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Die Wahrheit · 1926-10-08 · Heft 42 (8.10.1926) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 42 (8.10.1926)
Date
1926-10-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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ki^ die WAfgaaeit Seite 7 ganz wjder seine ewig unruhige Natur, wider seinen immer regen, misteten und auf Neues sinnenden Geist gewesen. So kam es, daß er trotz oder .vielleicht eben wegen seiner großen Begabung weder das eine noch das ajjdere wurde, wozu er prädestiniert war, und doch war er vielleicht alles zusammen. Welche Lust war es, Professor Nasche zuzuhören, wenn er als letzter Tischredner seine Vorredner zerpflückte, ihre Reden analysierte und kritisierte, jeden einzelnen ihrer Sätze in Stücke riß und diese zum Gaudium aller Zuhörer wieder so zusammenfügte, daß sie gerade das Verkehrte bedeuteten; welch großes und dabei doch harmloses Vergnügen war es, ihn zu beobachten, wie er die kleinen Schwächen gerade derjenigen, die Ansehen, Rang und Stellung innerhalb der Judenschaft bekleideten, zur Zielscheibe seines treffenden Spottes machte. Dennoch aber hatte sein Sarkasmus nur selten etwas Verletzendes an sich und auch diejenigen, die er nach seiner Art behandelte, konnten ihm darob nicht böse sein, im Gegenteil, er verstand es durch seine Rednergewandtheit und seinen alles versöhnenden Humor Mißverständnisse schmerzlos aus der Welt zu schaffen und noch so unüberbrückbar scheinende Gegensätze auszugleichen. Denn Professor Nasche stand jederzeit über der Situation und, wenn niemand mehr Rat schaffen konnte, er wußte immer noch einen Ausweg und versagte niemandem seine Hilfe, der sich an ihn wandte. Aber auch den trauernden Hinterbliebenen seiner Freunde war er ein warmfühlender Tröster, wenn er an der Bahre oder am offenen Grabe eine seiner erschütternden Trauerreden hielt; denn auch bei diesen Anlässen bewährte sich sein hervorragendes Rednertalent. Und nun ist er selbst, der ewig jugendliche und lebensfrohe, der Freudebringer und Trostspender, für immer von uns gegangen. Er wurde 76 Jahre alt. Nichts bleibt uns als die Erinnerung an einen wahrhaft außergewöhnlichen Menschen und das Gedenken an viele herrliche Stunden, die er uns geschenkt hat. Diese Erinnerung aber, die in zahlreiche jüdische Herzen tief eingegraben ist, sie ist ein schöneres Denkmal für diesen Mann als ein Monument aus Stein. Das Sonntag, den 3. Oktober auf dem Zentrai- Friedhof (1. "'Tor) stattgehabte Leichenbegängnis lieferte einen glänzenden Beweis für die großen und zahlreichen Sympathien, die sich Professor Nasche in allen jüdischen Kreisen erworben hatte. Fast alle jüdischen Vereine und Korporationen hatten ihre Vertreter entsendet, man sah viele Rabbiner und Kantoren, zahlreiche Mitglieder der Künstler- und Gelehrtenwelt ohne Unterschied der Konfession, hervorragende Journalisten und Schriftsteller sowie die Spitzen der Wiener jüdischen Gesellschaft. Der Zeremoniensaal konnte die große Zahl derjenigen nicht fassen, die erschienen waren, um dem Verblichenen die letzte Ehre zu erweisen. In Ver- . tretung der Wiener israelitischen K u 11 u s g emeinde war Präsident Professor Dr. Alois Pick in Begleitung des Amtsdirektors Guido Fuchsgelb, in Vertretung des Bethausvorstandes Vizepräsident Dr. E. Münz erschienen. In einer formvollendeten Rede, die den zahlreichen Freunden des Verblichenen aus dem Herzen gesprochen war, versuchte Rabbiner Dr. Max G r u n w a 1 d der Bedeutung und der Persönlichkeit Professor Nasche's gerecht zu werden. Er schilderte in beredten Worten die außergewöhnlichen Geistesgaben des Verstorbenen, sein gewaltiges Rednertalent, sein geradezu unheimliches Gedächtnis und seineu trefflichen und unübertrefflichen Humor, der die Lacher immer auf seiner Seite hatte. Dr. G r u n w a 1 d bedauerte nur, daß diese vortrefflichen Eigenschaften von dem Verblichenen nicht besser verwertet werden konnten als um sein tägliches Brot mühsam zu erringen. Nachdem Oberkantor I. Müller mit Chor in meisterhafter Weise die Trauergebete verrichtet, brachte Oberkantor S. Weiß im Namen des Oesterreichischen Kantorenvereines ein ergreifendes „El mole rachamim" zum Vortrage. Theater, Kunst u. Literatur tobet Abonnenten für „Die Wflhrheit"! 6. Segel: Die Protokolle der Weisen von Zlon, kritisch beleuchtet. Eiae Erledigung. Phtlo-Verlag, Berlin. Es ist stets verdienstlich. Wahnvorstellungen als solche nachzuweisen, die das Verhältnis der Menschen untereinander vergiften. Dieses Verdienst erwirbt sich das vorliegende Buch Segels. Man mag zum Antisemitismus stehen, wie man will! Kein anständiger Mensch wird es billigen, wenn für oder gegen ihn mit unehrlichen Waffen gekämpft wird. Die vielgenannten „Protokolle" aber sind solch unehrliche Waffen. Das hat der Verfasser obiger Schrift nachgewiesen mit unbestreitbaren Tatsachen, ob man zu einzelnen Schlußfolgerungen steh so oder so stellt. Besonders wertvoll ist die 31 Seiten umfassende Gegenüberstellung einer französischen Schrift von Maurice Joly aus dem Jahre 1864 mit dem Wortlaut der angeblich auf einem Ziomstenkongreß des Jahres 1897 gefaßten grausigen Beschlüsse. Es zeigt sich dabei, daß letztere die beinahe wörtliche Abschrift der ersteren sind. Und dergleichen Ueberraschungen bietet das Buch viele. Seine Bedeutung ragt aber weit über die Klärung eines Spezialfalles aus den Leidenschaften entflammenden Kämpfen unserer Zeit hinaus. Segel hat eine ungeheuere Arbeit aufgewandt, um Notizen zusammenzutragen, die uns in das Treiben finsterer Mächte hineinblicken lassen, deren verderbenbringendes Walten wir heute auf den verschiedensten Gebieten spüren, ohne daß es bisher gelang, sie unzweifelhaft zu entlarven. In unserem Buche über Leo T a x i 1 (Verl. Rob. Peitz, Camburg a. S. 1925) haben wir die Fäden aufzudecken uns bemüht, die von dem Kreis um diesen größter* Mystifikator unserer Tage hinüberführen zu zahlreichen, den „Protokollen" ähnlichen Erscheinungen der Gegenwart. Wir kamen dabei zu dem Resultat, daß sich darin ein Teil der Unternehmungen zur radikalen Zerstörung der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung im Sinne des Nihilismus, dem Taxil anhing, offenbart. Sven Hedin kommt in seinem Buche „Ossendowski und die Wahrheit" zu denselben Ergebnissen in einem Fall, dar sein eigenstes Forschungsgebiet betrifft. Man sollte sein und Segels Buch nebeneinander lesen. Und man wird erstaunt sein, zu sehen, wie ähnlich sich die Welt ist, von der beide Schleier bin wegziehen. Vielleicht liegt es mit daran, daß wir diese Nachtseiten unseres modernen Kulturlebens bisher zu wenig beachtet haben, wenn uns so viel Unheil überraschte. Jedenfalls sollten alle Kreise, die im politischen, kulturellen und religiösen Leben Verantwortung tragen, sich die Mühe nicht verdrießen lassen, von dieser Schrift Kenntnis zu nehmen. Sie werden durch sie klarer blicken lernen dort, wo die Masse, auch die Gebildeten, wie mit Scheuklappen einhergeht. Es gibt aber noch sehr viel aufzuklären, ehe die geistige Atmosphäre, in der wir leben, von Krankheit und Tod bringenden Miasmen gereinigt ist. Deshalb müssen dankende Menschen in größerer Zahl diesen von Sven Hedin und Segel zuerst in ihrem Wesen als planmäßiger Menschheitsbetrug erkannten Umtrieben auf geistigem Gebiete nachgehen lernen. Wenn Segel eine gewisse Erregung über die unerhörten und verlogenen Anschuldigungen erkennen läßt, so wird man das begreiflich finden. Aber die Wucht der Tatsachen bleibt dieselbe für den sachlich Urteilenden, au^h wenn er einen gegnerischen Standpunkt in den oder jenen Anschauungen einnimmt, oder sich gar als Angegriffener fühlt. Liz. theol. P. Bräunlich. Maimonides-Institut Wien, Vortrags- und Unterrichtsräume: III., Hetzgasse 40. Die regulären Vorträge im Institut sind für das Wintersemester 1926/27 folgendermaßen festgesetzt worden: Rabbiner Dr. A. Kaminka: Jeden Montag, abends 6 bis 7 Uhr: „Die zwölf kleinen Propheten"; 7 bis 8 Uhr: Maimonides, More Nebuchim, Teil II; jeden Mittwoch, 6 bis 7 Uhr: More Nebuchim: jeden Samstag, nachm. 3 bis 4 Uhr: Midrasch. Dr. N. Goldstein: jeden Mittwoch, 7 bis 8 Uhr: Talmudisches Recht. Die Eröffnung des Semesters fand am Montag, 4. Oktober durch einen Vortrag des Leiters Rabbiner Dr. Kaminka statt, in welchem er eine kritische Uebersicht der wissenschaftlichen Methoden der Bibelerklärung bot. Ein Zyklus religionsphilosophischer Vorträge wird vom Institut in einem größeren Saale veranstaltet werden. Der Teilnehmerbeitrag für sämtliche Kurse und Vorträge ist S 10.— für das ganze Studienjahr. Kleider-, Pelzeu. Gummimäntel-Fabrik Zentrale: Delailverkauf: Wien II., Glockengasse 24 Wien II,, Taborstraße 44

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