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Die Wahrheit · 1926-10-29 · Heft 45 (29.10.1926) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 45 (29.10.1926)
Date
1926-10-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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WAHRHEIT! relddsdie WocbensdirlH fflr iflfflsffle Interessen j r Oes&rrelclilsclie WocbensdirlH fflr iflfflsffle Interessen MU dem BefMatf: teröttenflidiungen der .«Union denfscftösterreitiilsdier Inden*" . " Redaktion und Administration: Wtem üelnetlrafl« 13. - Fernruf 42-2-16 XLII. Jahrgang Wien, 19. Oktober 1926 Nummer 45 Regierungswechsel. Die schleichende Regierungskrise, die bereits seil Monaten dem politischen Leben unserer Republik den Stempel aufgedrückt hatte und in einer ieit schwersten' wirtschaftlichen Notstandes die Entschlußkraft der Regierungsmitglieder und die Tätigkeit des. Parlamentes lähmte, hat nun ein Ende gefunden. An die Stelle £>r. R a m e k s, der sich trotz bester Absichten den schweren Aufgaben seines Amtes nicht gewachsen gezeigt hat und sich in peinliche Korruptionsaffären hineinreißen ließ, tritt nun der Führer der christlichsozialen Partei Doktor Seipel, der das Staatsschiff in beispiellosen wirtschaftlichen und politischen Stürmen den nächsten Wahlen entgegensteuern will. Wird es ihm gelingen, um die schroffen Klippen des Bankenuntersuchungsausschusses herumzukommen, ohne an ihnen zu zerschellen? Wird er imstande sein, den schweren Ballast, den die schwer kompromittierten Elemente in seiner eigenen Partei für die Regierung bedeuten, über Bord zu werfen, um leichter den hochaufgetürmten Wogen der Opposition Trotz bieten zu können? Wird er zu einem Ausgleich mit der Beamtenschaft gelangen können, ohne die durch Steuern, Zölle und Abgaben schwer belastete Bevölkerung noch schwerer zu belasten? Denn dadurch, daß man als Schiffsschraube, die das Staatsschifl vorwärts bringt, einzig und allein die Steuerschraube benützt, dadurch, daß die Gemeindetmd Regierungsgewaltigen in der Aufbürdung neuer Lasten geradezu konkurrieren, kann nie und nimmer eine Gesundung von Staat und Wirtschaft herbeigeführt werden: denn jede neue Last, die man den erwerbenden Ständen unseres Staates aufbürdet, führt zu einer Erhöhung der Lebenshaltungskosten der gesamten Bevölkerung; diese wieder hat neue Beamtenforderungen zur Folge und so weiter fort. Es könnte in diesem Falle dem neuen Leiter unserer Regierung ergehen, wie jenem Chirurgen, dar das Ergebnis einer von ihm vorgenommenen Operation seinen Schülern mit folgenden Worten zur Kenntnis bringt: Die Operation ist gelungen, der Patient ist tot. Auch der andere Weg, Wiener Christlichsozialen, sc hak, sicher nicht ohne Wissen und Willen unseres neuen Regierungschefs eingeschlagen hat, dürfte kaum zum Ziele führen: Wir meinen d i e Auf stachelung der antisemitischen Instinkte gewisser Bevölkerungskreise. Oder beginnt der Reinigungsprozeß innerhalb der christlichsozialen Partei, den Dr. Seipel vor kurzem angekündigt hat, damit, daß man alles Böse nach altbewährtem Muster auf die Juden schiebt? Sind vielleicht die Juden daran schuld, daß den der Führer der Abgeordneter K u n - einflußreiche christlichsoziale Politiker sich in die gewagtesten Spekulationen eingelassen haben, haben die Juden es zu verantworten, daß die Sparpfennige unserer Bauern und kleinen Gewerbetreibenden, die in Sparkassen und Parteibanken angelegt waren, zu den wüstesten Börsemanövern und Valutaschiebungen verwendet wurden? Oder meint vielleicht Herr Kunschak, daß Jesajas Aberbach, von dem im Zusammenhange mit dem Zentralbankskandale öfter die Rede war, derjenige war, welcher hohe kirchliche Würdenträger und maßgebende christlichsoziale Politiker dazu verleitet hat, gemeinsam mit ihm verschiedene ganz und gar unchristliche Börsentransaktionen durchzuführen? Nein, das alles konnte Herr Kunschak den Juden mit bestem Willen nicht vorwerfen. Wenn er in Versammlungsreden von „S a u j u d e ni4 sprach, so meinte er vielmehr jene jüdischen Abgeordneten der Opposition, die zur Aufdeckung der Bankenskandale beigetragen haben. Wir wollen ja durchaus nicht jenen Herren, die mit besonderer Wollust im Schlamme wühlen und sich an dem Schmutz und Unrat der anderen delektieren, als politische Engel hinstellen, die aus bloßer Lust an politischer Reinlichkeit und ohne irgendeine Nebenabsicht den christlichsozialen Sumpf austrocknen, aber ganz entschieden müssen wir uns dagegen wenden, daß Herr Kunschak Reden führt, wie etwa die folgende: „Ich habe vorhin erwähnt, daß die Leute, die diesen Kampf in der sozialdemokratischen Partei führen, ausschließlich Juden sind. Die Brandstiftun g, die in der Steiermark begonnen hat und in Niederösterreich fortgesetzt werden soll, wird dort nicht stehenbleiben, sondern weitergehen.Was daraus folgt, mögen die kaltschnäuzigen Juden verantworten. Ich fühle in mir die Kraft, die Begeisterung und die Verantwortung dafür, in d i esem Judensturm die Fahne Luegers wieder zu ergreifen, hochzuhalten und den Wienern voranzutragen." Nein, Herr Kunschak, auf dem Wege des Antisemitismus wird unser Staatswesen nicht saniert werden. Hat Herr Dr. Seipel wirklich die Absicht, auf die finanzielle Sanierung unseres. Staates auch eine moralische und w i r t-. schaftliche Sanierung folgen zu lassen, wie er dies immer wieder betont, dann gibt es hierzu nur ein Mittel: Er muß die gesamte Bevölkerung unseres Staates, die sich heute angeekelt von dem Treiben ihrer „Erwählten" von der Politik zurückgezogen hat und in deren Mitte sich eine besorgniserregende Staatsverdrossenheit bemerkbar macht, zur werktätigen Mitarbeit am Staate heranziehen — und zwar ohne Unterschied der Konfession. <ii£ft&J v: -K SU, - *?

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