Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 42 (8.10.1926)
- Date
- 1926-10-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite« Pffi WAJflKffiT Hr. 42 f Veföff eritiichüngen ffl der | „Union deutschösterreichischerJuden" j r^Z'^Tx^-n^ Wien IX*. Berggasse 4 III Postsparkassen - Konto Hl Nr. 9464 * Nach den Ferien. In einer Breslauer jüdischnationalen Zeitung lasen wir jüngst unter obiger Ueberschrift folgendes: „Unabweisbar spürt man in jedem Jahre die Notwendigkeit, einmal den gewohnten Kreis zu verlassen und fern von dem ewig läutenden Telephon und den vielen Anstrengungen des beruflichen und außerberuflichen Lebens einige Wochen zu verbringen. Gewiß war man sich bei den Vorbereitungen zu dieser Reise darüber klar, daß es vom Standpunkt der deutschen Wirtschaft sicherlich richtiger wäre, sein Geld nicht ins Ausland zu tragen, aber auf der anderen Seite fühlte man doch nach diesen Jahren der geistigen Gefangenschaft die unabweisbare Notwendigkeit, auch einmal ^wieder seinen Gesichtskreis zu erweitern und ändere Eindrucke in sich aufzunehmen. Dazu kam noch etwas anderes. Ueberall und an jeder Stelle begegnet uns immer wieder der Antisemitismus. Hundertmal hat man sich vorgenommen, sich nicht über ihn zu ärgern, sich gar nicht darum zu kümmern, was die anderen von uns sagen und denken, aber wenn man dann in irgendeinem Bade inmitten feindlich blickender Menschen sitzt, wenn von den Burgen des Seebades uns schwarz-weiß-rote und Hakenkreuzflaggen entgegenwehen, dann geht doch ein Stück -der berechtigten Erholung wieder verloren, und unsere Nerven reagieren auf das angetane Unrecht. So mußte man eben wieder einmal heraus, um nichts von all dem zu merken. Die meisten, die noch nicht das Glück gehabt hatten, für längere Zeit in einem Lande zu leben, das Antisemitismus nicht kennt, können nicht ermessen, welche Gefühle den Schreiber dieser Zeilen erfüllten, als er irgendwo auf der Erde war, wo man ihm sagte, daß Antisemitismus eine dem Volkscharakter nicht entsprechende Angelegenheit sei. Vier Wochen lang hat man, um die notwendige Erholung nicht zu beeinträchtigen, sich von der Lektüre deutscher Zeitungen ferngehalten, aber als man nun die heimatliche Grenze überschreitet, da stürzt man sich doch mit einer gewissen Freude auf den ersten Zeitungshändler und entreißt ihm irgend ein Blatt Aber was begrüßt uns aus diesen Zeilen? Wir lesen, daß ein Jude, nur weil er Jude war und sich voll Selbstverständlichkeit zur republikanischen Staatsform bekannte, zwei Monate lang schuldlos ins Gefängnis geworfen wurde, und wir fühlen mit einem Male wieder die ganze furchtbare Enge der Verhältnisse, unter denen wir zu leben gezwungen sind. Schon glaubte man sich in den letzten Monaten einreden zu können, daß der Geist von Locarno auch die innerdeutschen Verhältnisse ergriffen hat, daß nunmehr auch der Tag nicht mehr fern sei, wo das deutsche Volk seinen Frieden mit der Handvoll unter ihm lebenden Juden schließen würde. Wir haben uns bitter getäuscht Der Fall Haas zeigt ganz besonders deutlich dem, der eine Zeitlang die gewohnten Verhältnisse verlassen hatte, wo wir stehen . . ."______ _ Aus dieser im wesentlichen richtigen Beurteilung der Sachlage, die in Oesterreich1 nicht viel anders ist, werden teilweise übertriebene und deshalb irrige Schlußfolgerungen gezogen. Der Verfasser schreibt nämlich weiter: „Es hat sich noch nichts an unserem Golusschicksal geändert und immer noch ist unsere Lage die gleiche labile wie einst Irgendein Ereignis kommt und zeigt uns aufs neue, daß wir im Grunde unser Schicksal auf nichts gebaut haben. Die Tage vergehen, und allmählich gewöhnt man sich wieder an den Gedanken, daß in jeder Nummer einer Zeitung, die man in die Hand nimmt, von antisemitischen Dingen die Rede ist Was hilft's? Das Schicksal, das uns auferlegt ist, müssen wir zu Ende tragen, aber mehr als je wurde uns durch diesen kurzen Ausflug in ein anderes Land klar, daß unsere ganze Arbeit der Schaffung einer Heimstätte in Palästina gehören muß." Sind das wirklich die einzig richtigen Konsequenzen aus der traurigen Situation der deutschen Juden? Kann tatsächlich noch dazu nach den dort gemachten Erfahrungen, über die Professor Oppenheimer berichtete, nur die Sorge für den Wiederaufbau Palästinas Abhilfe schaffen! gegen den rüden Antisemitismus? Sehen die Verblendeten noch immer nicht ein, daß hier ganz andere Wege beschritten werden müssen oder vielmehr die alten guten mit frischen Kräften weitergegangen werden müssen. Wir sagten es oben schon, die Dinge liegen bei uns nicht wesentlich - anders als in Deutschland. Allerdings hat der Antisemitismus in Oesterreich lange nicht jenen brutalen Charakter, den der norddeutsche aufweist, und dieser Umstand verleitet leider weite Kreise immer wieder dazu, ihn mehr echt österreichisch von der „gemütlichen" Seite zu nehmen und die große Gefahr zu unterschätzen. Der Kontrast zu den fürchterlichen Zuständen in benachbarten Reichen, in Ungarn und Polen, verstärkt nur noch dieses Gefühl der angeblichen Ungefährlichkeit. Man übersieht aber, daß die österreichische Bevölkerung anfangs der Achtzigerjahre ganz so „gemütlich" war wie jetzt, daß damals der Antisemitismus in genau so harmlosen Formen auftrat wie jetzt, und daß er gleichwohl in wenigen Jahren zu einer furchtbaren Geißel für die österreichischen Juden wurde. Diese in unseren Tagen der Erinnerung an Lueger doppelt aktuelle Reminiszenz möge den vielen Leichtgläubigen zu denken geben! Täuschen wir uns nicht, trotz der Stille, die im antisemitischen Lager herrscht und die nur durch die Nachrichten über die Raufereien untereinander unterbrochen wird, trotz des auch nicht vollständigen Fehlens lärmender Manifestationen, trotzdem und alledem, der österreichische Antisemitismus lebt und treibt nach1 wie vor unbehindert seine Giftblüten. Wie ihm begegnen? Das Allheilmittel des jüdiscbnationalen Urlaubers wird wohl da versagen, hier kann nur die planmäßige Abwehr Berufener Erfolge erzielen, wenn auch nicht immer sofort greifbare. Die „Union" ist in erster Linie eine solche ruhig, aber unermüdlich arbeitende Ab wehr Vereinigung, die aber nur dann Gediegenes leisten kann, wenn sie der Mitarbeit weiterer Kreise als bisher in jeder Form gewiß sein kann. In der letzten Sitzung unseres ZentfaHvorstand.es wurde ein größzügiges Herbst- und Winterprogramm entworfen, dessen Durchführung in erster Linie aber von der Unterstützung derer abhängt, für die wir eintreten. Und das ist die österreichische Judenh'eit in ihrer X3e-