Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 44 (22.10.1926)
- Date
- 1926-10-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr, 44 £«ß WAfflÖlßfr s&iSm §etejr den ekelerregenden Nachguß erklärlich gemacht hätte. Ach nein, die „Reichspost" hütete sich gar peinlich, auch nur mit den zartesten Worten ihrer Abneigung gegen die Kampfesweise der „Deutschen Arbeiterpresse" Ausdruck zu geben. Wohl aber wies sie darauf hin, daß es sich dringend empfehlen würde, die Frauen einer kritischen Prüfung zu unterziehen, die von der „Deutschen Arbeiterpresse" besudelt worden waren. Die „Reichspost" mußte es aber zu ihrer peinlichen Ueberraschung in diesem Falle erleben, daß man ihre Art des Zitierens aus dem hakenkreuzlerischen Blatte überall, wo man eine Ahnung hat, was Achtung vor der weiblichen Ehre fordert, verurteilt. Die „Reichspost" hat nachträglich allerdings de- und wehmütig erklärt, daß sie sich nicht mit dem Artikel der „Deutschen Arbeiterpresse" identifiziere, sich also bei der schmutzigen Arbeit nur infiziert habe. Zu ihrer weiteren Entschuldigung hätte allerdings auch daran erinnert werden können, daß sie bisher oft und oft mit sichtlichem Behagen nichtswürdige Schuftereien gegen die Juden aus der „Deutschen Arbeiterpresse" abdrucken durfte, ohne daß man ihr auf die Finger geklopft hätte. * * * Da lobe ich mir die „Deutsch-öst. Tageszeitung", die mitunter wirklich den bewunderungswürdigen Mut hat, ehrlich zu bekennen, sowohl was sie erfreut, als auch was ihre Empörung hervorruft. So kanzelt das Blatt den Rektor der Universität tüchtig ab, weil er neulich in einem Falle dem Wunsche der sozialistischen Studenten Rechnung trug. „Ueber Auftrag des Rektorates" — schreibt die „Dötz" — „wurde die Entfernung eines Anschlages veranlaßt, der eine Anzeige enthielt, daß an der Tür des Juristenzimmers jemand die Worte schrieb: ,Juden, vergewaltigt die arischen Mädels!' Die Sozialisten beschwerten sich darüber und sofort wur$e dagegen eingeschritten!" Muß diese servile, liebedienerische Haltung des Rektors gegenüber den Sozialisten nicht das Herz eines Hakenkreuzlers mit Erbitterung erfüllen? Wie kommt der Rektor dazu, einen Anschlag, in welchem ein ehrlicher Antisemit als Vertreter der Judenschaft aufgetreten, zu konfiszieren? Ist das nicht bei richtiger, antisemitischer Beleuchtung gesehen eine flagrante Verletzung der durch das Gesetz gewährleisteten freien Meinungsäußerung? Heißt das nicht, die vielen arischen Studentinnen ungewarnt der Gefahr aussetzen, die ihnen von den Juden droht? Wird nicht durch die Entfernung des Anschlages jeder jüdische Anschlag auf arische Tugend begünstigt? Wahrhaftig, die „Deutsch-öst. Tageszeitung", deren Dummheit sprichwörtlichgeworden, ist nicht so dumm, zu verkennen, daß der Rektor in diesem Falle eine Parteinahme für die Juden bekundete, die deutlich zeigt, wie weit es mit der Wiener deutschen Universität gekommen ist! Der Rektor will nicht die arischen Mädels, sondern die semitischen Jünglinge schützen! Weiter geht es mit der Verjudung der Wiener Universität nicht mehr. * * * Wilhelm II. hat bekanntlich als Redner zu Wasser und zu Land eine Uebung erlangt, die sich kühn über das Dichterwort hinwegsetzte, daß sich der Meister in der Beschränkung zeige. Seine politischen Reden liegen längst gedruckt vor, und sogar in verschiedenen Versionen, denn der echte ursprüngliche Text mußte zumeist im staatlichen Interesse einer kritischen Nachprüfung und wesentlichen Korrektur unterzogen werden, bevor ihm die offizielle Authenzität zuerkannt wurde. Se. Majestät scheint nunmehr in Doorn auch von dem dringenden Bedürfnis erfaßt worden zu sein, die vielen Predigten, die er auf seinen Schiffsreisen vor einem kleinen, jeder Seekrankheit trotzenden Auditorium hielt, durch Drucklegung auch der großen Oeffentlichkeit zugänglich zu machen. Von mancher politischen Rede Wilhelms IL dachte man einst, daß sie nur auf Kosten des Ansehens Deutschlands gehalten wurde; seine Predigten mußte der Kaiser, wie es scheint, wenn er sie gedruckt sehen will, auf eigene Kosten herausgeben. Bis jetzt haben deutsche, englische und amerikanische Verleger, denen Wilhelm II. die Predigten zur Herausgabe angeboten, abgelehnt. Man wird diese Zurückhaltung begreifen, wenn man als Kostprobe nur die Aufschrift einer von einem englischen Blatte abgedruckten Predigt liest, in welcher der Kaiser ausführt, Gott habe die Deutschen gestraft, weil sie ihren Fürsten nicht gehorchten. Die Aufschrift der Predigt lautet nämlich: „Wodurch wurde Deutschland geschlagen? Die Armee gewann alle Schlachten, aber das Volk hörte auf Verleumder und Verführer und verlor den Krieg in der Heimat." Dieser Text wird in Deutschland" in den weitesten Kreisen das höchste Aufsehen erregen. Daß die deutsche Armee heldenmütig kämpfte, haben bisher nicht einmal die erbittertsten Feinde Deutschlands bestritten. Aber daß die deutsche Armee alle Schlachten gewonnen, das war nicht einmal Ludendorff bekannt gewesen, der es sich sonst gewiß nicht hätte entgehen lassen, von dieser immerhin beachtenswerten Tatsache in seinem vielbesprochenen, seine eigenen Leistungen enthusiastisch verherrlichenden Kriegswerke etwas verlauten zu lassen. Es scheint, daß auch die Predigten Wilhelms II. einer Revision und Korrektur bedürftig sind. # * * Die endgültige gerichtliche Erledigung der Francsfälscheraffäre hat mit merkwürdigen Erfolgen für den Grafen Bethlen geendet. So posaunen es wenigstens die ihm nahestehenden Blätter in die Welt hinaus, der der Glauben beigebracht werden soll, daß der ungarische Ministerpräsident nur diesen Abschluß abwartete, um vollständig reingewaschen durch seine Demission die Vertrauensfrage zu stellen. Aber auch die bösen Oppositionellen treten dem Grafen nahe. Sie meinen, gerade aus Reinlichkeitsrücksichten hätte Graf Bethlen vor der Gerichtsverhandlung demissionieren sollen, wodurch er sich und sein Kabinett vor mancher Verdächtigung geschützt hätte. Nun, Graf Bethlen ist, wie es scheint, zufrieden. Er hat erreicht, daß er und kein anderer sein Nachfolger geworden; seine Partei rühmt den moralischen Erfolg, den er errungen, und erzielt damit bei seinen Gegnern einen Heiterkeitserfolg, wie ihn noch kein Komiker errungen. Also, es ist wahr: Graf Bethlen hat merkwürdige Erfolge in der Francsfälschungsaffäre errungen. Ego.