Fall war, schließe ich mich der Auffassung der Optimisten an, welche der Ansicht sind, daß ebenso wie damals auch heute die Studenten, wenn sie ins Leben treten werden, ihre antisemitische Einstellung allmählich verlieren werden." „Welche Stellung nimmt die deutsche Judenschaft zu den heftigen antisemitischen Angriffen, wie verhält sie sich gegenüber der ununterbrochenen Judenhetze?" *) Ueber das imposante Leichenbegängnis werden wir in der nächsten Nummer ausführlich berichten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.