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Die Wahrheit · 1926-10-22 · Heft 44 (22.10.1926) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 44 (22.10.1926)
Date
1926-10-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 44 DIE WAHRHEIT Seit« 3 Ich kann unmöglich Euerer Exzellenz Veranlassung zu der Annahme gegeben haben, daß ich zu den — Gott sei Dank nicht zahlreichen — Offizieren gehöre, die nach dem Kriege ihr demokratisches Herz entdeckt und sich den Reihen der Leute zugesellt haben, die unseren Stand mit Schmutz bewerfen, unser Volk an den Rand des Abgrundes gebracht haben und jedes Erstarken wahren Nationalgefühls — des deutschen, Exzellenz, nicht des jüdischen! — zu ersticken suchen. Ich habe dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus mitgeteilt, daß ich seine Beitrittsaufforderung als eine Unverschämtheit betrachte, die ich mir verbitte, und ich wäre Eurer Exzellenz dankbar, wenn auch Sie mich mit derartigen Versuchen verschonen wollen. Da ich annehme, daß Euer Exzellenz keinen Wert auf Unterschriftsförmlichkeiten legen, die meiner wahren Gesinnung nicht entsprechen können, zeichne ich ohne solche Förmlichkeiten gez. Walther Schnell, Kaiserl. Fregattenkapitän a. D. Treffend hat auf diesen Brief Herr Vizeadmiral Galster dem Kapitän Schnell folgende Antwort gegeben: Wiesbaden, den 10. Sept. 1926. Euer Hoch wohlgeboren! Ihre nicht ganz klare Ausdrucksweise kann ich nur als Betonung Ihrer antisemitischen und völkischen Denkweise und eines Gegensatzes zu der Denkweise verstehen, die Sie bei mir annehmen. Ich bin allerdings ein Gegner der Antisemiten und Völkischen, da ich vom Nutzen ihrer Art Patriotismus nicht überzeugt bin. Nach allem, was ich von ihnen lese und höre, habe ich den Eindruck einer derartigen krankhaften Ueberspannung und Uebertreibung, eines derartigen geringen Sinnes für Wahrheit und Gerechtigkeit, daß ich sie nur als Krebsschaden für unser Volk und als unbewußte Totengräber des Vaterlandes ansehen kann. Mit ihrer, jedes Gerechtigkeitsgefühl außer Acht lassenden Verhetzung leiten sie jugendliche, noch unselbständig denkende Persönlichkeiten irre, töten vieles Gute und zersetzen das Volk. Als alter Offizier hänge ich noch an der Lebensauffassung und dem mit Wahrhaftigkeit verbundenen Ehrder Väter nicht ganz verlassen haben. Darum sagt der Talmud, daß dieses Sechus owos nur für denjenigen nicht besteht, selbst wenn es in seiner Ahnenreihe vorhanden ist, der aus dem Lande der Väter in fremdes Land zieht. Das ist bildlich gesprochen. Es ist nicht der wirkliche Boden und die Enge eines kleinen Landes, sondern der Boden der sittiichreligiösen Weltanschauung des Judentums gemeint. Von diesem Gesichtspunkte aus konnten Talmudlehrer sagen, daß das Schilfmeer sich Israel wegen des Verdienstes Abrahams oder wegen des Jakobs oder gar wegen Josef und der Gebeine Josefs, daß sich der Jordan wegen des Verdienstes Jakobs teilte, daß Sechus owos Moses und Salomo beistand. Es ist die Macht des Guten, die sich nur dann verdrängen läßt, wenn jedes Band mit ihm zerrissen ist. Solange aber Weisheit und Kunst, Tüchtigkeit und Erfolg mit dem Sechus owos in Verbindung bleiben, sind sie gut und lobenswert. In dem Wunsche, das Verdienst der Väter soll uns beistehen, liegt das Bewußtsein ihres geistigen und sittlichen Wertes, der auch die Nachgeborenen verpflichtet, liegt die Erkenntnis eigener Unzulänglichkeit, die eines Vorbildes und einer Hilfe bedarf. Volkstum, nationale Größe, kulturelle Höhe und geistige Vormachtstellung sind immer nur das Produkt vergangener Leistungen, denen sich gegenwärtige ebenbürtig angliedern, sind eigenes Verdienst, vermehrt um das der Väter. Das hat das Judentum stets eingesehen und sich in doppelter Weise bemüht. Protektion kann efiw Unwürdiger, auch ein Unfähiger finden, das Verdienst der Väter verlangt, daß man seiner würdig sei. Auch Lot hatte seine Verdienste; im gottlosen Sodom war er ein Frommer, aber seine Rettung dankte er Abraham. Es kann nicht jeder große Leistungen aufweisen, aber Eltern leben und streben, um ihren Kindern hilfreich beizustehen, nicht allein um „den Verdienst" eines arbeitsreichen Lebens ihnen zurückzulassen, sondern um sie „das Verdienst" gottgefälligen, sittlichen Wandels schauen zu lassen. Heil dem Menschen, dem das Verdienst seiner Eltern beisteht! Dr. V. Kurrein. begriff, wie sie in meiner Jugend unter Kaiser Wilhelm dem Großen üblich waren, und ich halte es mit dem neuesten Ausspruch von Hindenburg: „Die Gerechtigkeit ist die Seele des Staates! Ohne Gerechtigkeit kein Staatsleben, ohne Gerechtigkeit kein Frieden im Volke und unter den Völkern!" Der Verein zur Abwehr des Antisemitismus hat als solcher mit Leuten, die den Offiziersstand mit Schmutz bewerfen, jedenfails ebensowenig zu tun, wie die anständigen Leute in den extremen Rechtsparteien mit den Mordgesellen und Lügnern, die sie als nichtgewolltes Gefolge haben. Die Abwehrblätter des Vereins zeichnen sich durch vornehmen Ton aus und treten lediglich für Wahrheit und Gerechtigkeit ein. Indem ich die Uebersendung der „Kölner Kundgebung", nicht der Beitrittsaufforderung, an Sie veraniaßte, glaubte ich an einer Gesinnung bei Ihnen, wie sie Generalieldmarschall und Staatspräsident v. Hindenburg hat, nicht zweifeln zu dürfen. Ich sehe aber, daß ich mich wohl täuschte. Was den Schlußsatz Ihres Schreibens angeht, so lege ich zwar wegen Ihrer aus Ihrem Schreiben hervorgehenden Gesinnung auf die Bekundung der im Verkehr üblichen Höflichkeit keinen Wert. Daß Sie sich aber berechtigt fühlen, zum Ausdruck zu bringen, daß Sie mir die üblichen Achtungs- oder Höflichkeitsbezeugungen versagen müßten, halte ich von meinem gesellschaftlichen Standpunkte für eine grobe Ungehörigkeit. gez. Dr. Karl Galster, Vizeadmiral a. D. Kapitän a. D. Schnell hat sich nicht gescheut, seine Briefe an Herrn Vizeadmiral Dr. Galster und an unser Büro dem „Deutschen Tageblatt" zur Verfügung zu stellen, das sie natürlich bereitwilligst in der Sonntagsnummer vom 19. September zum Abdruck brachte. Wohlweislich aber unterschlug er die ihm seitens des Herrn Vizeadmiral Galster zuteil gewordene Antwort. Er fürchtete wohl nicht nur, selbst als blamiert dazustehen, sondern hatte wohl Angst, manchem Kameraden von ernsten und wohlbegründeten Ehrbegriffen würden die trefflichen Worte des Herrn Vizeadmirals Galster zu denken geben. Und denken darf man doch beim Antisemitismus nicht! raHBHHHHHHHHHHHHHBJ | Rabbiner Dr. Adolf Lowingrer. | «■■■■■■■■■■■■■■ Von einer Reise heimgekehrt, finde ich die telegraphische Nachricht vom Ableben eines meiner treuesten Freunde, des Dr. L ö w i n g e r in S z eg e d, vor. Doch, was mich persönlich berührt, soll hier nicht seinen Ausdruck finden. Auch was sein Hinscheiden für seine Familie und seine Gemeinde bedeutet, wird an anderer Stelle und von anderer Seite sicherlich seine Würdigung erfahren. Hier soll nur mit wenigen Worten daran erinnert werden, was das Judentum in ihm zu beklagen hat. Zunächst die jüdische Wissenschaft. Sein Forschungsgebiet war, soweit ich seine literarische Tätigkeit zu überblicken vermag, hauptsächlich jüdische Altertums¬ und Volkskunde. In den Fußstapfen Leopold L ö w s, dessen Vorbild ihm so nahestand, verfolgte er die Entwicklung bestimmter Begriffe durch das gesamte jüdische Schrifttum bis in die lebendige Gegenwart hinein. Zugute kamen ihm hierbei seine gründliche Kenntnis der jüdischen Literatur sowie der einschlägigen allgemeinen Forschung. Mit unsäglichem Fleiß, peinlicher Gewissenhaftigkeit und kritischem Takt wußte er den weitzerstreuten Stoff zusammenzutragen, zu durchdringen und seine Ergebnisse über-

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