Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 43 (15.10.1926)
- Date
- 1926-10-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 43 DIE WAHRHEIT Seite 7 den zwölf Kuppelchen der Synagoge. Sie scheint arm, unbeschreiblich arm. Man möchte einen Obolus zurücklassen, damit wenigstens die Dächer ausgebessert werden können; aber der Rabbiner zeigt uns die Liste der stattlichen Summen, die die kleine Gemeinde, verbannt an die äußerste Grenze Hindostans, alljährlich mit erstaunlicher Freigebigkeit an die Brüder in Palästina, Rußland, Rumänien und Polen, an die Waisen von Jaffa, an die Flüchtlinge von Bessarabien, an die Alliance israelite nach Paris, an Ameleh Torah in London, an den Sionist Found nach New York schickt. Die Grundeigenschaften der alten Rasse, die Solidarität und der Instinkt der Sparsamkeit sind mit mehrstelligen Ziffer auf das alte, im Laufe der Jahre verschmutzte Register geschrieben. Sie sind nicht arm, die Bewohner der ärmlichen Häuser von Kotay; ihre Häuser verfallen, ihre Kleider hängen in Fetzen, aber in geduldigem und kühnem Handel, in vorsichtigen und klugen Spekulationen, in der traditionellen Geschäftsvermittlung zwischen zwei Kontinenten haben sie vom Vater auf den Sohn Reichtümer gesammelt als Furcht ihrer Arbeit und jahrelangen Sparsamkeit. Die Finger, die vielleicht jede kleine Münze um und um drehen, ehe sie beim alten Isaak ein Ei, in Zwiebelsaft gekocht, kaufen, rücken freigebig mit Pfund Sterlingen heraus, um unglückliche Brüder zu unterstützen, die keine ruhige Oase gleich dem Städtchen Kotay und kein gastfreundliches Land gleich Italien gefunden haben, die Brüder, die, vom Schicksal getrieben, noch immer durch die Welt irren, um ein sicheres Plätzchen zu suchen zum Leben und Sterben . . . Aus dem Italienischen von Emil Schiller. Glossen. Man hat zwar oft mit Staunen erfahren, daß die im Judenhaß grau gewordenen und auch Grauen verbreitenden Hetzer für fast alle Katastrophen, von denen die Menschheit in den letzten Jahren heimgesucht wurde, die Juden verantwortlich machten. Wer hätte es aber für denkbar gehalten, daß ein Kunschak selbst vor dem Versuche nicht zurückschrecken werde, aus dem unverfälscht arischchristlichsozial-antisemitischen Zentralbankskandal antisemitisches Kapital, d. h. eine kleine Judenhetze herauszuschlagen? Herr Kunschak gilt zwar für einen der klügsten Antisemiten, aber welch bodenlos geringschätzige Meinung muß er von seinen Gesinnungsgenossen haben, wenn er es wagt, bei Erörterung der mit der Reinigung des Augiasstalles zusammenhängenden Fragen sie nachdrücklichst mit der Nase darauf zu stoßen, daß nur die Ankläger in dieser Affäre Juden sind? Glaubt Herr Kunschak, daß sich auch nur ein Analphabet finden ließe, der den Platz, den die Beschuldigten in dieser Angelegenheit — vom Herrn Dechanten Prisching bis zu Herrn Wutte hinab — einnehmen, für den beneidenswerteren, für den ehrenvolleren hä1;? Es ist wahr, es heißt im Evangelium beiläufig mit denselben Worten wie im Talmud, es sei besser, zu den Verfolgten als zu den Verfolgern zu gehören. Aber weiß der Himmel, was die Zentralbankaffäre betrifft, hätten die Herren Angeklagten sicherlich gerne die Rollen mit den — jüdischen Anklägern gewechselt. Herr Kunschak, der ausgezogen war, den Juden um jeden Preis etwas am Zeuge zu flicken, erinnerte diesmal an den berühmten alten Judenfeind Bileam, der auch, wie die Bibel erzählt, einmal eine Rede begann, um den Juden zu fluchen, und dann nur Worte zu ihrem Segen fand. * Aufrichtig gestanden, habe ich auch den Angriff, den einer der höchststehenden Angeklagten bei dieser Gelegenheit gegen einen polnischen Juden richtete, der seine Francsspekulationen durch Vermittlung einer der vielen verkrachten „christlichen" Banken ausführen ließ, nicht gut begriffen. Dieser große Herr gehört zu jenen, von denen der christlichsoziale „Tiroler Anzeiger" mit wahrhaft erquickender Aufrichtigkeit und ehrlicher katholischer Gesinnung schrieb: „Es handelt sich um den schärfsten Vertrauensbruch, wenn ,Führerk des Volkes den katholischen Gedanken mit Schande beladen. Die Bischöfe verurteilten das Börsenspiel und christlichsoziale Politiker stürzen sich auf diesen verbotenen Erwerb! . . . Die Entschuldigung mit menschlicher Schwäche ist hier nicht am Platz." Wenn dieser „Führer" mit Hohn dessen gedachte, daß auch der polnische Jude als Kommittent der Bank zu sehen war, so dürfte dieser vergnügt antworten, daß sich dies für ihn noch eher ziemte, als für seinen Verhöhner. Ihm galt nicht das Verdikt der Bischöfe und von ihm konnte man gerechterweise auch nicht verlangen, daß er sich streng an das christlichsoziale Programm halte. Der polnische Jude konnte überdies darauf hinweisen, daß ihn weder eine hohe Stellung im Staatsdienst, noch die Bankstatuten an Börsenspekulationen hindern. Vorurteilslos genug, keinen Unterschied zwischen „jüdischem" und „christlichem" Kapital anzuerkennen, war er sich vielleicht gar nicht des konfessionellen Charakters der Bank bewußt, die er mit seinen Francsspekulationsaufträgen beehrte. Ich habe wahrhaftig weder Neigung noch Beruf, für irgendeinen der hängen- oder nicht hängengebliebenen Francsspekulanten eine Lanze zu brechen. Aber wenn ich mich nicht irre, scheint der schon erwähnte fromme „Tiroler Anzeiger" gerade für Leute wie den polnischen Juden sogar die Entschuldigung mit der „menschlichen Schwäche" gelten zu lassen. * Dem ungarischen Unterrichtsminister Graf Kuno Klebeisberg wrurde . von der Szegediner Universität der Titel eines Doktors honoris causa ver- ^-Restaurant Guth Wien II., Hollandstraße Nr. I4 Vornehmes Restaurant mit erstklassiger Küche Mittags- und AbenÖ-Menu nach Wahl S 2.— Übernahme von Diners und Soupers in und ausser Haus Jeden Samstag, Sonn- und Feiertag um 9Uhr abends Soupers - Dansants (Jazz-Band: FRED REICHEL) Zum Besuch ladet höfl. ein , GUTH, Besitzer. ^^■^~^>&£n^n-iA*^*. sg^2i*&4&$a&s9i^&mz\]i&i?- *:-~j?%v&^*zm&fi'