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Die Wahrheit · 1926-10-15 · Heft 43 (15.10.1926) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 43 (15.10.1926)
Date
1926-10-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 43 DIE WAHRHEIT Seite 5 Ich weiß wohl, daß ein so kluger und1 philosophisch gebildeter Geist wie G i n s b e r g neben Sir Herbert Samuel, dem erfahrenen Staatsmann, auf zukünftige hohe geistige und sittliche Kultürentwicklung in Palästina rechnet. Ich sehe die Fundamente hierfür nicht. Ich sehe nicht dif Grundlagen für eine starke wirtschaftliche Entwicklung in Palästina, die eine Voraussetzung für eine gesunde geistige Blüte sein müßte. Eins ohne das andere ist in der Entwicklung der Welt kaum nachzuweisen. Solche kulturelle Möglichkeiten sind' ganz dunkel; warum also über sie debattieren — trotz aller Bedenken, daß die „Tel-Awiw-Kultur"*) sich zu einer neuen Fackel für Judentum und Menschheit sollte entwickeln können. Freilich, auch die Zweifler würden es mit größter Freude begrüßen, wenn die Hoffnungen der anderen sich bewahrheiten. Abwarten und — hoffen! Zur Kritik unserer Zeit. Von Binjamin Segel, (Schluß.) In Ungarn kann man wie in keinem anderen Lande das Wesen und die inneren Triebfedern des jetzigen Antisemitismus so recht studieren. Erst vor kurzem, nämlich im Herbst 1917, konnten die Juden dieses Landes das fünfzigjährige Jubiläum ihrer vollständigen bürgerlichen und politischen Gleichberechtigung feiern, die aber schon seit den vierziger Jahren von den größten Führern der ungarischen Nation, wie Ludwig Kossuth, Graf Szechenyi, Graf Andrassy, Karl Eötvös, Franz Deak, erstrebt und nur vom Wiener Hofe so lange hingehalten wurde, weil er davon eine Stärkung des national-ungarischen Elementes befürchtete. Als jedoch nach Königgrätz Wien gezwungen war, sich mit dem Gedanken des ungarischen Nationalstaates abzufinden, mußte die Emanzipation der Juden wie eine Naturnotwendigkeit kommen. Vor fünfzig Jahren begrüßte sie das ganze Ungartum mit Enthusiasmus; denn die Juden waren in der Tat starke und treue Stützen der ungarischen Staatsidee gegen die absolutistisch-zentralistischen Aspirationen Wiens ebenso wie gegen die zentrifugalen Bestrebungen der Nationalitäten, die man von Wien aus nicht aufhörte zu schüren. Die Juden hatten sich nämlich sprachlich, kulturell, politisch und wirtschaftlich längst mit dem ungarischen Element verbunden. Ueberall nämlich, wo die Juden zwischen zwei auf verschiedener Entwicklungsstufe stehenden Völkerstämmen wohnen, werden sie von demjenigen angezogen (oder assimiliert), der früher als der andere eine städtische Kultur, ein geistiges Leben, ein ausgeprägtes politisches Ideal entwickelt. Das war in Ungarn bei den Magyaren gegenüber den Nationalitäten (Rumänen und Slawen) der Fall. Das Magyarentum brauchte Kräfte zur Entfaltung seiner geistigen und wirtschaftlichen Kultur. Die Juden waren ihm sehr willkommen und man anerkannte dankbar und rühmend ihre erfolgreiche und fruchtbare Mitarbeit an dem Ausbau des modernen Ungarn. Ein unverhältnismäßig großer Teil dessen, was auf geistigem und wirtschaftlichem Gebiete an schöpferischer Arbeit in Ungarn geleistet wurde, ist das Werk der Juden. Ihr aufrichtiger und hingebungsvoller Patriotismus stand außer Zweifel. Der Antisemitismus, ausschließlich vom Neid genährt, verkroch sich in die verborgensten Winkel und wühlte im Dunklen. Im Prozeß von Tisza-Eszlar, der von den Wiener Klerikalen und Zentralisten eingefädelt worden war, bereiteten die führenden Männer des Magyarentums dem Antisemitismus eine schmachvolle Niederlage, von der er sich nicht wieder erholt hat. Die Namen Onody und Istoczy klingen heute wie Reminiszenzen aus vorsintflutlicher Zeit. Auch am politischen Leben nahmen die Juden hervorragenden Anteil. Jüdische Abgeordnete saßen in allen Parteien des Parlaments, mit Ausnahme natürlich der kleinen (oppositionellen) „christlichen Volkspartei", die einen Teil des verdrossenen klerikalen Hochadels, repräsentierte. Außerdem neigten die Siebenbürger Sachsen und Zipser Schwaben stark zum Antisemitismus; *) Ueber die sprach jüngst Oppenheimer sehr Bedeutungsvolles. D. Red. aber da ihre Abgeordneten prinzipiell mit dem Magyarentum Hand in Hand gingen, so kam auch bei ihnen der Antisemitismus nicht zur Geltung. Es gab in Ungarn keine Judenfrage. Auf einmal gibt es in Ungarn eine Judenfrage, nämlich seit der Niederwerfung des Bolschewismus, der 132 Tage lang das Land tyrannisieren durfte. Auf die „Diktatur des Proletariats" folgt die Reaktion; die Monarchie ist im Anmärsche. Es gilt nun, die Spuren des Bolschewismus auszutilgen und an seinen Urhebern Rache zu nehmen. Der weiße Terror versteht sein Handwerk nicht schlechter als der rote. Nun taucht die Formel auf: Bolschewismus Judentum: Alle Bolschewisten sind Juden, alle Juden sind Bolschewisten. Der bequemste Sündenbock ist gefunden. Will man den Bolschewismus ausrotten, so muß man die Juden totschlagen. Universitätsprofessoren und Studenten, die bis nun im besten Einvernehmen und herzlichster Freundschaft mit den Juden und — von den Juden lebten, veranstalten Pogrome, schreien nach dem Ausschluß der Juden von der Universität. Liberale Politiker und Staatsmänner, die ihre ganze Karriere der Wahlhilfe der Juden verdanken, entdecken plötzlich ihr antisemitisches Herz. Sozusagen über Nacht war die führende politische Schicht in Ungarn antisemitisch geworden. „ . . . Hoch das rassenreine, christliche Ungartum! Die Juden, diese Fremdlinge, müssen zum Lande hinaus!" Aber man irrt gewaltig, wenn man glaubt, daß die Rufer in diesem Streite Antisemiten aus Gefühl oder Ueberzeugung sind: sie sind Antisemiten aus Berechnung, aus Politik. Es ist am leichtesten, eine Sache zu diskreditieren, indem man sie als jüdisch verschreit. Die Anhänger der Monarchie wollen die republikanische Staatsform herabsetzen; sollen sie sich darauf berufen, daß es unter den Juden Ungarns gewiß verhältnismäßig nicht weniger überzeugte Monarchisten gibt als unter den Nichtjuden? Viel bequemer ist es zu rufen: „Die Republik ist eine jüdische Erfindung!" Dann muß jeder guter Christ sich ihrer in der Seele schämen. Wenn man versichert, den Bolschewismus haben „die Juden" gemacht, so fühlt sich jeder Nichtjude in seinem Gewissen erleichtert und stimmt begeistert ein, er ist vollkommen unschuldig: Wenn er seine Hände noch so sehr befleckt hat, er war doch nur das Opfer jüdischer Verführung. Die „gute Sache" gewinnt immer mehr Anhänger. Alle, die sich etwas vorzuwerfen haben, werden ihre Vorkämpfer. Alle Schwankenden gewinnen plötzlich festen Boden unter den Füßen. Dieses Moment im politischen Antisemitismus darf nirgends außer acht gelassen werden. Man bedient sich des Schlagwortes „jüdisch" in den meisten Fällen nicht, um eine Sache zu kennzeichnen, die wirklich etwas mit Juden oder Judentum gemein hat, sondern um den Gegner in der öffentlichen Meinung bequem herabzusetzen. Viele von uns sind der Ueberzeugung, daß der Antisemitismus „von selber" verschwinden würde, wenn wir unsere Fehler ablegen und uns in allen bürgerlichen und sonstigen moralischen Tugenden mehr auszeichnen würden. Nun wird gewiß kein Mensch leugnen können, daß manche unserer Eigenheiten sowie manche Handlungsweisen zahlreicher einzelner aus unserer Mitte Antipathien gegen uns erwecken und nähren. Allein, es wäre schwerer Irrtum, ernstlich zu glauben, daß diese uns mißfälligen Eigenheiten und die tadelnswerten Handlungen einzelner die Hauptursache des Judenhasses seien, mit deren Verschwinden auch die Wirkung verschwinden würde. Unzweifelhaft ist es unsere Pflicht, an unserer Verbesserung und Veredelung unaufhörlich zu arbeiten, aber das darf nur zu dem Zwecke geschehen, damit wir uns dem Ideal der menschlichen und jüdischen Vollkommenheit möglichst nähern, nicht aber, um unsere Feinde zu entwaffnen und deren Beifall zu erringen. Das wäre nicht nur unwürdig, sondern aucK zwecklos, schon aus dem Grunde, weil unsere gestrengen Kritiker selber ja meist das Gegenteil von Tugendbolden sind. Bedenkt man, welch vergifteter Waffen die Antisemiten im Kampfe gegen uns sich bedienen, wieviel bewußte Lügen und Verleumdungen sie anhäufen, um uns in der Weltmeinung ehrlos zu machen, so wird man sich sagen müssen, daß es völlig aussichtslos ist, zu erhoffen, diese Leute durch „Besserung" zu einer geänderten Haltung uns gegenüber zu bewegen. Dabei ist zu bedenken, daß unsere Fehler im allgemeinen recht menschliche Fehler sind, die bei allen Leuten vorkommen, weil sie vom menschlichen Wesen unzertrennlich sind und bei uns vielleicht nur eine andere Nuance haben und uns lediglich deswegen so schwer aufs Konto geschrieben werden, weil wir eben Juden sind. Wären wir dagegen sämtlich makellos wie die Engel und beständen wir aus lauter Tugenden wie die Heiligen, wir würden gleichwohl der Gegenstand der Feindseligkeit sein, denn eben unsere Vollkommenheit würde den Grund "^an^^riv-^frsv rs&s*i& * ^n^-.. h:-£feX£tt^M«&JtfUHftnfeXy >.^ÄIWÄf-"->JS

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