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Die Wahrheit · 1926-10-29 · Heft 45 (29.10.1926) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 45 (29.10.1926)
Date
1926-10-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 45 DIE WAHRHEIT Seit« l Salomon Ehrmann. I Es ist eine bemerkenswerte Erscheinung in der jüdischen Geschichte, daß zahlreiche der hervorragendsten jüdischen Geistesheroen ihrem Berufe nach A e r z t e waren. So war einer der gewaltigsten Denker, den das Judentum hervorgebracht hatte, Moses ben Maimun, ein geschätzter und beliebter Arzt am Hofe Sultan Saladins in Aegypten, desgleichen der jüdische Philosoph I b n- E s r a. Auch Salomon E h r m a n n, dessen Heimgang das Wiener Judentum und mit ihm die Judenschaft der ganzen Welt betrauert, war einer der hervorragendsten Aerzte unserer Zeit und ein größer Denker zugleich. Man kann seinen Namen ungescheut nach dem des Maimonides nennen, wie überhaupt diese beiden Männer viel Aehnlichkeit besitzen. Gleich Maimonides war auch Ehrmann ein Weiser in des Wortes schönster Bedeutung. Bei beiden Männern waren umfassendes Wissen, besonnenes Wollen, reife Ueberzeugung und unerschütterliche Gesinnungsstärke harmonisch vereinigt, bei beiden war tiefe Religiosität mit klaren, nüchternen Gedanken gepaart und beide waren Weltweise, die neben dem jüdischen auch den gesamten Geist ihres Zeitalters in ihrem Denken konzentrierten. Behandelte Maimuni mit besonderer Vorliebe jene Teile der Mischna, zu deren Erklärung er die Lehrsätze der Mathematik, Astronomie, Physik, Anatomie und Logik heranziehen konnte, so suchte auch Ehrmann mit seinem naturwissenschaftlich geschulten Geiste das jüdische Schrifttum zu durchdringen, wobei ihn seine ungeheure Belesenheit nicht nur auf dem Gebiete der jüdischen Literatur, sondern auch der Literaturen der alten und moder- Isak die richtige Lebensgefährtin zu finden. Er kommt an den Brunnen und redet das Mädchen an: „Laß mich doch 'ein Wieras Wasser aus deinem* Kruge schlürfen." Vergleicht man die Schreibweise der Worte, die später Esau zu Jakob sprach: „Laß mich doch von diesem roten Gerichte schlingen", so findet man in unserer Stelle ein überflüssiges „i". Langsam, zaghaft und bescheiden kam die Bitte aus dem Munde des Dieners, der nur einen Schluck zu tun erbat, indes Esau seinen Mund gierig und heißhungrig aufriß. Die Antwort Rebekkas lautete: „Trinke, mein Herr!" Sie sagt nicht wie viel oder wie wenig der Fremde von dem im Oriente kostbaren Naß trinken soll — sie reicht eilends den Krug. Hier läßt die Thora im Worte „watored" das verlängernde Waw aus, um die flinke Bereitwilligkeit, mit der Rebekka den Krug von der Schulter nahm und dem dürstenden Elieser reichte, anzuzeigen. Als dann Elieser die Frage an Rebekka richtete: „Ist Platz im Hause deines Vaters für uns, um zu übernachten", schreibt die Heilige Schrift das Wort „Iolin" mit „j", was ein einmaliges Uebernachten, ein Nachtlager für kurze Zeit bedeutet. In der Antwort Rebekkas: „Es ist auch Platz zu übernachten" steht dasselbe Wort mit „waw" als „lolun" zu lesen, weil diese Form einen Aufenthalt für längere Zeit, ein „herbergen" beinhaltet. Bescheiden bittet Elieser ein Geringes, gastfreundlich gewährt Rebekka reichlich. — Die alten Gelehrten werden „Sofrim" genannt, sagt der Talmud, weil sie die Buchstaben der Thora zählten, auf alle und jeden sehr genau achteten und sie in ihrer Bedeutung festlegten. Hatten sie nicht recht so zu tun? Jeder Buchstabe hat seinen Sinn und seine Bedeutung. Als Rabbi Akiba sich anschickte, die Thora zu lernen, da sagte er: „Dieses Aleph — warum ist es geschrieben? Dieses Beth — warum ist es geschrieben?" So gelangte er hinter die ganze Weisheit der Thora. Buchstabenweisheit ist Kinderweisheit, Buchstabenweisheit enthält aber auch der Lehre tiefen Sinn, Dr, V, K u r r e i n. nen Kulturvölker unterstützte. Wenn die Möglichkeit, ein Polyhistor zu werden, infolge der immer weiter fortschreitenden Spezialisierung der einzelnen Wissensgebiete in der heutigen Zeit leider im Schwinden begriffen ist, wenn es immer schwerer wird, Polyhistor zu sein, Salomon Ehrmann war ein solcher Polyhistor und dürfte wohl einer der letzten gewesen sein, die fast das gesamte Wissen ihrer Zeit ihr eigen nennen durften. Aber Ehrmann besaß dieses ungeheure Wissen nicht für sich, sondern gleich Maimonides war auch er bestrebt, „Führer der Irrenden" zu sein und seine Mitmenschen mit den Früchten seines Wissens und seiner Arbeit zu beschenken. Neben hervorragender wissenschaftlicher Begabung besaß Salomon Ehrmann auch einen künstlerischen Sinn, wie man ihn selten findet, und betätigte sich auch auf dem Gebiete der Malerei als ausübender Künstler. Der Sinn für Kunst war schon frühzeitig bei ihm hoch entwickelt, sein Zeichen- und Maltalent ragte weit über den Durchschnitt hervor und es ist gewiß nicht uninteressant, daß Salomon Ehrmann, der im Jahre 1854 in O s t r ow i t z, einem kleinen böhmischen Dorfe, geboren wurde und später ein so hervorragender Arzt und Gelehrter werden sollte, sich einst dem Studium der Kunstgeschichte gewidmet hatte. Da er aber wegen der materiellen Aussichtslosigkeit dieses Studium nicht fortsetzen konnte, so groß auch seine Neigung hierfür war, bezog er im Jahre 1874 die medizinische Fakultät der Wiener Universität. Durch sein Zeichentalent lenkte er alsbald das Interesse des berühmten Physiologen Brücke auf sich, der ihn zu seinem Demonstrator machte. Nachdem er im Jahre 1880 zum Doktor promoviert worden war, widmete er sich besonders dem Studium der Pigmente und der Entstehung des Hautfarbstoffes, welche Forschungen seinen Namen in der Gelehrtenwelt bekanntmachten. Vom Jahre 1884 bis 1889 war er Assistent an der dermatologischen Klinik Prof. Neumanns und es verdient hervorgehoben zu werden, daß gerade diese Jahre die produktivsten dieser Klinik waren. Nachdem er sich im Jahre 1887 als Privatdozent für Haut- und Geschlechtskrankheiten habilitiert hatte, machte er Studien auf diesem Gebiete und es gelang ihm auch in bahnbrechenden Arbeiten, den Weg des syphilitischen Virus zu entdecken. Im Jahre 1900 erhielt er den Titel eines Professors, 1904 wurde er Primarius der dermatologischen Abteilung des Wiedner Krankenhauses und übernahm schließlich 1908 als Nachfolger Prof. Längs die dermatologische Abteilung im Allgemeinen Krankenhaus, der er viele Jahre vorstand. Im Jahre 1917 wurde Professor Ehrmann zum wirklichen Extraordinarius ernannt. Die Zahl seiner wissenschaftlichen Publikationen beträgt etwa 120, ein Zeichen seiner gewaltigen wissenschaftlichen Fruchtbarkeit. Professor Ehrmann war seit vielen Jahren auf allen ärztlichen Kongressen als unbestrittene Autorität in seinem Fache anerkannt und die medizinische Wissenschaft dankt ihm eine ganze Reihe hervorragender Entdeckungen, insbesondere aber war es der Zusammenhang zwischen den Erkrankungen der Haut mit krankhaften Veränderungen j^^^j^-^^i s;#W. ftߣ*^

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