Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 43 (15.10.1926)
- Date
- 1926-10-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3063973-3064012--14917-3082502- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 DTE WAtfRfffilT Ni. 43 betrachtet. Ohne derzeit (!) die staatsgrundgesetzlichgewährleistete Gleichberechtigung des Judentums mit den übrigen Bürgern des Staates hinsichtlich der Menschenrechte anzugreifen, wird lediglich (!) die Entziehung der vom Judentum widerrechtlich angemaßten Deutschenrechte (!) und die Erklärung des jüdischen Volkes zur nationalen Minderheit angestrebt; dieser Minderheit sollen ihrer Zahl entsprechende Rechte (numerus clausus) zustehen. Judenabwehr — unrichtig „Antisemitismus" genannt — ist daher nichts anderes, als die Verteidigung unserer Heimat, unseres Staates, unseres Volkes, unserer Wirtschaft, unseres rassischen Erbgutes gegen die friedliche Eroberung durch einsyrisch-semitisch-n e g r o i d e s F r e m de 1 e m e n t." Nach dem bisher Gesagten erübrigt es sich, näher auf diese — man muß schon sagen — kindischen Dummheiten einzugehen. Nur das eine möge wenigstens festgestellt werden: daß die Gefahr der „Eroberung des rassischen Erbgutes des deutschen Volkes durch ein syrisch-semitisch-negroides Fremdelement" bei weitem nicht so groß ist als die Gefahr der geistigen Verseuchung der deutschen Jugend durch ein hakenkreuzlerischantisemitisch-reaktionäres, dem wahren deutschen Wesen tatsächlich fremdes Element. Sir Herbert Samuel über Palästina. Von Dr. Paul Nathan. Sir Herbert Samuel hat bei seiner Durchreise durch Nürnberg sich in bezug auf einige entscheidende Fragen, die Palästina betreffen, folgendermaßen geäußert: Das Verhältnis der Araber zu den Juden ist natürlich von höchster Bedeutung. Jeder Kenner des Landes wußte, daß diese Frage mit großer politischer Klugheit zu behandeln ist, und daß leider eine Anzahl Zionisten diese Klugheit zunächst vollständig haben vermissen lassen. Sir Herbert weist daher — was für einen englischen Staatsmann selbstverständlich sein muß — den ursprünglich zionistischen Ausspruch — „Palästina so jüdisch wie England englisch" — durchaus zurück. Es kann sich also nicht um ein „jüdische s" Palästina nach seiner Ansicht handeln, sondern um ein Palästina, in dem Juden und mohammedanische Araber, aber natürlich auch Christen, friedlich nebeneinander wohnen; also kein „Nationalstaat", sondern ein Staat, in dem neben anderen Bevölkerungselementen auch Juden wohnen; sie alle unter dem Schutz des Vereinigten Königreichs; natürlich! Diese Auffassung haben meine Freunde, habe ich stets gehegt in jener Vergangenheit, als der Hilfsverein der deutschen Juden Schulen in Palästina errichtete, und als wir dort das Technikum gründeten, unter Berücksichtigung zugleich der arabischen Interessen. Von der Möglichkeit eines „Charters", wie ihn die Zionisten erträumten, tilgt Sir Herbert Samuel die 1 e t z t e S p u r; daher ist es denn auch begreiflich, daß die Zionisten oder doch sehr viele Zionisten mit der englischen Verwaltung in Palästina immer unzufriedener werden. Sir Herbert Samuel sieht eine völlige innere Beruhigung des Landes nur voraus, „wenn die angestrebte Teilnahme der Araber an der Verwaltung des Landes erreicht sein w e r d e". Ein englischer Staatsmann konnte nicht anders sprechen. Freilich, das Ideal des jüdischen „Nationalstaates" ist damit in den Bereich der Träume verwiesen. Ich sage: glücklicherweise, weil nichts unheilvoller als politische Träume sind, die so oft erst durch vergossenes Blut in ihrer Unrealisierbarkeit erwiesen werden mußten. Sir Herbert zerstört eine zweite Illusion. Es gibt keine freien, brauchbaren Staatsländereien, auf denen Juden durch die englische Regierung angesiedelt werden könnten. Ich muß gestehen, daß diese Eröffnung auch mich überrascht hat. Ich war der Ansicht, daß solche Ländereien vorhanden; da sie fehlen, ist die Kolonisationsarbeit auf das äußerste erschwert und wird in steigendem Maße große und immer wachsende Summen erfordern. Je mehr Palästina wirtschaftlich voranschreitet — und solche Entwicklung ist doch durchaus zu wünschen —, um so schwieriger, weil kostspieliger, wird es werden, Juden in Palästina zu einer selbständigen Bauernwirtschaft zu bringen. Das aufzubringende Kapital wird immer weiter in die Höhe schnellen; eine Aussicht, die für die Zionisten höchst unerfreulich ist, und die jeden in seinen Hoffnungen herabstimmen muß, der zwar niemals von einem „Charter" geträumt hat, der aber in Palästina ein Land sah, das neben anderen Ländern für die jüdische Auswanderung in Betracht kommen konnte; bei der Kleinheit Palästinas zwar immer nur in geringerem Umfang, aber doch i m N o t f a 11 als unterstützende Hilfe für die Linderung der östlichen Judennot. Und schließlich macht Sir Herbert eine Ausführung, deren Stichhaltigkeit mir außerordentlich zweifelhaft erscheint. Er sagt: „Die meisten Juden würden außerhalb des Landes wohnen, und es sollte deshalb auch keine Anstrengung unterlassen werden, die materielle Lage der Juden außerhalb Palästinas zu verbessern. Aber den geistigen und sittlichen Mittelpunkt der Judenheit werde Palästina bilden, ^ind deshalb müßten alle Juden aller Länder mithelfen, das jüdische Aufbauwerk in Palästina zum Erfolg zu führen." Ganz einverstanden bin ich natürlich mit der Feststellung, daß auch in Zukunft die meisten Juden^ außerhalb Palästinas werden leben müssen. Die* Kleinheit des Landes, die geringen wirtschaftlichen Möglichkeiten bedingen diese Feststellung, vor der nur grüne Enthusiasten die Augen verschließen können. Aber wenn dem so ist, auch nach der Ansicht von Sir Herbert Samuel, wie sollte dann zu erhoffen sein, daß Palästina je der geistigeundsittliche Mittelpunkt der Judenheit wird werden können. Soweit die Weltgeschichte überblickt werden kann, haben Mittelpunkte für hohe geistige und sittliche Kultur zur Voraussetzung ein nationales Leben, dem starke materielle Grundlagen nicht fehlen dürfen. Auch als die große Tat der Schöpfung des Alten Testaments in Palästina sich vollzog, waren in jenen Zeiten Voraussetzungen vorhanden, die solchem Werk wohl als Vorbedingung nützlich waren. In Palästina lebte ein gesundes, sicher geistig regsames Bauernvolk, das aus dem vorgeschrittenen Aegypten und aus den vorgeschrittenen Euphrat- und Tigrisländern geistige Anregungen erhielt. Das sind die realistischen Grundlagen der für jene Zeiten besonders hohen religiösen Kultur des alten Judentums, über die sich allen debattieren läßt.