Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 44 (22.10.1926)
- Date
- 1926-10-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Dffi WAM ffr. 44 rücht, in seiner bekannten Bonhommie, die auch wir in seiner unmittelbaren Nähe zu beobachten Gelegenheit fanden, sich geäußert: „Na, da will wohl der Lingner für sein Odol Reklame machen." Auffallen mußte es jedenfalls, daß die Ausstellung alle möglichen Kosmetika aufwies, nur keines, das Lingners Namen trug. Im übrigen konnte man aber die Volkstümlichkeit, deren sich der „Genich" erfreute, durchaus begreifen. Eine Menge Anekdoten liefern Beweise seiner gutmütigen Jovialität und eines gesunden Mutterwitzes. Er begegnet auf der Landstraße einem Metzger, dem ein Rad vom Wagen gesprungen ist und hilft ihm bei der Reparatur. „Sie sin wohl auch e Metzger?" fragt der ihn. „Nee", lautet die Antwort, „ich säh nur so aus." In einer Ausstellung steht Majestät vor einem Landschaftsbilde, das die Wiese blau und den Himmel grün zeigt. „Ja, wie kommt denn das?", fragt er den Maler. Und der erklärt: „So sehe ich es mit meinem Künstlerauge." „Aber, weshalb sind Sie denn dann Maler geworden?" repliziert Serenissimus. — Eine ganz andere Zeit. Ein neues Deutschland. Düsseldorf. Aber geblieben ist Dresden, das Dresden Lingners, sein Geist und sein Werk. Der Mensch ist ein anderer geworden. Und demgemäß auch „Der Mensch" der Dresdner Ausstellung von 1911. Aber geblieben ist er, vervollkommnet schon hier in Wien auf der Hygiene-Ausstellung des vorigen Jahres und anderwärts, noch weiter entwickelt auf der „Gesolei". Auch außer dieser Hauptattraktion von 1911 hat das „Deutsche Hygiene-Museum" in Dresden, die in Permanenz erklärte Lingnersche Ausstellung, wertvolle Beiträge nach Düsseldorf geliefert. Was die Leser dieser Zeitschrift vor allem angeht, ist die Fortsetzung des Dresdner Anfanges einer Ausstellung der „Hygiene der Juden". Auch in dieser Spezialleistung machten sich in Düsseldorf einige das Ganze beherrschende neue Gesichtspunkte geltend. In Dresden war auf die Darbietung historischen Materiales der Schwerpunkt gelegt worden. Die Gesolei zog charakteristische Typen oder von Künstlerhand geschaffene symbolische Ausdrucksformen vor. In den Vordergrund trat ferner in Düsseldorf die Statistik, die aber nicht in trockenen Ziffern, sondern anschaulich in Bild und Gestalt geboten wurde. Ein Beispiel. Der durchschnittliche Rückgang der Geburten bei den Juden wurde in einer Art Karussell veranschaulicht. Man sah rechts und links von einem Baume je ein Großelternpaar aus einer etwa um ein Jahrhundert zurückliegenden Zeit. Eine Stufe darunter stand eine ganze Anzahl jüngerer Paare, die Kinder, und im Vordergrunde saß eine Menge Babys, die Enkel. Drehte man die Achse ein wenig, so stellte sich die zeitliche Entwicklung in der Wahrnehmung dar, daß der Kinderpaare weniger und — dem Zweikindersystem entsprechend — verhältnismäßig noch geringer die Zahl der Enkel war, und — brr ein anderes Bild! — die Gegenwart: zwei Großelternpaare, ein Elternpaar und kläglich einsam — ein Enkelkind. Das ist keine trockene Sprache der Ziffern, sondern eine ergreifende Mahnung der in ungeschminkter Anschaunug lebendigen Tatsachen. Oder: Auf exakter Forschung beruhend, zeigen uns bunte Skalen die Wanderbewegung der Juden und das katastrophale Sinken der Auswanderung nach Uebersee seit der amerikanischen Sperre. Ebenso wertvoll ist eine plastische Uebersicht über die Verteilung der Juden über die ganze bewohnte Erde, wobei die Dichtigkeit der jüdischen Bevölkerung durch rote Stäbe in entsprechender Höhe angedeutet wird. Ein anderer Gesichtspunkt, in dem sich Düsseldorf von Dresden unterschied, war die Anordnung des geschichtlichen Stoffes. Während 1911 eine besondere „Historische Abteilung" alles Einschlägige zusammenfaßte, wurde 1926 das Geschichtliche als Einleitung zur Gegenwart auf die einzelnen Gruppen verteilt. Ganz besonders dieser Umstand führte zu - einem für uns Juden entscheidenden Schritte. In Dresden hatte im Rahmen der „Historischen Abteilung" übersichtlich und eindrucksvoll die „Hygiene der Juden" ihren Platz gefunden. Auch damals dachte man wohl an einen besonderen Pavillon für diese Gruppe. Es wurden von dem Arrangeur dieser Unterabteilung Verhandlungen mit einem Pfarrer in Oberschlesien gepflogen, der die alte Holzsynagoge in Czieschowa angekauft hatte. Doch da die Geldmittel, die privatim aufgebracht werden mußten, zu dem Erwerb dieses gewiß passenden Ausstellungsbaues nicht hinreichten, kam seine Erwerbung außer Frage. In Düsseldorf wäre aber bei der Zersplitterung des Stoffes das jüdische Element in dem Ozean des Ganzen nahezu spurlos verschwunden, und die ganz besondere Eigenheit der jüdischen Hygiene, die im Religiösen wurzelt und eigentlich nur hygienisch sich auswirkende Religionsübung bedeutet, gar nicht zur verdienten Würdigung gelangt. Außerdem sollte die Palästinaaufbauarbeit, der moderne jüdische Sport und die imponierende soziale Tätigkeit jüdischer Vereine und Organisationen hier zu Worte kommen. Daß aber das Judentum es als eine Ehrenpflicht betrachten muß, bei einer so eminent wichtigen Gelegenheit zur Hervorkehrung seines wahren Wesens vor der breitesten Oeffentlichkeit sein Licht nicht unter den Scheffel stellen zu lassen, zumal in einer Zeit, die dieser ungerechten Tendenz mehr als erträglich huldigt, das stand bei allen Verantwortlichen im deutschen Judentum unbedingt fest. In Dresden und ebenso in Stuttgart war das hierfür Mögliche geschehen. Daß man es in Wien unterlassen hat, ist hauptsächlich der hiesigen Ausstellungsleitung zur Last zu legen. Sie hatte sich anfangs an eine mit solcher Arbeit vertraute Stelle gewendet, aber dem ersten Anlauf keinen Sprung folgen lassen. In Düsseldorf, wo sich Oesterreich sehr ansprechend repräsentierte, wird es sich haben sagen müssen, daß es mit dieser Ignorierung des Judentums kein Ruhmesblatt in seinen Ehrenkranz geflochten hat. (Schluß folgt.) Glosse». In Deutschland hat die Aeußerung eines Beamten, „man müsse bedenken, daß die jüdische Religion einen Meineid gestatte", zu sehr beachtenswerten Konsequenzen geführt. Gegen den Beamten wurde zunächst die Disziplinaruntersuchung eingeleitet. Ein hervorragender Politiker erklärte öffentlich, es sei beschämend, daß jemand glauben könne, dem Christentum geschehe durch Aeußerungen von solcher grenzenloser Roheit kein Abbruch. Und ein Pfarrer, der zu den gelehrtesten deutschen Theologen zählt, gab seiner Verwunderung Ausdruck, daß ein Beamter, der auf eine solche überzeugende Weise seine Unfähigkeit zur Bekleidung eines wichtigen Amtes bekundete, einen solchen Posten habe erlangen können. Wie verwundert würde dieser Theologe sein, wenn er hörte, daß in Oesterreich zahlreiche Blätter erscheinen, die, ohne von den Staatsanwälten im geringsten gestört zu werden, unausgesetzt ihre Leser mit der Mitteilung aufreizen, die jüdische Religion erlaube ihren Bekennern nicht nur den Meineid, sondern auch den Raub und Mord an Christen, die Schändung christlicher Frauen usw. usw. Die Verwunderung würde aber noch gesteigert werden, wenn man bedenkt, daß die erwähnten Blätter mit ihren schamlosen Verleumdungen eigentlich nicht nur die jüdische Religion beschimpfen, sondern vielleicht mehr noch den Staat, der eine Religion duldet, die angeblich solche Schändlichkeiten lehrt. * * * Die „Deutsche Arbeiterpresse", eine Kloake, in der gewisse Hakenkreuzler regelmäßig in Form von Artikeln zur Schmähung des Judentums und seiner Religion den Unrat ablagern, der selbst der „Deutsch-öst. Tageszeitung" mitunter arg duftet, hat kürzlich zur Abwechslung einmal ihre Kübel auf die Frauen der Sozialdemokraten entleert. Man wäre an dieser Entleerung wahrscheinlich mit zugehaltener Nase und geschlossenen Augen, aber schweigend vorübergegangen, wenn es der „Reichspost" nicht beliebt hätte, ihren Lesern einen umfangreichen Auszug aus dieser Pfütze zu servieren. Aber die „Reichspost" tat dies nicht etwa aus dem Grunde, weil sie in einer Aufwallung sittlicher und christlicher Empörung die beispiellose Infamie dieser Kampfart hätte geißeln wollen, die allerdings des besseren Verständnisses willen