Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 42 (8.10.1926)
- Date
- 1926-10-08
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 42 Dlg WAHRHEIT Seite 9 samtheit, wo immer sie angegriffen erscheint, das ist der einzelne Jude ohne Unterschied seiner Herkunft, wo immer ihm Unrecht geschieht. Diese gleichen Kreise sollen auch für uns und in unserem Sinne wirken, verständig, aufklärend im christlichen, unermüdlich werbend im jüdischen Lager. Dann» kann auch Oesterreich das Land werden, „wo man sagt, daß der Antisemitismus eine dem Volkscharakter nicht entsprechende Angelegenheit ist". Oskar Hirschfeld. Völkische und Völkerbund. Der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund, der von der Mehrheit des deutschen Volkes und seiner Presse freudig begrüßt worden ist, hat die Völkischen in hellste Aufregung versetzt und ihre Presse und Versammlungsredner zu verstiegenen Aeußerungen und Mutmaßungen über den vermeintlichen Einfluß des Judentums dabei veranlaßt. Der Landtagsabgeordnete Wulle, einer der bekanntesten Führer der deutschvölkischen Freiheitsbewegung, hat sich in einer öffentlichen Versammlung in Berlin über „Genf und die Völkischen" ausgesprochen. Er begann seine Rede mit den Worten, es sei eine „zarte Aufmerksamkeit" von Stresemann gegen das internationale Judentum, daß er ausgerechnet am jüdischen Neujahrstage, dem 1. Tischriund 10. September, den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund proklamiert habe. Es sei, so fährt Wulle fort, das neue Jahr „ein Erntejahr für die Juden, die Zeche bezahlen w i r'\ Es ist leicht, sich über solche blindwütigen Ausführungen zu belustigen. Wir wollen aber nicht übersehen, daß solche Worte von Hunderten gehört, von vielen Tausenden geglaubt werden, und daß ihre Folge sein muß, ungeheuren Haß und zügellose Wut gegen die Juden in deutschen Menschen großzuziehen. Was eines Tages aus solcher Verhetzung entsprießt, kümmert die verantwortlichen Erreger dieser traurigen Leidenschaften sehr wenig. Am tollsten treibt es der Münchner „Völkische Beobachter", das Organ der nationalsozialistischen Bewegung Adolf Hitlers. Wörtlich schreibt er das folgende: „Sir Erik Drummond, der Generalsekretär des Völkerbundes, machte jedoch nicht nur vor der „Grande Nation" eine Verbeugung, als er den Tag der Marneschlacht als Zeitpunkt der Aufnahme Deutschlands feststellte sondern er berücksichtigte auch die Weimarer Republik, indem er den jüdischen Neujahrstag zum Ausgangspunkt der „neuen Epoche" Neudeutschlands machte. Wer den vollständig jüdischen Ritus der Freimaurerlogen kennt, wird sich nicht-weiter darüber wundern, daß Deutschland am 1. Tischri in den Logenbund aufgenommen wurde, und daß es den Ratssitz als jüdisches Neujahrsgeschenk erhalten hat. Jeder wird sich noch erinnern, daß die Berliner Radiostation am heiligen Verfassungstag der Novemberrepublik das „Kolnidre"-Lied über Deutschland erschallen ließ. Der „V. B." brachte damals den Wortlaut dieses jüdischen Gelübdeliedes, welches für alle zu begehenden Sünden im voraus die Absolution erteilt. Am 11. August erteilten die roten Radiopäpste der Novemberdemokratie mit dem „Kolnidre" die Vergebung, und nun soll, wie Bainville in der „Libertß" schreibt, „das Votum der Versammlung in Genf vollkommene Absolution" bedeuten . . Für die Novemberrepublik beginnt also am 1. Tischri eine neue Epoche, dem deutschen Volke dagegen wird am Tage der Marneschlacht das „Sakrament der Vergebung" seitens der Freimaurerbrüder in Genf zuteil. Es kann sich jetzt in „die vollendete Tatsache", wie die „Frankfurter Zeitung" ihren heutigen Jubelartikel überschreibt, hineinfügen. Die Novemberdemokratie ist vollendet, auf den Trümmern des deutschen Deutschlands singt ein Siebzig-Millionen-Volk das Jeremiaslied, nur ein kleines Häuflein ballt die Faust und trotzt stolz, das Häuflein, das nie verzagt, denn es wird eine Auferstehung Deutschlands, eine deutsche Zukunft — ohne Kolnidre und nicht an einem jüdischen Neujahrstag — geben." Jedes Wort wäre schade, um diese „Phantasien aus dem Bremer Ratskeller" oder richtiger „Münchener Löwenbräukeller" widerlegen zu wollen. Unverständlich ist, daß es in Bayern und anderswo immerhin noch eine stattliche Anzahl Deutscher gibt, die solche Trotteleien todernst nehmen. Wahrheiten vom Tage Die schwere Krise in Palästina ist „nicht allein eine Krise der Wirtschaft, sondern eine Krise des gesamten materiellen und geistigen Lebens im Heiligen Lande, eine Krise, die das politische und kulturelle Leben in gleicher Weise erfaßt hat wie etwa die Industrie und Landwirtschaft.'- Dieses Urteil über die jetzige Lage in Palästina ist um so beachtenswerter, als es aus dem Munde eines Mannes stammt, der als der hervorragendste Soziologe und Nationalökonom unserer Tage gilt, aus dem Munde des Frankfurter Universitätsprofessors Doktor Franz Oppenheimer, der am 25. September über Einladung der zionistischen Organisation im dichtgefüllten Mittleren Konzerthaussaale einen ungemein interessanten Vortrag über seine Eindrücke auf einer Studienreise durch Palästina gehalten hat. Und diese Eindrücke waren, wie aus den fast zweistündigen Ausführungen des Gelehrten hervorging, die'denkbar traurigsten. Hält man sich vor Augen, daß Professor Oppenheimer, der Nichtzionist ist, nur deshalb von der zionistischen Exekutive nach Palästina berufen wurde, um ein klares wissenschaftliches Gutachten über den derzeitigen Stand des Aufbauwerkes abzugeben, dann wird man die Tragweite seiner Worte ermessen, wenn er sagt, daß Palästina vor einer Katastrophe stehe, wenn nicht im letzten Augenblick ein radikaler Wandel geschaffen werde. Das Araber-Problem hält Oppenheim zwar momentan für nicht so gefährlich, wofern man den Gedanken ein für alle Male fallen läßt, daß die Juden in Palästina die herrschende Klasse werden müssen, viel gefährlicher dünkt dem Gelehrten das Problem Kapitalismus und Sozialismus, das irgendwie einer der dortigen Lage entsprechenden Lösung zugeführt werden muß. Denn derzeit liegen die Verhältnisse in Palästina so, daß ein bis auf die Zähne gerüsteter und stramm organisierter Gewerkschaftssozialismus die Arbeiterschaft vereinige, während von Kapitalismus in europäischem oder gar amerikanischem Sinne gar nichts zu sehen sei. Es gibt nämlich in Palästina überhaupt keine Unternehmer, da die wenigen Gewerbetreibenden mit zwei oder drei Hilfskräften keine Gegner der Gewerkschaften darstellen. Die einzige wahrhaft kapitalistische Gefahr für Palästina ist der Bodenwucher, der besonders in und um T e 1- Awiw wahre Orgien gefeiert habe. „Tel-Awiw, diese Stadt, auf die das Judentum noch vor kurzer Zeit stolz gewesen ist, sie ist der Schandfleck Palästinas geworden. Schamlos ist das Treiben des Gesindels, das dort Wohnungs- und Bodenwucher betreibt, schamlos ist das kulturelle Aussehen dieser Stadt, in der die kitschigsten Prunkoaläste neben elendsten Hütten stehen. Tel-Awiw ist verlöre n." Bei Besprechung der Zustände, wie sie derzeit in Tel-Awiw herrschen, erwähnte Professor Opnenheimer auch einige sehr charakteristische Details, wie z. B. die Tatsache, daß die Hotelpreise in dieser Stadt sich auf der Höhe der Preise von Kairo — bekanntlich eine der teuersten Städte der Welt — bewegen, während das dem Fremden hierfür Gebotene auf der Höhe des etwa von Leitmeri tz Gebotenen stehe. Das schwierigste Problem ist das der landwirtschaftlichen Kolonisation des Landes, denn Handel und Industrie sind nur Aeste am Baume der Landwirtschaft und der gesamte Zionismus steht und fällt mit dem Erfolg der landwirtschaftlichen Arbeit. Aber gerade die Art und Weise der landwirtschaftlichen Besiedeiung des Landes fordere die entschiedenste Kritik heraus. Gerade die wichtigste Art der palästinensischen Besiedeiung, diejenige, für welche die zionistische Bewegung hauptsächlich arbeite, nämlich d i e großen Chwuzas oder Siedelungsgenossenschaften. ist als verloren zu bezeichnen. ..Es sind Zerrbilder von Siedlungsgenossenschaften. Hier hat sich eine bunte Gesellschaft iunger Burschen und Mädchen auf kommunistischer Basis organisiert, auf Gütern von Riesenausdehnungen wird derart gewirtschaftet, daß nicht einmal dreißig Prozent der Normalleistungen geschaffen werden. Es ist furchtbar, was hier geschieht, entsetzlich, wie gearbeitet wird. Das System muß aufhören. Es sind fast durchwegs Kinder, die die Freiheit falsch verstehen, und wenn nicht mit eiserner Faust dreingefahren wird, ist es m i t der zionistischen Bewegung, zu Ende. Keine einzige dieser vielen riesigen Gemeinschaftssiedlungen kann be-