Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 44 (22.10.1926)
- Date
- 1926-10-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 44 Eine Politik, wie sie der radikale Zionismus befürwortet, übersieht vollkommen die nationalen und weltpolitischen Voraussetzungen des Palästinaaufbaues und gefährdet noch das wenige, was durch mühevolle Arbeit in Palästina erreicht werden konnte. Hierzu kommt noch folgendes: Die Juden sind über den ganzen bewohnten Erdkreis zerstreut und es gibt heute wohl kaum ein Land, in dem nicht Juden, wenn auch nur in geringer Anzahl wohnen. Auch unter den günstigsten Umständen könnte Palästina nur einen kleinen Teil der Juden fassen. Die überwiegende Mehrheit wird auch künftighin außerhalb Palästinas leben. Diese Juden"* setzen ihre Zukunftshoffnungen nicht auf P a 1 ä s t i n a, sondern auf i h r H e i m a 11 a n d, das ist das Land, in dem sie wohnen. Nun aber wird durch eine Politik, wie sie besonders von den radikalen Zionisten betrieben wird, abgesehen davon, daß sie in Palästina Unruhe stiftet und den Wiederaufbau gefährdet, auch das in der Diaspora lebende Judentum aufs schwerste geschädigt. Denn nicht nur, daß durch die jüdisch-nationalen Majoritätsaspirationen die palästinensischen Araber gegen die zionistischen Bestrebungen zu Mißtrauen, ja sogar zu offener Feindschaft herausgefordert werden, auch unter den übrigen Völkern, unter welchen Juden wohnen, muß eine solche Politik Anstoß erregen. Daß es den zahlreichen Judenfeinden, welche überall nur darauf lauern, einen Vorwand für ihre antisemitischen Hetzereien zu finden, besonders angenehm ist, wenn ihm dieser von den Juden selbst geliefert wird, ist selbstverständlich. Wenn daher die „Wiener Morgenzeitung" die leider notwendig gewordenen Richtigstellungen Franz Oppenheimers nicht anders zu beantworten weiß, als indem sie vom „jüdischen und nicht]üdisehen Antisemitismus" spricht, dann kann man darauf nur die eine Antwort geben: Welches die „nichtjüdischen Antisemiten" sind, wissen wir, aber auch, wo die „jüdischen Antisemiten" zu suchen sind, kann nach den obigen Ausführungen nicht mehr zweifelhaft sein. Eine Abfuhr. Die „Abwehrblätter", das Organ des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus, veröffentlichen folgenden besonders interessanten Briefwechsel: in Erfüllung unserer wiederholt an alle Mitglieder gerichteten Bitte um Namhaftmachung von Adressen, an die wir Aufklärungsmaterial versenden sollen, hatte uns Herr Vizeadmiral a. D. Doktor G a 1 s t e r die des Herrn Fregattenkapitän a. D. Schnell genannt. Wir sandten diesem die Broschüre „Eine Kölner Kundgebung" sowie unser „Werbeblatt" mit den Satzungen und den Namen unserer Vorstands- und Ausschußmitglieder. Herr Kapitän a. D. Schnell reagierte auf diese Sendung sowohl durch einen, weder Verstandesnoch Herzensbildung verratenden Brief an unser Büro, als auch durch ein Schreiben an Herrn Vizeadmiral Galster. Gerade das letztere ist so bezeichnend, daß wir es, nachdem Herr Vizeadmiral Galster uns die Genehmigung zur Veröffentlichung des Schriftwechsels erteilt hat, zum Abdruck bringen. Es lautet: Schlachtensee, den 7. September 1926. Euer Exzellenz! Der Verein zur Abwehr des Antisemitismus übersendet mir au! Veranlassung Eurer Exzellenz die Broschüre: „Eine Kölner Kundgebung" nebst einer Aufforderung zum Beitritt mmm Feuilleton Das Verdienst der Väter. .Und es geschah, ais Gott die Städte im Umkreise zerstören wollte, da gedachte Gottdes Abraham und schickte den Lot fort aus der Zerstörung ... 1,19, 29 Alle Gebete, alle Worte des Flehens, die Moses wegen der Sünde des goldenen Kalbes um Verzeihung für das Volk Israel zu Gott emporsandte, blieben nach den Worten eines Talmudlehrers unerhört. Erst als Moses sprach: „Gedenke Abrahams, Isaks und Israels, deiner Knechte", ließ sich Gott erbitten und gewährte Verzeihung dem sündigen Volke. Als später König Salomo den neuerbauten Tempel einweihen wollte und im Begriffe war, die heilige Lade in das Allerheiligste zu bringen, geschah etwas Unerwartetes. Die Tore des Tempels ließen sich nicht öffnen; wie von geheimnisvoller Kraft gehalten, hafteten sie fest aneinander und widerstanden jeglicher Mühe und jedem Versuche, sie zu öffnen. Schon vierundzwanzig herrliche Lobgesänge hatte Salomo zu Gott emporgesandt, aber kein Wunder geschah, die Tore blieben geschlossen. In seiner Seelennot und Herzensangst rief endlich Salomo aus: „O Ewiger, weise nicht ab deinen Gesalbten, gedenke der Liebe deines Knechtes David!" In diesem Augenblicke öfneten sich die Tore und die Bundeslade konnte in das neue Haus einziehen. Was einst die Gebete Moses, was die Lobpreisungen Salomos nicht erreichten, gelang durch den Hinweis auf die „Väter". „Das Verdienst der Väter" nennt das Judentum seit altersher diesen mächtigen Fürsprecher, der den Zorn Gottes wie nichts anderes beschwichtigt, Gnade und Gelingen in jeder Zeit und Not bringt. Sechus owos kommt zu Hilfe, steht bei, wo eigene Kraft und Leistung nicht ausreicht, wo Schuld und Schwäche unterliegen müßte. Das Strafgericht ist über das sündige Sodom beschlossen — „da gedachte Gott des Abraham und schickte Lot aus der Zerstörung fort". Durch die Erinnerung an Abraham, sagt ein alter Erklärer der heiligen Schrift, wurde Lot gerettet und fügt diesem Worte einen Vergleich der alten Weisen an. Man rettet die Hülle der Tora mit der Tora, den Beutel der Tefillin mit den Tefillin — aus Ehre für die Tora und die Tefillin, die heilig sind. Das soll lehren: „Heil den Gerechten und denen, die sich ihnen anschließen!" So hat Gott auch mit Noa alles, was mit ihm in der Arche war, gerettet. Der Hülle der Tora, dem Beutel der Tefillin, Lot und der Familie des Noa gleicht Israel, das wegen seiner Zugehörigkeit zy den Stammvätern vor Gott ein besonderes „Sechus", eine bevorzugte Stellung genießt. Dieses Sechus owos ist ein dem Judentum eigener Begriff, dessen sich andere Völker, wie unsere Alten sagen, nicht rühmen können. Er hat nichts mit Nationalstolz und Rassendünkel zu tun, sondern stellt eine bemerkenswerte Theorie von der Vererbung des Guten in der Welt dar. Die Religion, die einen Gott, der „gedenkt der Liebe zu den Vätern bis ins tausendste Geschlecht", verkündet, ist erfüllt von dem Gedanken, daß das Gute das unzerstörbare welterhaltende Prinzip ist und durch das Böse höchstens zeitweise, aber niemals dauernd überwunden werden kann. Dies bringt ein alter Midrasch sehr geistvoll zum Ausdruck, indem er sagt, Adam ist nur um des Verdienstes Abrahams willen erschaffen worden. Daß die Verdienste Abrahams schon bei der Schöpfung Adams ausschlaggebend gewesen sein sollten, ist keine Ungereimtheit, sondern der Ausdruck für den Willen des Schöpfers, das Gute in der Welt dauernd wirksam sein zu lassen. Der Mensch ist erschaffen worden, um in seinem Entwicklungsgange zu der sittlichen Höhe eines Abraham zu gelangen. So bedeutet Sechus owos. das sittlich Gute, die ethische Höhe, zu der sich ein Mensch emporgerungen hat, die bewußt oder unbewußt in Kindern und Kindeskindern fortwirkt, solange diese den Boden der religiösen und moralischen Grundsätze