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Die Wahrheit · 1926-10-15 · Heft 43 (15.10.1926) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 43 (15.10.1926)
Date
1926-10-15
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Aberglauben unter den breiten Massen zu bekämpfen.- Die unteren Volksschichten fahren Ja fort, den abergläubischen Meinungen zu huldigen, lange nachdem diese vondenoberenlängstauf- - gegeben wurden. Wir haben ja das erst vor kurzem schaudernd erlebt, als der Ritualmordwahn in Breslau auflebte und offenbar die Aufdeckung eines grausigen Verbrechens verhinderte. Entgegen meiner sonstigen Gewohnheit diktiere ich diesen Brief in die Maschine, denn ich fühle mich heute sonderbar matt und meine Hand zittert leicht. . .". Wie wir erfahren, hat * Herr Benjamin Segel, unser geschätzter Mitarbeiter eine derartige „Volksausgabe" seiner „Erledigung", wie sie Eucken ihm vorschlug, bereits seit längerer Zeit in Bearbeitung. Im Spiegel des Auslandes. Die englische Zeitung „The Manchester Guardian", die sich seit Abschluß des Friedensvertrags gegen das Diktat von Versailles eingesetzt hat und schon zu einer Zeit für Deutschland eintrat, als man sich damit sehr unbeliebt machte, äußert sich über den Antisemitismus in Deutschland, der sich bei dem Leiferder Eisenbahn-Attentat besonders kraß und widerwärtig zeigte, folgendermaßen: „Nun kann der gemeine Kampf gegen die Juden mit relativer Straflosigkeit fortgeführt werden und in dieser Hinsicht sinkt Deutschland auf das Niveau von Ungarn oder Rumänien herab. Der deutsche Antisemitismus, der immer wieder die eminentesten und ehrenwertesten Persönlichkeiten im heutigen deutschen Leben zu seinen Opfern wählt, scheint sich im Laufe der Zeit zu verschlimmern statt zu bessern." Diese Stimme wiegt umso schwerer, als der „Manchester Guardian" eine in der ganzen Welt hochangesehene und verbreitete Zeitung ist. Auch der Berliner Korrespondent der „Neuen Zürcher Zeitung" gibt seinem Blatte in summarischer Form einen Ueberblick über Ursprung, Gründe und gegenwärtige Lage der politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Judengegnerschaft. Der Artikel stellt dar, wie sich auf der ideologischen Grundlage des „christlichen Staates" die Tatsachen von der Ausschließung der Juden von der Offiziers-, Beamten- und Richterlaufbahn als Selbstverständlichkeit ergaben, so daß die jüdische Intelligenz sich in die freiengeistigen Berufe begab und hierbei eine anteilsmäßig hervorragende Rolle zu spielen begann. Daneben waren es Presse, Theater, Film und Kunst, die den Juden ungehemmte Entwicklungsmöglichkeiten böten, so daß sich schließlich die Umwelt gegen diese von ihr selbst verschuldete Erscheinung zu wenden begann. So scheine es begreiflich, daß die übergroße Zähl der deutschen Juden Anhänger der Republik würden, die ihnen die volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung auch in der Praxis brachte, „nicht bloß, wie vielfach unter der Monarchie, in der Theorie oder erst wenn sie getauft waren". Der Aufsatz stellt dann weiter fest, daß die gesellschaftliche Anerkennung auch jetzt noch ausbleibt, und wie der alte Beamtenstand und der akademische Nachwuchs als traditioneller Nachfolger der früher kaiserlichen Beamten und Offiziere dem in die früher ihnen vorbehaltenen Berufe eindringenden jüdischen Element mit starker Gegnerschaft entgegentritt. Der Antisemitismus ist so eine Erscheinung geworden, die in irgendeiner Form bei Austragung politischer Differenzen eine wesentliche Rolle spielt. Wörtlich heißt es: „Denn die Reizbarkeit links wittert überall den'Antisemitismus, und die Verbissenheit rechts überall den Juden als Wurzel vielerlei Uebels. Dabei wird derjenige.jder die Verhältnisse kennt, auch wenn er der deutschen Republik keine zu große jüdische Dosierung wünscht, billigerweise offen anerkennen müssen, wieviel große wissenschaftliche, literarische und auch künstlerische Leistungen auf das Konto der deutschen Juden kommen, und wie stark ihr soziales Empfinden, wie viel Ehre sie sich und ihrem Lande machten. Namentlich ist aus dem geistigen Leben und der ökonomischen Entwicklung Berlins das jüdische Element als ungemein treibende Kraft überhaupt nicht hinwegzudenken . . ." 'Die beiden zitierten Blätterstimmen beweisen nur, wie sich &i •der Vorstellung des Auslandes die antisemitische Bewegung Deutschlands darstellt, und man kann nicht behaupten, daß dieser Eindruck sehr schmeichelhaft sei. Der Jüdische Frauenverem Leopoldstadt veranstaltet ^nntag, den 17. Oktober, im Festsaal des Hotel Continental (Wien IL, Taborstraße Nr. 4) eine Jause mit Vorträgen und Tanz. Anfang präzise 4 Uhr. Regiebeitrag S l.-?-. Gäste willkommen. Iii Anbetracht der edlen Zwecke, denen der Reingewinn aus dieser Veranstaltung zufließt, Wirdum recht zahlreiches Erscheinen gebeten. Theater, Kunst u. Literatur | Vortrag. Anläßlich der Eröffnung des Wintersemesters dies Maimonides-Institutes hielt der Leiter desselben, Herr Dr. A. Kaminka, am 4. d M. einen Vortrag über „Meth.od.en der wissenschaftlichen Erklärung des hebräischen Bibeltextes". Einleitend gab der Gelehrte dem leider allzusehr gerechtfertigten Bedauern darüber Ausdruck, daß bei unserer Jugend fremde Literaturen öfter und gründlicher studiert werden, als die eigene. Unsere Bibel ist heute weit mehr in den Händen Andersgläubiger und am den Universitäten Gegenstand von Vorträgen und Studien von Leuten, welchen die intime Kenntnis des Hebräischen meist fehltC was zu Verfälschungen Anlaß gibt. Selbst jüdische Forscher sind auf solche trübe Quellen angewiesen. Das war früher anders: Reuchlin zahlte seinem Lehrer des Hebräischen (R. Sfarus) einen Dukaten für die Stunde. Franz Delitzsch (der Aeltere) lernte bei Fürst. Es erscheint dringlich, daß sich wieder Juden der exegetischen Bearbeitimg der Bibel widmen, um oft tendenziöse Entstellungen zu widerlegen, von welchen der Redner einige krasse Beispiele aus den Psalmen bei den Professoren Wutz und Knittel, die als Autoritäten gelten, anführt. Während schon der Talmud einzelne Bibelstellen hypothetisch rektifiziert, betreibt man jetzt ganz allgemein Streichungen mit apodiktischem Rationalismus, der zu Irrtümern führt. Die einfachste Methode der Erklärung nach dem Wortsinne verdrängt dabei ganz die so schöne höhere nach dem philosophischen Sinne. Auch die Zahlen-Mystik hatte ihre oft geistreichen Ideen, die nicht vernachlässigt werden müssen. Es sind in der Schrift eben Wahrheiten für Kinder und solche der philosophischen Auffassung für Erwachsene enthalten, deren Berechtigung im talmudisohen Zeitalter ebenso wie später in Spanien und unter anderem auch bei Rasche als gleich anerkannt wurde. „Wh* sollten," so schloß der Vortragende, „in unserem eigenen Hause nicht andere walten lassen, das Maimonides-Institut kann und soll dazu beitragen, daß wir diese Heimat aus eigener Kraft wieder erwerben. Med^Rat Dr. H. Haase. Jüdisches Familienblatt. Anfangs November d. J. wird in Bratislava (Preßburg) eine neue jüdische Wochenschrift in deutscher Sprache erscheinen. Die Vorarbeiten zu dieser Neugründung sind bereits vollendet. Als Herausgeber und Chefredakteur zeichnet Moses I. Müller, bisher einige Jahre hindurch Redakteur der in Bratislava erscheinenden „Jüdischen Volkszeitung'*. Ein Stab hervorragender in- und ausländischer Mitarbeiter bürgt für die vorzügliche Ausgestaltung des Blattes. Das „Jüdische Familienblatt1 macht sich zum Grundsatze, nebst den alljüdischen Interessen des Judentumes den vitalen Interessen der slowakischen Juden' heit zu dienen; sie will, auf der Basis der jüdischen Tradition stehend, der Renaissance des Judentums dienen. Die Ausstattung der. in Heftform erscheinenden Zeitung wird eine vornehme und dennoch volkstümliche sein. Em reiches Bädermatertal wird den Text illustrativ unterstützen. Jahresabonnement im Inlande 72 Kc. Ausland 100 Kc H. Kelsen. Marx oder Lassalle. (Leipzig 1924, C. L. Hirschfeld.) Nach Marx und Engels ist der Staat seinem Wesen nach die organisierte Herrschaft der einen Klasse mit der Sucht, die andere auszubeuten. Der Staat muß im Laufe der sozialen Entwicklung als wesenloses U eberbleib sei überholter Perioden von selbst in sich zusammenfallen. An seine Stelle tritt die Gesellschaft Kelsen zeigt mit bekanntem Scharfsinn, wie diese Stellung zur Staatsidee von den führenden Marxisten, wie Renner, Bauer, Kautsky, ohne daß sie es eingestehen mögen, im Kern der Sache aufgegeben worden ist, während C u n o w ganz offen bekennt, daß seiner Ansicht nach die Hypothese von Abschaffung und Auflösung des Staates unbedingt fallen muß, daß aber an die Stelle des kapitalistischen Staates auf der Grundlage einer neuen Gesellschaftsordnung ein neuer, höher entwickelter Staat treten soll: der sozialistische Wirtschafts- und Verwaltungsstaat. Er steht auf Seiten Lassalles. Und in Würdigung der Lassallschen Staatstheorie schließt auch Kelsen seine Studie mit dem Ausrufe „Zurück zu Lassalle!" jSh^^ •5

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