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Die Wahrheit · 1926-10-08 · Heft 42 (8.10.1926) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 42 (8.10.1926)
Date
1926-10-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seit« 4 TM WAHRHEIT '«LiM. Nr. 42 unanfechtbar dastehen. Da nun erst kaum mehr als ein halbes Jahrhundert verflossen ist, seitdem in Mitteleuropa die völlige Emanzipation der Juden verfassungsmäßig endgültig festgelegt wurde, so braucht es nicht zu verwundern, daß sie noch nicht im Volksbewußtsein der breiten Massen verwurzelt ist; daß der Jude noch immer in der Erinnerung des Volkes als rechtloser, geduldeter Fremder fortlebt und es dunkel sogar als bitteres Unrecht empfunden wird, daß dieser „Fremde" mit dem Nichtiuden dieselben Bürgerrechte genießt, also bei diesem etwas wegzunehmen scheint, was ihm gebührt; ja, wenn der einzelne Jude kraft seiner Begabung oder auch nur dank einem glücklichen Zufall es weiter bringt als sein nichtjüdischer Nachbar, so erscheint er diesem als bevorrechtet, privilegiert, vom Staate ungerechterweise auf Kosten des Nichtiuden bevorzugt, und das gibt Anlaß zu der Verdächtigung, daß die Juden eine „geheime Gesellschaft" bilden, deren Mitglieder sich gegenseitig zu den besten Stellen verhelfen und insgesamt die Macht im Staate an sich reißen wollen. Als die Emanzipation verfassungsgemäß festgelegt wurde, glaubte die damalige Generation, nun wäre die Judenfrage ein für allemal gelöst, erledigt, aus der Welt geschafft, man könnte sich fortab ruhig dem Genuß der neuerworbenen Rechte hingeben und werde es nie wieder nötig haben, sich ernstlich gegen mächtige Gegner zu verteidigen. Es war damals die Hochblütezeit des Liberalismus im politischen, sozialen und religiösen Sinne. Alle veralteten Vorurteile schienen überwunden. Der Glaube an die sieghafte Macht der Vernunft und Wissenschaft war unerschüttert. Dabei war die endlich errungene Emanzipation das Ergebnis eines Kampfes, der bereits mehrere Jahrzehnte gedauert hatte. Es ist also begreiflich, daß sie den damaligen Menschen als ein unbestreitbar gesicherter Besitz erscheinen mußte. Das war ein Irrtum. Wer einen Obstgarten pflanzt und nach langjähriger Mühe die ersten Früchte reifen sieht, darf nicht glauben, er werde fortab die Hände in den Schoß legen dürfen und sie nur ausstrecken, um die Früchte von den Bäumen zu pflücken. Nein. Er muß sein Werk unaufhörlich verteidigen gegen allerlei äußere und innere Feinde, gegen Blattläuse und Raupen, gegen innere Fäulnis, die die Säfte verdirbt, gegen boshafte und neidische Nachbarn. Heute steht es fest: Wir, die wir die Gleichberechtigung von unseren Vorfahren ererbt haben, werden sie noch oft und oft von neuem erwerben müssen, um sie zu besitzen. Noch war kein volles Jahrzehnt seit der verfassungsmäßigen Festlegung der Gleichberechtigung im Deutschen Reiche und in Oesterreich-Ungarn verflossen, als der neue Judenhaß unter dem Namen Antisemitismus" drohend sein Haupt erhob und eine heftige Reaktion gegen die neue Ordnung der Dinge einleitete, die bis auf den heutigen Tag andauert. Es hat Ebbe und Flut in der antisemitischen Strömung gegeben. In der letzten Zeit tritt die Flut mit einer Heftigkeit auf und hat Dimensionen angenommen, wie sie bisher unerhört waren. Da ist zunächst der ausgesprochen internationale Charakter der jetzigen antisemitischen Bewegung auffallend. Die Antisemiten der verschiedenen Länder gehorchen offenbar der gleichen Parole. Es ist, wie wenn sie auf Verabredung handelten. Dabei ist es vollkommen gleichgültig, ob eine internationale antisemitische Organisation besteht oder nicht, ob die antisemitischen Organisationen der einzelnen Länder zusammenhängen oder nicht. Tatsache ist, daß die Schlagworte von einem Lande zum anderen hinübergereicht werden, aüch unter Ländern, die miteinander verfeindet sind, wie Polen und Deutschland, Deutschland und Frankreich, mögen auch die Schlagworte, in jedem Lande besonders angewendet, einander widersprechen und darum völlig anders klingen. Die deutschen Antisemiten beschuldigen zum Beispiel das „internationale Judentum" (zu dem natürlich in erster Reihe die deutschen Juden gerechnet werden), daß es sich zum Verderb Deutschlands verbunden habe; der Mißerfolg der deutschen Politik und Wirtschaft wird „den Juden" zur Last gelegt. Aber genau dasselbe schreien die Antisemiten in Polen, dessen politische wirtschaftliche Interessen doch den deutschen gerade entgegengesetzt sind. Die Invasion der Bolschewistenarmee im Sommer 1920, die den Bestand des neuen Staates ernstlich bedroht hatte und ohne die militärische Hilfe Frankreichs der ganzen frischen Staatsherrlichkeit beinahe ein jähes Ende bereitet hätte, war nach den Versicherungen der polnischen Antisemiten ein Werk des „internationalen Judentums", welches sich verschworen hatte, Polens Untergang herbeizuführen, und dessen Werkzeug die russischen roten Armeen und Sowjets mit Trotzki an der Spitze seien. Der unaufhaltsame Niedergang der polnischen Mark war ein Werk desselben internationalen Judentums, welches, nach Versicherung der deutschen Antisemiten, das Sinken der deutschen Mark herbeigeführt hat. Für das Abstimmungsergebnis in Oberschlesien (1921) machten die Polen abermals „die Juden" verantwortlich und ernannten aus eigener Machtvollkommenheit alle belgischen, schweizerischen und italienischen Abstimmungskommissäre und Truppenführer, die ihnen nicht genehm waren, zu Juden. In diesem Punkte hatten die Polen insofern recht, als sämtliche oberschlesischen Juden geschlossen für das Verbleiben bei Deutschland gestimmt hatten. Ist es nun nicht höchst bezeichnend, daß die oberschlesischen Juden gerade während der Zeit der Abstimmung von Seiten der Hakenkreuzritter die ärgsten Schikanen zu dulden hatten? (Fortsetzung folgt.) Jüdische Frauenideale. Eine Blütenlese von Dr. Max G r u n w a 1 d. (Fortsetzung.) Die Frau des Getauften. Oft wiederholt sich der Fall, daß die Frau eines abtrünnigen Juden dem Glauben der Väter treu bleibt. So die Mutter des berühmten Sonnenfels, so die Frau des Wetzlar von Plankenstern*), so die aus der Familie Wertheimers stammende, 'an Low Kalmus in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verheiratete. Veronica Nymwegen. Von einer solchen Frauentreue erzählt auch der folgende Bericht, eine unter dem Titel „Mannhafte Beständigkeit des zwölfjährigen Knaben Simon Abeles", von zwei Jesuitenpatres, latein und deutsch 1694 beschriebene Taufgeschichte. Ein Prager Jude hatte sich taufen lassen. „Siehe aber! ihm wollte Rosina Metzelin, seine Ehegattin, nicht Folge leisten; und weil sie beobachtete, daß ihr die vier Kinder zugleich entzogen wurden, war ihr dieser Kinderraub, wie einer Löwin der Verlust ihrer Jungen, schwer zu ertragen. Sie forderte ihren Mann vor das bischöfliche Ehegericht, wo sie wenigstens um zwei von den entrückten Kindern anhielt, weil sie ihr, der Mutter, vor der Geburt beschwerlich, bei der Geburt schmerzlich und nach der Geburt mühsam zu erziehen gewesen seien. Das hochweise erzbischöfliche Amt aber gab das Urteil von sich, daß dem Mann, der nächstens getauft werden sollte, alle Kinder, zugehörten. Da hat das Weib, mehr als sich sagen läßt, den Verlust aberaus kläglich bejammert, und da sie besorgte, daß sie auch der fünften Leibesfrucht, die noch unter ihrem Herzen verborgen lag, nach der Geburt beraubt werden möchte, war sie emsig beflissen, die Zeit ihrer Niederkunft vor den Christen zu bergen. Deshalb beschloß sie vor allem, ihre bisherige Her- *) In der Synagoge zu Mattersburg hängt an Wochentagen ein Thoravorhang, gewidmet von „Ha-Baronin a'ch (= ischa chaschuba) m' (marath) Lea bath m'h'r Eisek Schluchtern n'j schenath 5574 l'f'k (d. i. Baronin Eleonore 0 Schluchtern, die Gattin Wetzlars von Plankenstern). Auch inji! der Synagoge zu Königs wart bei Marienbad erinnere ich mich, $ää vor einigen Jahren unter kostbaren Paramenten die Widmung g| einer Wiener Baronin gefunden zu haben. Es ist leicht möglich, daß es sich um dieselbe Spenderin handelt. Leider habe ich die betreffende Notiz nicht zur Hand, und aus Königswart erhielt ich kürzlich auf meine Anfrage die Auskunft, daß ein solches Parocheth sich gegenwärtig nicht vorfinde. Wetzlars Adelstitel „von Plankenstern" nimmt darauf Bezug, daß er durch Ankauf und Abtragung eines Baues, der den Zugang zur Burg behinderte, die „Plankengasse" - ermöglicht hat. In Baden bei Wien erwarb er 1781 das .Gut (jetzt Heilanstalt) Gutenbrunn. Er baute es 1783 vollständig um und stellte den in der Blütezeit Badens unter Franz II. nach 1800 vielgenannten „Wetzlarschen Garten" dem Badepublikum zur Verfügung. Er war. der erste Jude, der in Wien Freizügigkeit genoß. Als der „Millionjude" allgemein bekannt, wurde er gelegentlich auf der Bühne karikiert. Der Komiker, der sich seiner Maske bediente, warf, um den Reichtum des Juden zu charakterisieren, Münzen aus Flittergold ins Publikum. Wetzlar ließ ihn, so heßt es, kommen und schenkte ihm zur Erinnerung echte Goldstücke. Seine Nachkommen haben sich als Offiziere der alten österreichischen Armee ausgezeichnet. Seine Frau, die sich durch wohltätige Stiftungen verdient gemacht hat, wird in der Haskara der Wiener Kultusgemeinde unter denFrauen an erster Stelle geführt. Ueber sie berichtet auch die Festschrift „Geschichte der Wiener Juden" S. 64. — Aenliches erzählte übrigens Ch. Bloch in diesen Blättern von einem Neger-Rabbi aus Westindien, derzeit in New York, dessen Vater zum Christentum übergetreten war, während die Mutter dem Judentum treu blieb.

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