Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 44 (22.10.1926)
- Date
- 1926-10-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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sichtlich in klarer Sprache und geistvoller Einkleidung darzustellen. So veröffentlichte, er in den „Mitteilungen" und in den „Jahrbüchern zur jüdischen Volkskunde" grundlegende Arbeiten über den Traum, den Schatten, den Himmel, über Rechts und Links und die Auferstehung in der jüdischen Literatur, über den Windgeist Ketew und den bösen Blick. Die Korrektur dieses letztgenannten Beitrages hatte er vollendet, als ihn der Tod ereilte. Nach den Feiertagen, so schrieb er mir vor kurzem, wollte er^an eine neue Arbeit gehen. Er ahnte nicht, wie nahe ihm das Ziel gesteckt war. Alle seine Arbeiten haben die verdiente Würdigung erfahren. Sie entsprechen den strengsten Anforderungen, die man an wissenschaftliche Leistungen zu stellen berechtigt ist. Aber noch ein anderer Maßstab ist an sie zu legen. Seit Jahren von einem schweren Leiden heimgesucht, das ihm die Arbeit unsäglich erschwerte, und ohne die vielen Hilfsmittel, die in einer Großstadt mit ihren reichen Bibliotheken zur Verfügung stehen, hat er unverdrossen und hingebungsvoll der Wissenschaft gedient und Beiträge geliefert, die, Muster sorgfältiger Einzelforschung, bleibenden Wert besitzen und zur jüdischen Kulturgeschichte und Volkskunde unschätzbare Bausteine liefern. Es bedeutete für mich eine besondere Freude, als ich nach jahrelanger Arbeitsgemeinschaft Doktor Löwinger persönlich kennenzulernen in einem Kurort Gelegenheit fand. Hatte ich für den Forscher von jeher aufrichtige Hochachtung empfunden, so lernte ich jetzt den Menschen in ihm wertschätzen. Schon aus dem brieflichen Verkehre sprach seine rührende Bescheidenheit. Jetzt aber mußte ich besonders die Seelen große bewundern, mit der er sein Leiden ertrue. Er war auch sonst nicht auf Posen gebettet, ertrug aber sein Schicksal mit echt frommer Ergebung und wußte es mit einem Humor zu würzen, der nur hochstehenden Geistern, einer abgeklärten, über alles Allzumenschliche verzeihend lächelnden Weisheit eigen ist. Und als er mir snäter klagte, wie ihm. dem schwerkranken, um das Judentum hochverdienten Manne, die so unentbehrliche Aufnahme in ein Genesungsheim versagt blieb, dessen Pforten die Zaubermacht der Protektion anderen öffnete, die der Kur weniger bedürftig und auf diese Hilfe weniger angewiesen seien — solch bittere Worte aus seinem Munde verrieten mir, wie schwer er seelisch leiden mußte, und erschüttert dachte ich: „Das ist die Thora und das soll ihr Lohn sein!" Und nun, da mir tiefe Trauer um diesen herrlichen Menschen die Feder in die Hand drückt, kommt mir auf die Lippen das Wort Michas: „Geschwunden ist ein Edelmensch von dieser Erde und ein Gerechter ist unter den Menschen nicht da; alle lauem sie einer auf des anderen Blut, einer stellt dem anderen ein Netz." Wie oft sprachen wir von Mißgunst und Verkleinerungssucht in Kreisen, in denen man anderen Gefühlen und Taten begegnen sollte! Daß solche Enttäuschung auch ihm die letzten Jahre seines so früh beendeten Erdendaseins vergällt hat. beklage ich nicht minder tief als seinen mir so schmerzlichen Verlust. Uns bleibt nur der Trost, daß er doch Menschen gefunden, deren Wertschätzung und Freundschaft ihm wohlgetan, daß er in seinen Arbeiten sich ein Denkmal gesetzt hat, das uns Ueberlebenden ein Ansporn sein kann, sein Werk fortzusetzen, und daß der unauslöschliche Eindruck seiner Persönlichkeit uns Mut gibt, in seinem Geiste weiterzukämpfen für das, was ihm über alles hochstand und heilig war, die Ehre unseres Judentums. Secher zaddik liwrocho! Dr. Max G r u n w a 1 d. Aus einer kleinen Gemeinde. Von Binjamin Segel, Wenige Eisenbahnstunden von Wien liegt E i s e n- Stadt, der Hauptort des Burgenlandes, eingebettet zwischen Weinbergen, Wald- und Gartenland, ruhig und friedlich am Bergabhang, zu Füßen die fruchtbare Ebene, begrenzt vom silbern schimmernden See und den majestätisch aufragenden Felsbergen der Alpen. So schildert die Stadt einer ihrer liebenden und getreuen Söhne, Sandor Wolf, der ihr ein prächtiges, literarisches Denkmal gesetzt hat in der Form von zwei imposanten, herrlich ausgestatteten Bänden „Eisenstädter Forschungen", die ein unschätzbares kunst- und kulturhistorisches Material enthalten, mit erstaunlichem Fleiß, Sachkenntnis und erlesenem Geschmack bearbeitet von dem Wiener Gelehrten Dr. Bernhard Wachstein. Der erste, 1922 bei Adolf Wolzhausen, Wien, erschienene Band unter dem Titel: „Die Grabinschriften des alten Judenfriedhofes in Eisenstadt" enthält die Inschriften von 1117 Grabsteinen, die von 1679 bis 1874 reichen. Sehr viele dieser Grabsteine sind abgebildet und zeigen äußerst merkwürdige Ornamente und Zierate, die das lebhafte Interesse der Kulturhistoriker erregt haben. Der Herausgeber Sandor Wolf verbreitet sich in einer lehrreichen Abhandlung am Eingange des Werkes über „die Entwicklung des jüdischen Grabsteines und die Denkmäler des Eisenstädter Friedhofes". Die Inschriften erblicken wir in hebräischer Sprache, die in besonderer Paginierung gebotene deutsche Wiedergabe erweitert sich in den meisten Fällen, wo es sich um einen literarisch oder familiengeschichtlich bedeutsamen Namen handelt, zu einer gründlichen kleinen Studie, die für die meisten Gebiete der jüdischen Geschichte von Wichtigkeit ist. Mit souveräner Beherrschung der gesamten einschlägigen Literatur bringt Wachstein Belege herbei und deckt entlegene Zusammenhänge auf, die über die jüdische Familien- und Stammeskunde in Deutschland, aber auch in ganz Mitteleuropa merkwürdige Aufschlüsse bieten. Sorgfältig ausgearbeitete Register, Tabellen und Verzeichnisse erleichtern das Nachschlagen und bieten äußerst lehrreiche Beiträge zur jüdischen Namens-, Sprach- und Volkskunde. Der zweite Band, welcher vor kurzem in Wien bei Wilhelm Braumüller herausgekommen ist, bezieht sich auf die Kultur- und Rechtsgeschichte und betitelt sich: „Urkunden und Akten zur Geschichte der Juden in Eisenstadt und den Sieben Gemeinde n." Eisenstadt beherbergt nämlich eine merkwürdige alte Judengemeinde, deren Ursprung bis in das vierzehnte Jahrhundert zurückreicht, die seither mannigfache Schicksale erlebte, eine geraume Zeit lang sogar zu existieren aufhörte, aber seit dem Jahre 1670 eines ununterbrochenen geruhigen Daseins sich erfreut. In jenem Jahre vertrieb nämlich Kaiser Leopold die gesamte Judenschaft aus Wien und Niederösterreich. Der Große Kurfürst, der damals die Grundlagen für den glänzenden Aufstieg Preußens schuf und der später den durch Aufhebung des Edikts von Nantes zur Auswanderung gezwungenen französischen Protestanten Zuflucht gewährte, dieser große Kurfürst Friedrich Wilhelm erkannte^auch diesmal mit scharfem Blick die wirtschaftliche Bedeutung der Vertriebenen und lud fünfzig von ihnen ein, sich mitsamt ihren Familienmitgliedern in der Kurmark Brandenburg niederzulassen. Sie wurden in der Folge eine der hauptsächlichsten Triebkräfte in der wunderbaren wirtschaftlichen Entwicklung Preußens. Der ihnen in Berlin zugewiesene Platz, der außerhalb der Stadtmauer in der Nähe der Richtstätte lag. war einige Jahrzehnte darauf eine Stätte emsigsten Arbeitsbetriebes und ist bis auf den heutigen Tag das eigentliche Arbeits- und Handelsviertel der deutschen Hauptstadt geblieben. Die dort angesiedelten Wiener Juden bildeten den Kern der später für die Judenheit der ganzen Welt bedeutsamen Berliner jüdischen Gemeinde, deren Ruhm von Moses Mendelssohn begründet wurde . . . Andere der Vertriebenen wanderten nach Fürth in Bayern aus, andere nach Venetien und sogar bis an die Grenzen der Türkei: wieder andere ließen sich, in der Erwartung, die verlorene Heimat bald wieder zu gewinnen, in den angrenzenden mährischen Gemeinden nieder. Die Hoffnung erwies sich als