Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 43 (15.10.1926)
- Date
- 1926-10-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sehe 6 DIE WAHRHEIT Nr. 43 zu den heftigsten Anklagen bilden. So paradox es klingt, so wahr ist es; Nicht unsere Laster und Sünden sind es, die die Ursache des Antisemitismus bilden, sondern unsere Vorzüge und unsere nützlichen und wertvollen Leistungen. Nicht die Bösartigen und Verwerflichen unter uns sind es, die den Antisemitismus wachrufen, sondern die Edlen und Vornehmen, die Wertvollen und Tüchtigen, besonders, wenn sie Erfolg haben. Wir sehen es ja mit unseren eigenen Augen. Niemand ist in den letzten Jahren in einem so hohen Maße die Zielscheibe antisemitischer Angriffe und Verleumdungen gewesen, die auf die jüdische Gesamtheit übertragen wurden, wie zwei jüdische Männer, die, obwohl untereinander und in ihrer Stellung zum Judentum grundverschieden, das gemeinsam haben, daß jeder in seiner Art hervorragend ist und Bedeutendes leistet: Einstein und Rathenau, von denen letzterer das Leben lassen mußte. Beide haben nichts anderes verbrochen, als daß sie sich erlaubt haben, jeder auf seinem Gebiete, hohe Verdienste zu erwerben, die Aufmerksamkeit der Welt auf sich zu lenken, Achtung, sogar Bewunderung abzunötigen. Das kann man ihnen nicht verzeihen. Und nicht nur ihnen, sondern der ganzen Judenheit kann man es nicht verzeihen, und die ganze Judenheit muß es büßen. Ist zum Beispiel ein jüdischer Gauner, Wucherer oder Schieber reich geworden, so ärgert man sich zwar darüber, wird aber für seinen Aerger entschädigt dadurch, daß man sich sagen kann: Nur auf diese Weise werden die Juden reich. Man hat ein willkommenes Exempel jüdischer Niedertracht und Verworfenheit, über das man sich sittlich entrüsten und auf das man hinweisen kann. Wenn aber ein Jude auf tadellos rechtlichem Wege zum Reichtum gelangt, wenn gar sein Aufstieg den allgemeinen Wohlstand fördert, verwendet er dann seinen Reichtum nicht auf protzige Weise, lediglich zu selbstsüchtigen Genüssen, sondern zu gemeinnützigen Zwecken, fördert er auf vornehme und geschmackvolle Weise Kunst und Wissenschaft, ist den Untergebenen ein gerechter und fürsorglicher Arbeitgeber, buhlt er dabei nicht um die öffentliche Gunst noch um Anerkennung von oben und erwirbt sich dadurch allgemeinen Respekt und Anspruch auf Dankbarkeit — ein solcher Jude bildet einen der Haupterreger antisemitischer Gefühle und Gesinnungen. Der Neid, außerstande, sich durch begründete Geringschätzung und Herabsetzung des Gegners zu kühlen, verwandelt sich in ohnmächtigen Groll und Haß, der sich gegen die ganze „Rasse" und Religionsgemeinschaft der Gehaßten austobt. Ist der Jude im Wirtschaftsleben erfolgreich, dann soll er wenigstens ein Schuft sein, ein Schädling, ein verachtungswertes Objekt. Aber reich und makellos, reich und um das Gemeinwohl hochverdient, reich und trotzdem hochgeachtet, reich und zu Dankbarkeit verpflichtend, gleichwohl keine Dankbarkeit heischend, reich und gar Bewunderung abnötigend, zu freiwilligem Gehorsam hinreißend, zu einer Führerrolle auserkoren — ein Jude, der so ist, ist unerträglich. Am besten wäre es, ein solcher Jude würde verbrannt. Aber da dies nicht so ohne weiteres geht, so muß nachgewiesen werden, daß die Juden überhaupt nichts taugen, nie was getaugt haben und nie was taugen werden, daß sie überhaupt eine gemeine Rasse bilden, deren Erfolge bloß Schein und Schwindel sind und sich auf niedrige Charaktereigenschaften gründen, die eine Gefahr für die Kultur und die Menschheit darstellen. Es ist also vergebens zu hoffen, daß eine Verbesserung und Veredelung der Juden die Antisemiten versöhnen und den Antisemitismus überwinden werden. Unsere Tugenden schützen uns nicht vor ihm, und unsere wirklichen wie unsere angeblichen Fehler spielen als seine Erreger nur eine Nebenrolle. Die psychologische Haupttriebkraft des Antisemitismus ist eben der Neid. Dieses allzu menschliche Gefühl nimmt uns Juden gegenüber eine besondere Schärfe an, weil wir überall in der Wel* als ethische wie als religiöse Gruppe eine Minderheit bilden. Minderheiten aber, als die eminent Schwachen, die man nicht zu fürchten braucht, haben nach dem Sinne der europäischen Menschheit, die im Völkerleben noch in der heidnischen Ethik atmet, gar kein Recht aufs Dasein. Wenn sie am Leben belassen und überhaupt nicht ausgerottet werden, so ist das nur ein Gnadenakt der Mehrheiten, die die Mächtigen sind und denen allein die Welt gehört. Dieses Moment, nämlich, daß die Juden allezeit und überall eine Minderheit bilden, ist entscheidend für die Stellung der Umwelt zu den Juden. Und da wir in alle Ewigkeit eine Minderheit bilden werden, müssen wir uns darauf gefaßt machen, daß der Antisemitismus durch Kultur und Aufklärung wohl gemildert, aber nie ganz restlos ausgerottet werden wird. Unsere Aufgabe ist also, rastlos an der Mehrung von Kultur und Aufklärung zu arbeiten, aber auch stets zur Abwehr gerüstet zu sein. Eine Judenstadt in Indien. Kotay. Von Mario A p p e 1 i u s. (Schluß.) Der Oberrabbiner hat seine Amtstracht angelegt; mit dem weißen Barte, dem Mantel aus Brokat und der Tiara Salomons sieht Seine Ehrwürden unstreitig viel imposanter aus, als im Alltagsgewande, darin er uns beim Betreten des Städtchens begrüßt hat. Der Tempel hat sich mit Gläubigen gefüllt, die Frauen auf der einen, die Männer auf der anderen Seite. Das rötliche Licht der Lampen beleuchtet nur die ersten Bankreihen, die hinteren bleiben im Dunkel wie auf einigen Bildern Rembrandts. Aber die 7Avanzig oder dreißig Köpfe die sichtbar sind, werden vom Lichte phantastisch entstellt; sein düsterer Schein gräbt sich tief in die knochigen Gruben der Gesichter, daß die Umrisse schärfer hervortreten, entfleischt gleichsam die Schädel. Sie beten: die Lippen murmeln geheimnisvolle Worte. Es scheint, daß der Gottesdienst nach der Jahrtausende alten Tradition der zwölf Stämme gehalten wird, doch vermag ich nicht zu folgen. Niemals habe ich wie in dieser alten Synagoge, die weltverloren im Dekan liegt, eine so starke sinnliche Offenbarung von der Unzerstörbarkeit dieser Rasse gehabt, die seit Jahrhunderten und Jahrhunderten durch die Welt irrt, das Sieb zahlloser Nationen passiert, ohne ihre Physiognomie und ihre Seele einzubüßen; dieser Rasse, die sich anscheinend jeder Umgebung anpaßt und den Geist der Völker annimmt, in deren Mitte sie wohnt. Breit, ernst, feierlich erhebt sich der Chorgesang von den Bänken. Der Vorbeter stimmt in der Ursprache des Alten Testaments die Psalmen des Ezechiel und des Jesaias an, die Gläubigen respondieren im viertausendjährigen Idiom. Traurig ist das Gebet, lang und monoton; schluchzend klingt das Ende der Verse. So sangen vielleicht die Söhne Israels, als sie vor den Horden des Pharao flohen; so beteten die Sklaven, die in Babylon Mühlsteine drehen mußten. Das ganze Drama der Rasse ist in diesem Klagegesang, der von den abgescheuerten Bänken sich zur Bundeslade mit den Worten Davids und Samuels erhebt. „Gnade, o Gott Abrahams! Erbarme dich deines Volkes, o Gott des Sinai und des Eden . . .!" Ein unendlicher Schmerz ist in den Augen der Betenden und eine tiefe Trauer ergriff auch mir die Seele; als Italiener vermag ich die Verfolgungen und Ungerechtigkeiten nicht zu begreifen, deren Opfer diese Menschen auch heute noch überall sind. Der schmerzvolle Gesang begleitet uns aus dem uralten Tempel in die engen und dunklen Straßen, die so jämmerlich aussehen selbst unter dem leuchtenden Purpur der Sonne von Travancore; er geleitete uns bis zum Gemeindehause, wo die Rabbiner und die Notablen uns noch eine Weile aufhielten. Von den eiserner Fenstergittern schweift das Auge weithin über die indische Ebene, die der Widerschein des tropischen Sonnenunterganges in zauberhafte Farben taucht. In der üppigen Ebene, die ragende Palmen wie zum Feste schmücken, liegt die Stadt Abrahams zusammengekauert unter