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Die Wahrheit · 1926-10-15 · Heft 43 (15.10.1926) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 43 (15.10.1926)
Date
1926-10-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 8 DIE WAHRHEIT Nr. 43 liehen. Gerührt dankte der Unterrichtsminister in einer längeren Rede, in der er darauf hinwies, daß der Mensch nur ein Wurm sei und daß ohne Gottes Segen jedes menschliche Streben vergeblich bleibe. Wenn es ihm gelungen sei, das ungarische Bildungsniveau einigermaßen zu fördern — das bezieht sich offenbar auf den Numerus clausus — so müsse er in diesem Augenblick vor allem Gott dafür danken. Man wird Sr. Exzellenz dem Herrn Dr. Klebelsberg ohne weiteres beistimmen dürfen, daß der Mensch ein Wurm ist und daß ohne Gottes Segen nichts Gutes erreicht werden könne. Ob jedoch das Bildungsniveau Ungarns dadurch gefördert wird, daß man begabten und lernbegierigen Junglingen wegen ihrer Konfession das Studium unmöglich macht, ist allerdings nicht so sicher. Daß Ungarn infolge des Numerus clausus über den Mangel an Trägern des Doktortitels zu klagen haben würde, ist nicht zu befürchten. Wenn nicht anders, kann man so vielen Herren, als man nur will, mit Nachsicht der Taxen und der Studien den Titel eines Doktors honoris causa verleihen. Das Budapester Zivilgericht hat die Verhandlung über die Klage der Eva Barsony, die das von rasendem Rassenhaß diktierte Testament ihres Vaters anfocht, vorläufig erst vertagt. Laut diesem letzten Willen enterbt der einstige antisemitische Rektor der Budapester Universität seine Tochter, falls in den Adern ihres zukünftigen Gatten sich ein Tropfen semitischen Blutes findet. Der juristische Vertreter der Universität beeilte sich zwar, die der Wissenschaft hohnsprechende Behauptung aufzustellen, daß eine solche untrügliche Blutprobe möglich sei, aber wäre sie es, dann würde der Wahnsinn des Testamentes nur um so klarer hervortreten. Adam im Paradiese mußte sich im Schlafe eine Rippe nehmen lassen, um zu seiner Eva zu gelangen. Aber die arme Eva Barsony wehrt sich mit gutem Grund gegen die Zumutung, daß ihr Adam wachend oder in der Narkose sich ihretwegen das Blut abzapfen lasse. Dieser Eva Barsony schien aber vielleicht schon darum das schon ziemlich alte Testament ihres Vaters höchst anfechtbar, weil sie als Christin aus dem Neuen Testamente wußte, daß man den Judenhaß am allerwenigsten vernünftigerweise mit der Lehre von der Abstammung der Menschen begründen könne. Wenn Eva Barsony mit dem Bewußtsein heiraten will, unangefochten in ihrer Ehe zu bleiben, mußte sie sich bei klarem Verstände entschließen, das Testament ihres Vaters anzufechten. Zugegeben darf allerdings werden, daß der gegenwärtige antisemitische Rektor ganz richtig handelte, als er sich für den letzten Willen seines Vorgängers einsetzte. Ego. Werbet Abonnenten für „Oie Wahrheit"! Die antisemitischen Ausfälle des Abgeordneten Kunschak, die sich in einer vor kurzem im christlichsozialen Verein Hietzing gehaltenen Versammlungsrede vorfinden, scheinen ein Ablenkungsmanöver zu sein, dazu bestimmt, die in jüngster Zeit besonders deutlich hervorgetretenen Mißstände innerhalb der christlichsozialen Partei in den Hintergrund zu schieben. Deshalb wurde von Herrn Kunschak in seiner Rede, die den Titel „Die Wahrheit über den Zentralbankskandal" führte, der Jude in den Vordergrund geschoben. Dies ist ein alterprobtes Mittel, Mißstimmungen in ganz bestäminter Richtung abzuleiten. Was haben also die Juden eigentlich mit dem Zentralbankskandal und den übrigen christlichsozialen Skandälchen zu tun? Kunschak sagte in seiner Rede wörtlich: „Schauen wir uns die Ankläger in der Zentralbankaffäre selbst an. Es ist so bezeichnend. Wenn man zum Ausgangspunkt der Nationalbankaffäre zurückgeht, stoßt man auf die Juden Breitner, ßroczyner und Alling Im Parlament findet man dann als Ankläger den Juden Danneberg, ihm assistierte der Jude A u s t e r 1 i t z, dann kam der Jude E i s 1 e r; ich weiß nicht, ob es Absicht oder Zufall ist, während die ganze Kampagne am heftigsten läuft, ist Herr Austerlitz ijn Urlaub, und man hat sich an seine Stelle den Juden Doktor Schacherl aus Graz herbeigeholt." Worin besteht also die Schuld dieser Juden? Sie haben die Anklage gegen jene christlichsozialen Mandatare erhoben, die sich durch ihr Tun und Lassen zu Mitschuldigen der verschiedenen Bankzusammenbrüche gemacht haben und haben dagegen, protestiert, daß Staatsgelder dazu verwendet werden, um die bösen Folgen derartiger Machenschaften zu beheben. Gewiß hätte Herr Kunschak die Juden lieber in der Liste der an den Bankzusammenbrüchen wahrhaft Schuldigen gesehen, und wir können uns deutlich ausmalen, welche Töne er in diesem Falle angeschlagen hätte. Er hätte etwa gesagt: „Die» Juden haben das Volk ausgebeutet und betrogen, sie haben in echt jüdischer Geldgier das Geld der kleinen Sparer unter falschen Vorspiegelungen an sich gelockt, um damit wüsteste Spekulationen zu betreiben und jetzt, da diese fehlgeschlagen sind, und sie die Wut des betrogenen Volkes fürchteten, . hauen sie die Unverschämtheit besessen,. Steuergelder zur Vertuschung ihrer Uebeltaten zu verwenden." So ungefähr hätte Herr Kunschak gesprochen, wenn die Urheber der Bankenskandale Juden gewesen wären. Aber leider, kein einziger unter ihnen ein Jude, der als Sündenbock, sondern ganz im Gegenteil, lauter gut christliche Persönlichkeiten!, Männer mit und solche ohne Priesterkleid, finden sich auf der Liste der an den Skandalen beteiligtem. An erster Stelle steht der gewesene Landeshauptmann von Steiermark, Dechant Prisching, von dessen Spekulationskonto mehr als 600 Millionen Kronen abgeschrieben werden mußten; dann kommen zahlreiche steierische Landesbeamte, die dem Beispiel ihres Vorgesetzten bedenkenlos gefolgt sind und sich in die wüstesten Spekulationen zum Schaden des Landes eingelassen haben: ihnen folgen die christlichsozialen Mandatare Stöckler und Zwetzbacher. der Landtagspräsident Schreckenthal, der Rassenantisemit Wutte und viele andere mehr. Da Herr Kunschak offenbar nicht in der Lage war, diese Tatsachen wegzuleugnen, benutzte er den Umstand, daß einige der sozialdemokratischen Mitglieder des Untersuchungsausschusses Juden sind oder waren, um eine antisemitische Hetze zu entfalten. Doch Herr Kunschak möge es sich gesagt sein lassen: die Frage, um die es sich jetzt handelt, ist nicht die, ob die Ankläger Juden sind, sondern ob die Anklage auf Wahrheit beruht oder nicht. Auf diese Frage verlangt die österreichische Oeffentlichkeit dringend Aufklärung, und sie wird trotz antisemitischer Stimmungsmache gelöst werden müssen, da dies im Interesse der Reinheit unseres Staatslebens und der politischen Moral unbedingt notwendig ist. Aristokraten unter sich. Vor dem Berufungsgericht unter Vorsitz des Hofrates Dr. Gottfried fand am 5. Oktober, die zweite Verhandlung im E hr enb el e i d i gu n gs p r o z e ß statt, den Altgraf Erich Salm-Reifferschneidt gegen JAC. MAYER Kleider-, Pelzeu. Gummimäntel-Fabrik Zentrale: Detail verkauf: Wien II., Glockengasse 24 Wien II., Taborsiraße 44

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