Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 44 (22.10.1926)
- Date
- 1926-10-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT öesteiTCtcIUsc&e Wocftensffirtil Iör te&sdie Interessen rat «Sem Befifclöfl; Yeröttenflldunißcii der „Union öenlscliösienreidiisäicr Juden" Redaktion und Administration; U- Stein 13. - Fernruf 42-2-18 XL1I. Jahrgang Wien, 22. Oktober 1926 Nummer 44 Majorität und Minorität. Wer die politischen Verhältnisse eines in nationaler Hinsicht nicht einheitlichen, also von Anhängern verschiedener Völker bewohnten Landes richtig beurteilen will, der wird von dem zahlenmäßigen Verhältnis, in welchem die einzelnen nationalen Gruppen zueinander stehen, ausgehen müssen. Dieses Verhältnis ist heute der Grundstein, auf welchem sich das staatliche Leben aufbaut. Gewiß wirken auf dieses auch historische, soziale und kulturelle Einflüsse mehr oder minder modifizierend ein, im Wesen ist es jedoch stets die nationale Gliederung eines Landes, welche in seinen politischen Gestaltungen, in Verfassung, Verwaltung und Regierung nach, Ausdruck ringt. Aus diesem Grunde muß man sich eine Tatsache stets vor Augen halten, wenn man die derzeitige Lage der Juden im Heiligen Lande richtig beurteilen will .-DieJudenPalästinas bilden 15 Prozent derGesamtbevölkerung dieses Landes, d. i. also nicht einmal ein Sechstel seiner Einwohnerschaft. Die Hauptmasse der Bevölkerung besteht aus mohammedanischen Arabern und wenigen Christen, die aber in nationaler Hinsicht mannigfach differenziert sind. Es kann sich daher in Palästina niemals ein jüdischer Nationalstaat in dem Sinne entwickeln, wie es die Zionisten anstreben, sondern nur einnationalgemischt.es Staatswesen, ein Staat, in dem neben anderen Bevölkerungselementen sich auch Juden befinden. Dieser Ansicht hat auch Herbert Samuel, der einstige Gouverneur von Palästina, jüngst in seiner Rede in Nürnberg Ausdruck verliehen und er hat hinzugefügt, „daß eine innere Beruhigung des Landes nur dann eintreten wird, wenn die angestrebte Teilnahme der Araber an der Verwaltung des Landes erreicht sein wird". Denselben Gedanken hat vor kurzem auch Prof. Dr. Franz Oppenheimer in seinem Aufsehen erregenden Vortrage über seine Reiseeindrücke in Palästina ausgesprochen, indem er die Notwendigkeit betonte, „daß man den Gedanken ein für allemal aufgeben müsse, daß die Juden die herrschende Klasse in Palästina werden könnten". Noch klarer und deutlicher als in seinem Vortrage gab Professor Oppenheimer dieser seiner Ueberzeugung meinem Interview Ausdruck, in welchem er den Entstellungen und Verdrehungen, die sein Vortrag in der zionistischen Presse erfahren hat, energisch entgegentrat. Er sagte nämlich u. a.: „Man darf von Palästina keine Wunder erwarten, und vor allem darf man sich nicht als Ziel setzen, aus . Palästina ein jüdisches Herrenland mit einem arabischen Knechtsvo.lk zu machen. Palästiua wird, davon bin ich überzeugt, immer ein jüdischarabisches Land sein, und wir sollten uns in unserer wirtschaftlichen Arbeit, aber auch psychologisch auf diese Perspektive einstellen." Gewiß haben sich, wie Prof. Oppenheimer richtig bemerkte, auch viele maßgebende Zionisten der Bedeutung der Tatsache, welche in dem zahlenmäßigen Verhältnisse der Juden zu den Arabern gelegen ist, nicht verschließen können, gewiß sind auch sie gewillt, den Majoritätsverhältnissen Rechnung zu tragen, anderseits gibt es in und außerhalb Palästinas noch immer zionistische Politiker, welche die Dinge, wie sie wirklich sind, nicht sehen wollen und durch überspannte Forderungen und ungerechtfertigte Aspirationen die Idee aufs schwerste kompromittieren, welche sie zu vertreten vorgeben. Denn was soll man dazu sagen, wenn ein jüdischer Politiker, der sich als einen „radikalen Zionisten" bezeichnet, wir meinen Ing. Robert Stricker, es wagt, einem Manne, wie es Prof. Oppenheimer ist, die folgende Antwort zu geben: Den schärfsten Protest müsse man dagegen erheben, daß Oppenheimer erklärte, die meisten maßgebenden Zionisten stimmten mit ihm darin überein, die Juden hätten keine Majorität in Palästinazubiide n, undesseiauchgarnicht wünschenswert, daß sie die Majorität erlangen. Das heißt nichts anderes, als den Zionismus zu liquidieren. Es ist unwahr, daß die Zionisten auf die Erlangung der Majorität in Palästina verzichtet haben. Zionismus heißt, den Judenstaat in Palästina anzustreben und zu diesem Zwecke ist die Erlangung der Majorität selbstverständlich. Wer die Majorität nicht anstrebt, ist kein Zionist. Oppenheimer sagte ferner, er habe schon vor zwanzig Jahren davor gewarnt, die Araber zu unterdrücken und tat es mit dem Untertone: „Ich habe keine silbernen Löffel gestohlen." Wann hat bei uns Zionisten die Tendenz bestanden, die Araber zu unterdrücken? Diese Redensart Oppenheimers klingt wie eine Denunziation. Nein, Herr Stricker, durch noch so hinreißende Versammlungsreden kann die Tatsache nicht aus der Welt geschafft werden, daß die Juden heute weniger als den sechsten Teil der Einwohnerschaft Palästinas bilden, und auch die schärfsten Proteste noch so radikal sich gebärdender Zionisten können die Welt nicht darüber hinwegtäuschen, daß die ihrer Verantwortung bewußten — und das sind, wie Oppenheimer richtig bemerkt hat, die „meisten maßgebenden Zionisten" — auf eine Majoritätsbildung in Palästina verzichtet haben. Es kann sich also bestenfalls darum handeln, eine gesunde, wirtschaftlich lebensfähige jüdische Minorität im Heiligen Lande zu schaffen und derselben einen solchen politischen Einfluß zu sichern, als ihrer Zahl und ihrer Bedeutung entspricht. Oder will Herr Stricker bereits heute eine Palästinapolitik betrieben wissen, als ob das Verhältnis der Juden zu der nichtjüdischen Bevölkerung des Landes das umgekehrte wäre, als es tatsächlich ist?