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Die Wahrheit · 1926-10-22 · Heft 44 (22.10.1926) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 44 (22.10.1926)
Date
1926-10-22
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 10 DIE WAHRHEIT Nr. 44 halt, daß er in seinem Buche von der „destruktiven Tätigkeit der Juden" gesprochen und damit einen der schwersten Vorwürfe gegen die Juden erhoben habe, den die Antisemiten wider diese zu machen pflegen, antwortete Graf Sternberg: „Man kann die Juden nicht als einheitliches gleichartiges Element auffassen, genau so wenig wie man von den Deutschen sagen kann, daß sie alle kriegerisch sind. Viele Juden haben sich in der Geschichte als höchst konservativ und staatserhaltend gezeigt Die Juden sind geschickte Politiker und Journalisten und verteilen sich auf alle Parteien. Wie ich in meinem Buche geschrieben habe, waren sogar die Stützen des feudalen Klerikalismus in Oesterreich Juden. Aber all diese Gründe sind es nicht, die den Antisemitismus bewirken. Die Welt braucht einen Prügelknaben, und was immer Unheilvolles seit jeher sich ereignet hat, dgT für wurden immer die Juden verantwortlich gemacht, was ich ebenfalls in meinem Buche nachgewiesen habe. Daran wird niemand etwas ändern können. Nur durch allgemeine Hebung der Zivilisation kann der Antisemitismus bekämpft werden, wie dies im 15. und 16. Jahrhundert die Humanisten mit Erfolg getan haben. Insbesondere müssen die Organisationen der Gottesgläubigen innerhalb ihres Religionsunterrichtes die Welt dahin belehren, daß Haß und Verfolgung in jeder Form das Verabscheuungswürdigste auf der Welt sind." Am Schlüsse des Interviews schreibt die „C. V. Zeitung" folgendes: „Einen Unterschied zwischen Helden und Heiligen können wir nicht anerkennen: er scheint uns konstruiert zu sein, denn der Kampf für das Heilige beansprucht außerordentlich viel Heldenmut. Der Gegensatz, der Graf Sternberg vorschwebt, ist offenbar der zwischen Macht und Recht. Wir Juden sind Vertreter des Rechtsstandpunktes. Deswegen sind wir nicht als Kaste Antimonarchisten oder Monarchisten, Nichtrepublikaner oder Republikaner. Wir Juden sind der Meinung, daß nur diejenige Staatsform innerlich und sittlich gerechtfertigt ist, die sich auf das Recht stützt. Der Royalismus in Deutschland ist in seinem Verhalten uns gegenüber keine einheitliche Erscheinung. Man kann die Juden in ihrer Gesamtheit nicht als oppositionell, geschweige denn als de- 'struktiv bezeichnen. In den Juden wirken sehr starke erhaltende Kräfte, was sich besonders in ihrer Stellung zu Religion und Tradition offenbart. Daß die Juden von ihrer Religion her stark beeinflußt sind, ist selbstverständlich und ihr Ruhm. So kritisch wir den Gesamtausführungen des Grafen Sternberg gegenüberstehen, seinen letzten Ausführungen stimmen wir restlos zu. Besonders sympathisch berührt der Aufruf an die Gottesgläubigen aller Konfessionen, daß sie ihre Jugend lehren, daß der Haß verabscheuungswürdig ist." Palästinaeinwanderuag. Im „Haare z" schrieb jüngst Colonel K i s c h, der auf seiner Europareise auch Wien berührte: „Bei meiner Rückkehr habe ich konstatieren müssen, daß eine nicht geringe Anzahl von Juden das Land verläßt. Wer sind sie? In den meisten Fällen rekrutieren sie sich aus den schwächeren Elementen der Einwanderer aus den letzten paar Jahren: diejenigen, weiche nicht imstande waren, sich den schwierigen Bedingungen einer neuen Arbeit und Umgebung anzupassen, die, für welche der Druck eines niedrigen Lebensstandards zu groß war. Solch ein Auszug der weniger Geeigneten ist in jedem Kolonisationsprozeß eine normale Erscheinung. Ich bin mir der Schwierigkeiten und Leiden, die heute ertragen werden, wohl bewußt." Ob ein solcher starker Auszug, selbst wenn es sich nur um weniger Geeignete handelt, wirklich eine ganz „normale Erscheinung" ist, darf füglich bezweifelt werden. Dagegen setzt die begrüßenswerte Aufrichtigkeit, mit der von seite eines so bedeutenden zionistischen Führers bekundet wird, daß die Anzahl der Auswanderer eine ..nicht geringe", ungeachtet der dabei gewählten Umschreibung in Erstaunen. Denn die zionistische Presse, die zwar immer alles Kritische über Palästina selbst zu veröffentlichen vorgibt, bringt gewöhnlich nur die Ziffern der Einwanderung, selten die der Auswanderer. Die werden verschwiegen, um nicht neue Unruhe zu erzeugen. Aber eine starke Auswanderung findet nun einmal trotz aller; Verschleierungen statt und der Grund hierfür ist der Umstand, daß leider viel zu wenig von den Einwanderern beachtet wird, welche Qualitäten sie für ihr Wagnis haben müssen. Darüber äußerte sich der ebenfalls vor kurzem in Wien gewesene Leiter des Einwanderungsdepartements der palästinensischen Regierung, Hyamson, also ein genauer Kenner der Verhältnisse. Er meinte zwar, daß nach Palästina Angehörige aller Schichten einwandern könnten, von Wichtigkeit sei aber eine richtige Dosierung. Für absehbare Zeit sei es erforderlich, daß 80 Prozent der Immigranten landwirtschaftliche Arbeiter sind. Wünschenswert sei ferner, daß sich unter den Einwanderern nicht zu viele Frauen befinden und daß die Männer, welche die Pionierarbeit auf sich nehmen, im Alter von 20 bis 28 Jahren stehen. Die Einwandernden sollen höchst qualifiziert sein. Bei den Kapitalisten sei es wünschenswert, daß sie mehr als die vorgeschriebenen L 500 besitzen und daß sich die Zahl der nach Palästina strebenden jüdischen Industriellen stark erhöhe. Von der Leistungsfähigkeit der zionistischen Fonds hänge es ab, wieviel Einwanderer alljährlich ins Land kommen können. Im Rahmen der bestehenden Gesetze sei die Zahl der Immigranten unbegrenzt, man müsse aber doch feststellen, daß die Gesamtziffer der vorjährigen jüdischen Einwanderung, nämlich 40.000, unter den gegebenen Verhältnissen zu groß gewesen sei. Der gleichen Ansicht wie Hyamson in bezug auf die Industriellen war auch Oppenheimer, der bekanntlich angesichts . des derzeitigen beinahe völligen Fehlens solcher Industrieller vor der Gefahr der starken Betonung des Gewerkschaftsgedankens warnte. Die Warnungen Hyamsons sollten ebenfalls überall dort Gehör finden, wo man Auswanderungsabsichten hegt. Das Judentum in der Musik. Wie bekannt, hat unter diesem Titel Richard Wagner seine Undankbarkeit gegen Meyerbeer literarisch verewigt. Die neueste Vereinbarung zwischen dem österreichischen Staate und Richard Strauß erinnert nun gerade an Meyerbeer's Verhalten in ähnlicher Lage. König Friedrich Wilhelm IV. wollte ihn durchaus als Musikdirektor für die Berliner Oper gewinnen. Es gelang ihm endlich, den Meister diesem Plane günstig zu stimmen, und er bot ihm eine verhältnismäßig hohe Gage an. Meyerbeer erwiderte jedoch: „Wenn Ew. Majestät nichts dagegen haben, so erlaube ich mir den Vorschlag: die 4000 Taler, welche Ew. Majestät mir zugedacht haben, können einer dem Theater fehlenden Primadonna zugute kommen. Ich werde es mir zur Ehre schätzen, auch ohne dies während vier Monate im Jahre als Generalmusikdirektor zu fungieren, da meine Verhältnisse es mir sehr wohl gestatten, auf ein Gehalt zu verzichten." Und so kam. er denn auch alljährlich aus Paris nach Berlin, um dort als unbezahlter Generalmusikdirektor vier Monate lang zu wirken. Die 4000 Taler fielen den Mitgliedern des Orchesters zu. Echt jüdisch! Erweiterungen der Krimsiedlungspläne. Wie aus Moskau gemeldet wird, hat die Regierung der Sowjet-Union in ihrer letzten Beratung den Bericht der Gemischten Kommission über die bisherigen Resultate der Landansiedlung von Juden in Rußland zur Kenntnis genommen und die folgenden Beschlüsse gefaßt: Der gesamte in der nördlichen Krim noch verfügbare Boden wird zu Zwecken der Landansiedlung von Juden freigegeben. Es handelt sich um zusammenhängende Areale in den Rayons Dschankoje und Jewsatorje, die für die Ansiedlung von etwa 250.000 Seelen in Betracht kämen. In der gleichen Sitzung nahm die Regierung den Beschluß an, daß der ursprünglich bestehende Plan, 100.000 jüdische Familien mit 500.000 Seelen auf dem Lande anzusiedeln, erweitert werde. Der neubeschlossene Plan sieht die Ansiedlung von 200.000 jüdischen Familien mit einer Million Seelen vor. In Regierungskreisen gilt es als eine beschlossene Sache, daß die Nord-Krim in absehbarer Zeit als eine jüdische autonome Provinz erklärt wird. Um nicht eine Unzufriedenheit in nichtjüdischen Bauernkreisen im Zusammenhang mit der Erweiterung des Kolonisationsplans für Juden aufkommen zu lassen, wurde gleichzeitig beschlossen, den noch verfügbaren freien Boden in der südlichen Krim (Feodosia-Rayon) der Kolonisation ukrainischer Landarbeiter freizugeben. Das teuerste Buch der Welt. Nach langwierigen, viele Monate dauernden Verhandlungen ist laut „Frkft. Ztg." die 42zeilige, auf Pergament gedruckte, Gutenbergbibel des Benediktinerstiftes St. Paul im Lavanttal (Kärnten) verkauft worden. Der Preis beträgt ohne Spesen rund 1,200.000 Reichsmark. Der Käufer ist der bekannte Sammler Dr. Otto F. V o 11 b e h r in New York. Der Kauf erfolgte durch die Firma J. Kauffraann, Verlag und Antiquariat in Frankfurt, deren Inhaber Dr. Felix Käuffmann, selbst ein bekannter Büchersammler, die Verhandlungen persönlich an Ort und Stelle abschloß. Wie dein Schreiber der Zeilen bekannt ist, war die Konkurrenz der deutschen, englischen, italienischen und amerikanischen Händler eine sehr scharfe. Zahllose Telegramme und Reisen erfolgten, der Bibliothekar des Stiftes mußte sogar auf seinen Urlaub verzichten, der stille, lieblich gelegene Ort war das Ziel aller bedeutenden Antiquare diesseits und jenseits des großen Wassers.

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