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Die Wahrheit · 1926-10-29 · Heft 45 (29.10.1926) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 45 (29.10.1926)
Date
1926-10-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr 45 Werktätige Mitarbeit am Staate! Dies nämlich Ist der eigentliche Sinn des republikanischen Gedankens, dies sollte auch die Grundfeste sein, auf welcher unser Staat, welcher bekanntlich eine republikanische Verfassung besitzt, ruhen sollte. Während jedoch in früheren, monarchischen Zeiten der Staat als die Domäne der dynastischen und aristokratischen Kreise angesehen wurde, ist er heute Herrschaftsgebiet einer Parteiaristokratie, welche die Demokratie als ein gutes Geschäft ansieht. Diese „Aristokraten" betrachten nämlich den Staat teils als Melkkuh, gut genug, die verkrachten Parteigründungen wieder flott zu machen, teils als Propagandamittel, um dem bis zum Weißbluten ausgezogenen Steuerzahler ihre politische Kraft drastisch vor Augen zu führen. So wird der Staat zu einem Parteiunternehmen degeneriert, dessen einzelne Geschäftszweige, das sind Schule, Justiz, Verwaltung usw., ganz von Parteigewaltigen dirigiert werden. So wie mit dem Staate geht es auch mit den Ländern und Gemeinden. Diejenigen aber, welche vom Volke in die gesetzgebenden Körperschaften entsendet wurden, vertreiben sich die Zeit mit gegenseitigen Verleumdungen und Beschimpfungen, falls sie es nicht vorziehen, hypermoderne musikalische Darbietungen zu Obstruktionszwecken zum besten zu geben. Wenn aber das Obstruktionskonzert plötzlich verstummt, dann hat der einfache Staatsbürger und Steuerzahler allen Grund zur Befürchtung, daß auf seinem Rücken wiederum ein Ausgleich zustandegekommen ist, indem sich die politischen Gruppen Mittel aus den Steuergeldern für Zwecke, die zur Vergrößerung des Parteiansehens bestimmt sind, gegenseitig bewilligt haben. Wenn aber das Volk dieses Treibens müde zu werden scheint und sich innerhalb der breiten Massen eine Mißstimmung bemerkbar macht, welche die Wahlaussicht der Partei gefährden könnte, dann wird ganz einfach der Jude hervorgeholt und zu Propagandazwecken verwendet. Die einen durchstöbern eifrig alle Kontis und Aufzeichnungen der verkrachten Parteibanken, ob sich nicht doch vielleicht der eine oder andere jüdische Name unter den Kommittenten vorfindet, um ihren Gesinnungsgenossen die „engen Verbindungen zwischen christlichem Sozialismus und jüdischem Kapitalismus" deutlich vor Augen zu führen, die anderen wieder durchforschen die Ahnenreihe ihrer politischen Gegner, um diese als „Judenstämmlinge" zu diskreditieren. Stellt sich nämlich heraus, daß ein besonders aggressiver Politiker entweder selbst Jude ist, oder aber von Juden abstammt, dann können, wie das zum Beispiel Herr Kunschak getan hat, alle seine Argumente, und mögen sie noch so treffend sein, mit dem schlagkräftigeren Argument „Saujud" beantwortet werden. Auf diese einfache Art und Weise wird bei uns das Volk, wenn es sich eigene Gedanken über Politik und Politiker zu machen beginnt, wieder beruhigt, wobei das beste Beruhigungsmittel nach wie vor seine Aufhetzung gegen die Juden ist. Das ist das Um und Auf der österreichischen Politik, das ist es auch, was führende österreichische Politiker unter Demokratie verstehen. Diese zwar traurigen, aber leider wahren Feststellungen werden durch die Umstände bestätigt, unter welchen sich der letzte Regierungswechsel in unserem glücklichen Lande vollzogen hat. Weilet Abonnenten für Je Wiielt"! Buchstaben £eh ei m n i ss e. „Abraham hörte auf E'ron und Abraham zahlte dem Efron......" I, 23, lfi Efron, der Sohn des Zohar, der Fürst der Lhetiker, in deren Mite Abraham wohnt, ist der Besitzer des Feldes und der Hörde Machpela, die Abraham als Erbbegräbnis für die tote Gattin Sara erwerben möchte. Dadurch gelangt Efron zu /einer augenblicklichen Bedeutung, wird eine wichtige Persönlichkeit, weil jetzt von seinem Wort und Willen abhängt, ob Abraham das Gewünschte erreicht oder nicht So gut wie nichts meldet die Thora von der Sinnesart und dem Charakter dieses Mannes, der scheinbar großzügig und freigebig, schließlich ein sehr gutes und vorteilhaftes Geschäft abschließt Was die Thora verschweigt, ergänzt verständnisvoll die Ueberlieferung in ihrer Art. Wörter sind Buchstaben und Buchstaben machen Wörter, geben und nehmen Sinn und Bedeutung, lassen oft anderes sehen und anderes verstehen. Die Ueberlieferung hat mit scharfem Auge zwei im Texte fehlende „Waw", unscheinbare, wohl auch nicht unbedingt notwendige Buchstaben bemerkt und in diesem Mangel die fehlende Charakterschilderung Efrons aufzudecken vermocht. ,,Efron wohnte inmitten der Söhne Lhets", heißt es im Textworte, das bei dem Worte „joscheb" das übliche Waw vermissen läßt. Für die Ueberlieferung ist diese kleine Unregelmäßigkeit nicht belanglos, sondern der Anknüpfungspunkt, um zu erzählen, daß Efron nicht etwa seit langem im Besitze semer Fürsten würde war, sondern erst an diesem Tage zum Oberhaupt gewählt wurde und dies deshalb, weil die Lhetiker :wf die Abraham schuldige Ehrfurcht Rücksicht nahmen. damit dieser, der den Efron augenblicklich brauchte,, nicht mit einem Manne geringeren Standes verkehren müsse. Fürstlicher Stand verlangt fürstliche Gesinnung. Daß aber nicht diese, sondern eine geldgierige Krämerseele in Efron lebte» soll uns das zweite fehlende Waw verraten. Denn so oft dieser Name Efron im Texte vorkommt, ist er mit Waw geschrieben* nur an einer einzigen Stelle: vAbraham zahlte dem Efron das Geld, das er genannt hatte" läßt die Thora diesen Buchstaben aus, und das besagt, wie die alten Erklärer mitteilen, Efron sagte vidi zu, versprach das Feld und die Höhle zu schenken, aber er hielt auch weniges nicht, sondern verlangte eine Summe, die den Wert des Grundstückes weit überstieg, nahm große, hochwertige Münzen, denn die Schekel Efrons waren Talente. Darum wird auf ihn der Vers aus den Sprüchen Salomos angewendet: „Der neidische Mann jagt dem Reichtum nach und bedenkt nicht den Mangel, der über ihn kommt" Weil Efron auf das Geld des Gerechten miß^ günstig war, hat die Thora den Mangel eines Buchstabens in seinem Namen verfügt, um seinen Fehler und seine Untugend kundzutun. Sollte man aber glauben, die Ueberlieferung tue Efron Unrecht und daß er besser gewesen sei als sein Name sagt, so enthält die stille Zahlenweisheit mit ihrer sonderbaren Zufälligkeit ein weiteres Geheimnis. Zählt man nämlich den Zahlenwert der hebräischen Buchstaben des Namens Efron — ohne das besagte Waw — so stimmt er mit dem des Wortes „ajin ra" (mißgünstiges Auge) und ergibt die Zahl 400, die als Kaufpreis für die Höhle Machp-ela und das Feld verlangt wurde. So verraten Buchstaben, ob sie fehlen oder überschüssig sind, dem Eingeweihten seltsame Kunde, und wie sie von dem Geize Efrons und der Freigebigkeit Abraham1 erzählen, so wissen sie auch von Elieser, dem Diener Abrahams, und Rebekka, der Tochter des Bethuel, charakteristische Züge zu berichten. Dieser bescheidene, gewissenhafte Diener hat den keineswegs leichten Auftrag auszuführen, für

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