Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1926-10-08 · Heft 42 (8.10.1926) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 42 (8.10.1926)
Date
1926-10-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3063973-3064011--14902-3082486
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Saite 3 m WAtam«? Hr. 42 kämpfte, der zu Adolf Fischhof wie zum Retter Oesterreichs verehrungsvoll emporblickte, der bereit war, im Prozeß Rohling—Bloch den Ritualmord- Verkünder zu zerschmettern, sahen wir dann viele, viele Jahre hindurch als den Bundesgenossen, als den Führer der Massen, die unter Kommando eines Schneider, eines Vergani ihm zugeführt wurden. Sein brennender Ehrgeiz, dessen Befriedigung auf dem Wege, den er eingeschlagen hatte, verrammelt war, hatte ihn zum Führer der Antisemiten gemacht, zum Weggenossen von Menschen, deren Prinzipien die Besudlung und Verleugnung alles dessen war, was er einst als sein heiligstes Ideal, als seinen Glauben bezeichnet hatte, für den er sich auf Gott als seinem Zeugen berufen. Der Antisemitismus war die Leiter, auf der er zu der erträumten Höhe emporsteigen konnte. So mußte er sich die Händedrücke von Leuten gefallen lassen, die er im Grunde seiner Seele immer noch auf das tiefste verachtete. Es ist wahr, was Dr. Luegers erbittertster Gegner ihm zugestanden, seine Hände waren rein geblieben inmitten der Korruptionswirtschaft, bei der er mitunter beide Augen zudrücken mußte, bevor ihn das grausame Geschick, das später ihm das Augenlicht raubte, getroffen. Aber viele Hände, die sich ihm entgegenstreckten, die er nicht zurückweisen durfte, durfte man diese Reinheit bei aller Nachsicht nicht zuerkennen. * * * Noch leben Zeugen, die es bestätigen, daß Dr. Lueger, als er längst im Besitze der so heiß ersehnten Macht war, von dem Gedanken gepeinigt wurde, daß er die Erreichung seines Zieles mit einem hohen Preise hatte bezahlen müssen. Einem schon aus dem Leben geschiedenen jüdischen Jugendfreunde gegenüber hatte Dr. Lueger — beim Begräbnis des ihm befreundeten jüdischen Journalisten Kleb in der, dem beizuwohnen er sich, trotzdem er schon totkrank war, nicht hatte nehmen lassen — seiner Wandlungen gedenkend, sogar in wehmütigironischem Tone gesagt: „Es ist schad' um mich!" Damit hat er sich und die — anderen, die ihm in seiner Karriere geholfen, charakterisieren wollen. Und vielleicht hat er damit das Richtige getroffen. Aber immerhin kann, wenn auch heute jedes schärfere, jedes verletzende Wort diesem Manne gegenüber nicht am Platze ist, die Frage aufgeworfen werden, ob Dr. Seipel Recht hatte, gerade Lueger als den idealsten Lehrmeister, als das leuchtendste, nachahmungswürdigste Vorbild hinzustellen. Ego. Hotel Restaurant Guth Wien II., Hollandstraße Nr. 14 Vornehmes Restaurant mit erstklassiger Küche Mittags- und Abenö-Menu nach Wahl S 2.— Übernahme von Diners und Soupers in und ausser'Haus Zum Besuch ladet höfl. ein f guth, Besitzer. fprofe^^ Bei allen heiteren, festlichen, traurigen und sonstigen Anlässen, deren es ja so viele in der jüdischen Gesellschaft Wiens gibt, wird von nun ab einer fehlen, der fast nie bei solchen Gelegenheiten zu vermissen war: Professor Eduard Nasche. Keiner wird mehr erstehen, der uns das ersetzen könnte, was uns der unerbittliche Tod in seiner Person entrissen hat. Wollte man es wagen, das Wesen dieses einzigartigen Menschen mit einem einzigen Worte zu charakterisieren, dann könnte man vielleicht von ihm sagen: er war anders. Jawohl, Professor Nasche war anders, ganz anders als der Durchschnitt der Juden unserer Stadt und unseres Landes, er war aber auch anders als er jenen erschien, die ihn nur oberflächlich kannten und ihn bloß als glänzenden Fest-, Tafel-, Grab- und Gelegenheitsredner, als geistsprühenden, schlagfertigen und lebensklugen Mann bewunderten. Denn alle, welche das Glück hatten, Professor Nasche näher zu kennen, wissen, daß er nicht nur ein ausgezeichneter Redner war, der das Zwerchfell seiner Zuhörer ebenso in seiner Gewalt hatte wie ihre Tränendrüsen, sondern sie schätzten ihn als einen Menschen von seltenen Geistesgaben. Denn er besaß nicht nur ein unheimliches Gedächtnis, das ihn nie im Stiche ließ, sondern er war auch ein Mensch von der umfassendsten Bildung und dem tiefgründigsten Wissen. Er zitierte Talmud und Midrasch ebenso sicher und gewandt wie er Zitate von Homer, Cicero, Voltaire, Shakespeare, Schiller und Goethe direkt aus dem Aermel schüttelte. Er war in den alten Sprachen, im Hebräischen, Lateinischen und Griechischen ebenso zuhause, wie in den modernen Weltsprachen und beherrschte vor allem glänzend die Sprache des Herzens und des Gemütes, was nicht der geringste Grund zu seinen großen rednerischen Erfolgen war. Hierzu kommt, daß Professor Nasche eine, geradezu verblüffende Verstandesschärfe besaß, die es ihm ermöglichte, sich in allen, auch in den schwierigsten Situationen augenblicklich zurechtzufinden. Sicherlich wäre Professor Nasche zufolge seiner so vielfachen und vielseitigen ..Begabung ebenso ein vortrefflicher Gelehrter, Schriftsteller, Schauspieler oder Rechtsanwalt geworden, wie er es auch sicherlich zu einem bedeutenden Rabbiner, Politiker oder Journalisten gebracht hätte, wenn, ja wenn er die Ausdauer besessen hätte, sich, ganz und mit vojler Hingabe dem einen oder dem anderen Berufe zu widmen. Aber leider, Ausdauer, das kannte Professor Nasch6 nicht, das wäre auch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.