Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 43 (15.10.1926)
- Date
- 1926-10-15
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 43 oi£ WAMknm öeite 9 den Pninzen Joliannes Liechtenstein angestrengt, weil dieser den Kläger in einem an das Sekretariat desselben gerichteten beleidigendem Briefe unter anderen „Schmähungen" auch „Altes K e p p e 1 w e i b" und „Alter B i n k e 1 j u d" genannt hatte. Die erste Verhandlung in diesem Prozesse, die beim Bezirksgerichte I stattfand, hatte mit der Verurteilung des Prinzen Liechtenstein zu einer Geldstrafe von 150 Schilling geendet, wobei der Richter den vom Beleidiger angebotenen Wahrheitsbeweis (?) nicht zugelassen hatte. Das war auch der Grund, weshalb der Beklagte gegen das Urteil Berufung einlegte. Die Berufungsverhandlung endete nun damit, daß der Berufung des Prinzen Liechtenstein Folge gegeben wurde. Das Urteil wurde aufgehoben und dem Bezirksgericht die Wiederholung der Verhandlung aufgetragen. In der Begründung führte der Vorsitzende des Berufungssenats aus, die Worte „Altes Keppelweib" beinhalten wohl eine Beschimpfung, dagegen sei der Ausdruck „Alter Bink e 1 jud" eine Verspottung, welche nur dann strafbar sei, wenn der Nachweis erbracht würde, daß der Privatankläger dem öffentlichen Spotte ausgesetzt werden sollte. Da dieser Nachweis erst zu erbringen ist, müssen neue Zeugen einvernommen werden und zu diesem Zwecke muß die Verhandlung vor dem Erstgericht wiederholt werden. Ob nun eine „Beschimpfung" oder eine „Verspottung" in dem Ausdrucke „Alter Binkeljud" gelegen ist, ist nicht sicher, sicher jedoch ist, daß derselbe dazu bestimmt war, den Grafen vor seinen Angestellten herabzusetzen. Um dieses Ziel zu erreichen, hat der Prinz mit der wahrhaft aristokratischen Erziehung nach einem Ausdrucke gesucht, der in den exklusiven Kreisen, in welchen er verkehrt, den Inbegriff des Niedrigen und Verächtlichen darstellt, nämlich einen Juden, der trotz seines hohen Alters mit einem schweren Binkel am Rücken von Haus zu Haus und von Ort zu Ort wandern muß, um den Lebensunterhalt für seine Familie zu erwerben. Er hat den Mann, den er herabsetzen oder verspotten wollte, 'nicht etwa einen „Raubritter" genannt, offenbar weil die Tätigkeit der Vorfahren mancher Rittergeschlechter, die darin bestand, friedliche Kaufleute und harmlose Reisende zu überfallen und auszuplündern, in seinen Augen viel höher steht, als die Beschäftigung eines alten armen Juden, der, an jeder anderen Art des Broterwerbes verhindert, auf einen Stock gestützt, unter einer schweren Last dahinkeuchte, um das Geld zusammenzuscharren, das er für die Aufenthaltserlaubnis der Seinen allmonatlich zu entrichten hatte. Der Herr Prinz stellt natürlich die ritterlichen Händel,- mögen sie sich auch in unserer prosaischen Zeit nur vor Bezirksgerichten abspielen, weit über den unritterlichen Handel, den „alte Binkeljuden" im Umherziehen betreiben. Das ist auch der Grund, warum er den Nachkommen eines der stolzesten Rittergeschleehter mit einem Nachkommen Abrahams verglichen hat. „Es fehlt der jüdische Kopf." Der Herausgeber des Berliner „Fridericus" schreibt in seinem Blatte allwöchentlich einen sogenannten Leitartikel, den er für ein politisches Feuilleton hält. Eine gewisse Mischung von Zuckerbrot und Peitsche. In einer der letzten Nummern sind nun unter dem Motto „Selbsthilfe gegen Wucher" Ausführungen erschienen, die aus dem Dunkel dieses Blattes in das helle Licht der Oeffentlichkeit herausgehoben werden sollen. Herr F. C. Holtz meint: „Wir sind düstere Antisemiten. Mit was für schönen Reden und knuffigen Leitartikeln haben wir seit Jahren die Juden ausgerottet. Sie sind allerdings noch immer vorhanden. Aber wir haben doch wenigstens die Bevölkerung aufgeklärt. Mit Rassentheorie und Abstammungslehre und so. Und haben dadurch erreicht, daß sich Leute, die dieses sicherlich schwierige Thema in den verkehrten Hals bekommen haben, damit in der Oeffentlichkeit blamierten und dem gewandteren Juden Gelegenheit gaben, rednerische oder schriftstellerische oder wissenschaftliche Lorbeeren einzuheimsen. Wir haben unseren Antisemitismus sehr laut betrieben.«- Fast zu laut. So daß Leute von gutem Geschmack leise weinend aus der Arena hinausgegangen sind, zumal der Champion der Bewegung A und der Champion der Bewegung B sich gerade mit 8-Unzen-Boxhandschuhen darüber aussprachen, wer wirklich 100 Prozent völkisch ist und wer bloß 99 X» Prozent. Zur Zeit sind wir dabei beschäftigt, die für die Sicherheit der deutschen Eisenbahnen, die Zukunft des deutschen Volkes und . die Hebung der Volkswohlfahrt gleicherweise wichtige Feststellung zu treffen, ob der Eisenbahnverbrecher Schlesinger Jude ist oder nicht." Man staunt: Woher so plötzlich diese Selbstkritik — und bedauert, daß Holtz mit dichterischer Freiheit und nicht den Tatsachen entsprechend seine Philippika hält. Denn noch ist unvergessen, wie blutige Ausschreitungen gegen jüdische Bürger vorkamen, ihr Leben und Eigentum gefährdet wurde, Gräber und Tempel geschändet und besudelt wurden — alles auf Grund der „h armlosen" Agitation der Herren Antisemiten. Aber dann liest man weiter: „Jawohl, wir sind zielbewußte Antisemiten, und wenn wir nun bloß einen Juden hätten, der die Bewegung richtig aufzieht, dann würden wir vielleicht Erfolge haben. Denn dieser Jude — glaubt es mir — würde den Stier, an dessen Schwanz wir bisher mit heißem Bemühen zupften, an den Hörnern anpacken und vom Geschäft reden. Denn das ist die Stelle, wo der Antisemitismus äußerst sterblich ist. Das Geschäft. Man kann sich doch nicht wirtschaftlich selbst das Grab schaufeln, man kann doch den jüdischem Geschäftsfreund nicht ausschalten, man muß doch leben. Deshalb handelt man mit dem Juden, deshalb geht man ins Warenhaus, deshalb verkehrt man — auch der Fridericus-Verlag machts nicht besser — mit jüdischen oder von Juden kontrollierten Großbanken. Herrschaften, nehmt es mir bitte nicht übel, wenn auch ich einmal sehr laut und sehr deutlich werde: euer Antisemitismus ist so lange für die Katz, so lange er sich nicht mit seinem Hauptgewicht gegen die jüdische Diktatur und Vorherrschaft auf wirtschaftlichem Gebiete wendet.'* Und nun folgt eine Kampfansage bis aufs Messer mit Boykottauftorderungen gegen jüdische Geschäfte. Man ändert also nur die Melodie, der Text bleibt derselbe! Weil die Bevölkerung der ewigen Hetzereien müde geworden ist, und die Möglichkeit, sie zu Gewalttätigkeiten zu bringen, gering scheint, beschreitet man den bequemeren Weg des trockenen Pogroms. Denn Holtz gibt genaue Anweisungen, wie es zu machen sei. Man darf trotz allem zunächst wohl beruhigt sein, auch aus diesem Holtz schnitzt man keine Führer! Ein antisemitischer Stadtsekretär. In einer Bezirksverordnetenversammlung in Charlottenburg wurde auf Einschreiten des Centraivereines von der gesamten Fraktion der Mitte, der außer den Demokraten auch die Wirtschaftspartei und das Zentrum angehören, folgende eigentümliche Angelegenheit zum Gegenstand einer Interpellation des Bezirksamtes gemacht: In einem Prozeß, der vor dem Jugendamt geführt wurde, erklärte der amtierende Amtsrichter, einer der Parteien den Eid abnehmen zu müssen. Der Betreffende war Jude. Da machte der Stadtobersekretär Meyer, der in Vertretung der Stadt Charlottenburg erschienen war, den Einwand, man müsse bedenken, daß die jüdische Religion einen Meineid gestatte. Er wurde darauf von dem Amtsrichter sofort auf das schärfste zurückgewiesen und ihm eröffnet, daß derartige widersinnige Märchen längst widerlegt seien. Die interpellierende Fraktion fragte nun an, was das Bezirksamt in diesem Falle getan habe, wo ein von der Allgemeinheit besoldeter Beamter in Vertretung der Stadt einen Teil der Bevölkerung des Meineides bezichtig habe. Bürgermeister A u g u s t i n, der die Interpellation sofort beantwortete, erklärte, es habe sich um einen bis dahin unbescholtenen Beamten gehandelt, der bereits acht Jahre Charlottenburg vor dem Jugendgericht vertrete. Das Bezirksamt bedauere die ganze Angelegenheit unendlich, zumal sie sich in einer an Spannung reichen Zeit zugetragen habe. Es habe bereits den Schuldigen von seiner Stellung enthoben und die Disziplinar Voruntersuchung gegen ihn eingeleitet. Es folgte eine Erklärung der Rechten, die durchaus den Ausführungen beistimmte. Auf einen Zuruf eines Völkischen erklärte dann der Vorsitzende der sozialdemokratischen Partei, Dr. Kawerau, es sei tief beschämend, daß in unserer Zeit noch jemand behaupten könne, dem Christentum geschehe durch eine derartige Roheit kein Abbruch. Pfarrer Rohde stellt mit Verwunderung fest, daß ein Beamter, der auf diese überzeugende Art seine Unfähigkeit zur Bekleidung eines wichtigen Amtes bekunde, den Posten eines Stadtobersekretärs habe erlangen können. Der hochwürdige Herr hat recht, die Angelegenheit ist sehr verwunderlich und bezeichnend. Das Echo der Rede Professor Franz OoDenheimers. Der Eindruck, den die Ausführungen des berühmten Frankfurter Soziologen, über die wir jüngst berichtet haben, in zionistischen und nichtzionistischen Kreisen gemacht hat, war ein unbeschreiblich großer. Handelte es sich doch hier weder um einen Politiker, der Palästina mit Parteibrillen betrachtet hat. noch auch um einen Vergnügungsreisenden, der seine Eindrücke bei einem Spaziergang durchs Heilige Land zum Besten gab, sondern um einen ernsten und v&Mr «Jtt»r TMS.' 'A<£K>t2ll^»£aMaMaB>£aHEir' •Sri.-ÄI3*»S>2»r &».«^aHtM