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Die Wahrheit · 1926-10-22 · Heft 44 (22.10.1926) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 44 (22.10.1926)
Date
1926-10-22
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 44 DI£ WAffigffifT Seite 9 Wahrheiten vom Tage Das Jubeljahr. Zu den erbittertsten Judenfeinden Deutschlands zählt bekanntlich Theodor Fritsch, ein Mann, der seit Jahrzehnten einen heftigen Kampf gegen alles Jüdische führt. Insbesonders die jüdische Religion ist der Zielpunkt seiner Angriffe und mit geradezu fanatischem Hasse bekämpfte er die Heiligen Schriften der Juden. Nun aber ist etwas eingetreten, was den greisen Judenhasser in einem merkwürdigen Lichte erscheinen läßt. In Nummer 583 der von ihm herausgegelXenen Zeitschrift „Hamme r" (vom 1. Oktober 1926) befaßt sich Theodor Fritsch in einem von ihm selbst gezeichneten Artikel „Trustkönfg Morgan und die Kapital-Lawine" mit der Akkumulation der großen Vermögen in wenigen Händen, der eine Verelendung der großen Masse der Bevölkerung gegenüberstehe, denn „die großen Kapitalien bestehen aus den Schulden der anderen Leute, und so ergibt sich die falsche Gleichung: Je mehr Kapital — desto mehr Schulden". In seinen weiteren Ausführungen schildert nun Theodor Fritsch die furchtbaren Folgen, welche der ungehemmte Fortgang dieser Entwicklung für die Menschheit hätte, und wirft die Frage auf, „auf welche Weise die ehrlichen Völker vor der völligen Versklavung durch die Finanzdiktatur errettet werden könnten". Und mm schreibt er auf Seite 476 wörtlich folgendes: „Die alten Völker feierten alle fünfzig Jahre ein Hall- oder Jubeljahr, dessen Losung war: .Euer Schuldbuch sei vernichtet!' Alle eingegangenen Schuldpflichten wurden nach Ablauf dieser fünfzig Jahre getilgt, das Volk konnte wieder aufatmen und in neuer Freiheit sein Werk beginnen. Ohne Wiedereinführung dieses Halljahres ist die Menschheit verloren." Wer waren die „alten Völker" und ■ warum verschweigt Herr Theodor Fritsch geflissentlich ihre Namen? E i n Volk war es, welches die Einrichtung des Jubeljahres geschaffen, dem diese gewaltige sozialpolitische Errungenschaft zu danken ist: das von Theodor Fritsch gehaßte, gesehmähte und verunglimpfte Volk der Hebräer. Denn „J u b e I j a h r" sollte richtiger „J o b e 1j a h r" heißen, da es nicht mit dem deutschen Worte „Jubel" zusammenhängt, sondern mit dem hebräischen Ausdrucke „jobel", womit die alten Juden eine Art Horn oder Posaune bezeichneten, weil der Anbruch dieses Jahres einem Geüotc der Thora zufolge mit Posaunenschall allgemein verkündet wurde: „Und du sollst zählen", heißt es im 3. Buche Moses, Kapitel 25, Satz 8ff, „sieben solcher Feierjahre (gemeint sind die alle sieben Jahre wiederkehrenden Sabbatjahre), daß sieben Jahre siebenmal gezählt werden und die Zeit der sieben Feierjahre machen neun und vierzig Jahre aus. Da sollst du die Posaune erschallen lassen dureh das ganze Land, am zehnten Tage des siebenten Monates, am Tags der Versöhnung. Und ihr sollt das fünfzigste Jahr heiligen und sollt es ein Erlaßjahr heißen im Lande, allen die darin wohnen: denn es ist ein Jubeljahr, da soll ein jeglicher bei euch wieder zu seiner Habe und zu seinem Geschlecht kommen." In diesem Jahre, das in der Lutherschen Bibelübersetzung sehr schön und sinnvoll „Halljahr" genannt wurde, mußte in Palästina alle Feldarbeit ruhen, die Sklaven wurden freigelassen, die veräußerten Grundstücke gelangten ohne Kaufschilling wieder in die Hand ihres ursprünglichen Besitzers oder seiner rechtmäßigen Erben und alle Schulden wurden erlassen. Der Zweck dieser Einrichtung bestand darin, eine allzu krasse Ungleichheit der Vennögensverteilung hintanzuhalten und gesunde soziale Verhältnisse dauernd zu erhalten. Wenn daher Theodor Fritsch an der angeführten Stelle erklärt, daß „ohne die Wiedereinführung dieses Halljahres die Menschheit verloren ist", dann schlägt er als einziges Mittel zur Befreiung von der „Zinsknechtschaft" eine Maßregel vor, welche ein Gebot der von ihm so viel gelästerten Thora ist und bei den von ihm mit wütendem Grimme verfolgten Juden tatsächlich geübt wurde. Seine Vorschläge gipfeln in folgendem gesetzmäßig durchzuführendem Schritte: „Der unbegrenzt fortlaufende Zins, den ich den .ewigen Zins' genannt habe, ist aufzuheben. Mit jeder Zinszahlung ist eine Abschreibung von der Schuld zu verbinden. Jede Schuld gilt in spätestens fünfzig Jahren als getilgt." Theodor Fritsch als begeisterter Verkünder eines Thoragebotes, als Vorkämpfer für eine altjüdische Einrichtung! Richterernennung in Palästina. Der „Haare z" vom 19. September kritisiert die Ernennung des arabischen Dolmetschers des englischen Obersten Richters von Palästina zum Richter im Bezirk Tiberias und Safed. Er erblickt in ihr eine Verletzung der Interessen der Bevölkerung dieses Bezirkes und vor allem eine Kränkung der jüdischen Anwälte in Palästina. Diese neue Ernennung ist der zweite Fall der Besetzung eines solchen Amtes in einem jüdischen Gebiet mit einem Nichtjuden, der zweite Fall auch der Einsetzung eines richterlichen Beamten, der keine juristische Erfahrung besitzt, kein Anwalt ist, sondern zufällig Dolmetscher bei Mr. Highcraft war. Während der Jischuw annimmt, daß mit der Vermehrung der jüdischen Bevölkerung notwendig auch eine Erhöhung der Zahl der jüdischen Beamten verbunden sein müßte, verfahren die Engländer in praxi gerade umgekehrt Statt für den jüdischen Vorgänger, der die Richterstelle verwaltet hatte, aus den Reihen der fähigen und gut qualifizierten jüdischen Rechtsanwälte einen Nachfolger zu wählen, ernennt die Regierung Beamte, denen die erforderliche Erfahrung und, wie es scheint, auch die nötige allgemeine Bildung abgeht. Rudolf Eucken, dessen kurz vor seinem Tode geschriebenen Brief an B. Segel wir neulich veröffentlichten, hat auch am 23. September 1915 ein Schreiben an den gleichen bekannten Schrifsteller gerichtet, das wir heute reproduzieren: „Haben Sie verbindlichsten Dank für den freundlichen Brief und die liebenswürdige Zusendung Ihres Buches „Der Weltkrieg und das Schicksal des jüdischen Volkes". Ich habe gleich viel darin gelesen und empfinde aufs lebhafteste mit, was die Juden in Galizien erlitten haben und was sie immerfort in Rußland erleiden müssen. Es gehört das zu den schrecklichsten Tragödien der Weltgeschichte, und es ist eine Schande für die Kulturmenschheit, daß sich dagegen nicht ein Widerstand aller Völker erhebt. So hat Ihr Buch gewiß eine große Aufgabe, man kann nur wünschen, daß es in recht weite Kreise dringt. Was mich selber anbetrifft, so werde ich die Sache im Auge behalten und für sie nach Kräften zu wirken suchen. Ueber die Geschichte in Lemberg (In dieser Geschichte spielte das berühmte Werk von Eucken, „Die Weltanschauung großer Denker", eine Rolle, Die Red.) habe ich mich herzlich gefreut, sie ist auch ein Zeugnis für das lebhafte wissenschaftliche Interesse, das sich so oft in jüdischen Kreisen findet. In aufrichtiger Sympathie für alle Ihre so schwer leidenden Glaubensgenossen, verbleibe ich hochachtungsvoll Ihr ergebener R. Eucke n." Die Judenfreundschaft des Grafen Sternberg ist nicht ganz frei von den Vorurteilen jener Kaste, zu der sich der adelsstolze Herr Graf aus dem uradeligen Hause derer von Sternberg bekennt. Nun hat er eine Schrift über „Päpste, Kaiser, Könige und Juden" geschrieben, in der er die Monarchie gegen den Vorwurf des Antisemitismus in Schutz nimmt und die Behauptung aufstellt, daß es den Juden in Monarchien besser geht als in Republiken, welche Behauptung wohl nur mit wenig historischem Material belegt werden kann, und daß die katholische Kirche den Judenverfolgungen immer entgegengetreten sei, was allerdings in einigen Fällen zutrifft. Gelegentlich eines Aufenthaltes in Berlin wurde nun Graf Sternberg von einer Mitarbeiterin der „C. V. Zeitung" interviewt, wobei er unter anderem folgendes bemerkte: „Der Unterschied zwischen Juden und Ariern besteht darin, daß die Adeligen und Bauern auf ritterlichem Boden stehen, während viele Juden die geistigen Führer jener Kreise sind, die das ritterliche Moment negieren. Auf der einen Seite finden wir Heidentum und Heldenverehrung, auf der anderen Seite Heiligenkultus." Auf den Vor- Hotel -^Restaurant Birth Wien II., Hollandstraße Nr. I4 Vornehmes Restaurant mit erstklassiger Küche Mittags- und Abenö-Menu nach Wahl S 2.— Übernahme von Diners und Soupers in und ausser Haus Jeden Samstag, Sonn- und Feiertag um 9Uhr abends Soupers - Dansants (Jazz-Band: FRED REICHEL) Zum Besuch ladet höfl. ein I. GUTH, Besitzer.

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