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Die Wahrheit · 1926-10-08 · Heft 42 (8.10.1926) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 42 (8.10.1926)
Date
1926-10-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
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dende Minderheiten mit einer Autonomie zu beglücken, ist klar. Die Beglückung wäre überdies eine furchtbare Last; denn daß die Minderheiten für ihre speziellen Einrichtungen auch finanziell aufzukommen hätten, ist wohl unabwendbar; ich wenigstens kann mir keinen Staat vorstellen, in dem die Majorität bereit sein würde, auch jene Lasten tragen zu helfen, die den Liebhabereien der Minoritäten ihre Entstehung verdanken. Die Minoritäten wurden im allgemeinen unter dieser Bürde, die sie häufig bis zur Ueberbürdung drücken könnte, furchtbar seufzen, und sie würden bald froh sein, die Last, die man ihnen als Wohltat anpries, wieder abwerfen zu können. Und bis zu welcher Grenze geht die Autonomie? Die großen Entscheidungen im Leben der Völker bringen schließlich die Existenzkämpfe; Existenzkämpfe nach außen, die wir Kriege nennen, und Existenzkämpfe der Massen im Innern, die wir in ihrer letzten Zuspitzung Revolutionen nennen. Sobald die politische Entwicklung zu letzten Konsequenzen sich auswächst, zerbricht die schattenhafte Autonomie, und der jüdische Proletarier wird vor allem proletarisch empfinden und handeln, und der jüdische Patriot: — national als Deutscher, als Franzose und so fort, und nicht als Jude; aus Instinkt wie aus Interesse; beide fallen schließlich in letzten Entscheidungen bei gesund empfindenden Menschen immer zusammen. So bleibt für die Autonomie das religiöse Gebiet — über dessen selbständige Gestaltung eine Meinungsverschiedenheit nicht besteht — und das Erziehungswesen im allgemeinen. In engeren Grenzen haben natürlich in allen zivilisierten Staaten die Eltern das Recht, die religeäscherten Mauern durch Titus' Soldaten endet das Epos jüdischer Heldenzeit. Die folgenden wechselvollen Schicksale unter Kreuzfahrern und Arabern sind unwesentlich gegen die Vergangenheit. Im 14. Jahrhundert führen venezianische Juden Glasfabrikation hier ein. Diese und Weberei, heute noch wie damals betrieben, sind Erwerbsquelle des Städtchens, das durch seine Läge als Handelsplatz einst Bedeutung hatte. Seit dieser Zeit ist es unverändert geblieben. Einstige Größe — lebendes Museum. Vorbei an grünenden Abhängen, voll Oliven und Wein bedeckt, vorbei an glockenklingenden Kamelkarawanen, vorbei an den Teichen Salomos, nahen die Gefilde Bethlehems. Fruchtbares Land, in dem die Geschichte Ruths Wahrheit wird, Heimat Davids, des Sohnes Isais. Vorbei am Grabe der Mutter- Rahel tauchen die Kuppeln und Türme Jerusalems auf. Hebron—Bethlehem—Jerusalem, — die Königstraße. Sie ging David, der Knabe, sie zog David, der König mit seinen siegreichen Kriegern. Die Reihen Judas des Makabäers, die Legionen des Römers, die Scharen der Kreuzfahrer, die Muselmanen Salah-ed-Dins und — die Regimenter King Georges unter Marshall Allenby. Sie alle sind diesen Weg geschritten. Jeder Zoll Boden Geschichte, jeder Stein heilig. G. giöse Erziehung der Kinder zu leiten und zu gestalten. Jede Einengung auf diesem Gebiet wäre verwerflich; und auch für die Erziehung im weiteren Sinne kann der moderne Staat große Freiheiten gewähren; freilich mit einer Folgewirkung; erzieht eure Kinder wie ihr mögt; aber im Staatsdienst, den ich, der Staat, einrichte und überwache, kann ich nur jene Elemente gebrauchen, deren E i g n u n g für ihre Aufgabe ich als ausreichend erachte; und entsprechen eure Minderheitsschulen diesen meinen Ansprüchen nicht, so schließt ihr eure Kinder damit freiwillig vom unmittelbaren Dienst am Staate aus. Bedeutet die „kulturelle Autonomie", die eine kleine Anzahl jüdischer, sogenannter Politiker erstrebt, ungehinderte Entfaltung jüdischer religiöser Unterweisung, so ist gegen dieses Streben nicht das geringste einzuwenden, und um so weniger, da kein Kulturstaat solcher Entwicklung Hindernisse in den Weg legt. Bedeutet aber kulturelle Autonomie, wie jüdische Ideologen und Phantasten es wollen, daß, durchorganisiert durch das gesamte Staatswesen, die Juden als ein Sonderkörper mit Sondereigenschaften und Sonderzielen im Staate leben und sich betätigen, so wäre das die Aufrichtung eines modernisierten, und zwar freiwiliigen Ghettos: die freiwillige Judenabsonderung im Staate unserer Tage. Daß aus dieser selbstgeschaffenen Absonderung sich in kurzem Reibungen entwickeln würden, ist naturgemäß, und von Reibungen zur Feindschaft ist nur ein ganz kleiner Schritt. In Litauen sind tatsächlich diese Stadien durchlaufen worden. Wer die jüdische staatliche Autonomie will, fördert unmittelbar die Judenfeindschaft. Die politische Autonomie ist ein Geschenk, mit dem die Antisemiten das Judentum beglücken könnten, wenn sie klug wären; sie bedeutet: Absonderung, Isolierung, Feindschaft, Einflußlosigkeit. Der moderne Staat organisiert nicht Rassen und politisch nicht Religionsgemeinschaften, sondern nur Staatsbürger gleichen Rechts, in der die Minderheit der Juden sich auf die politisch gleichstrebenden Nichtjuden zu stützen vermag, und für die gemeinsamen Ziele kämpfen dann beide und siegen sie gemeinsam. Zur Kritik unserer Zeit. Von Binjamin Segel. Die bürgerliche und politische Emanzipation der Juden war in erster Linie ein Ergebnis der Entwicklung des modernen Staates, die mit Naturnotwendigkeit auf die bürgerliche und politische Gleichstellung der Juden hindrängte und ihnen somit die Möglichkeit gab, ihre Kräfte, ganz wie ihre nichtjüdischen Mitbürger, frei zu entfalten. Aber diese Notwendigkeit Völkern, Herrschern und Führern zum Bewußtsein gebracht zu haben, ist das Verdienst hervorragender Persönlichkeiten, Juden wie Nichtjuden, die, vom Geiste des Humanismus des 18. Jahrhunderts und der freiheitlichen Ideen des 19. erfüllt, in dem großen Kampfe um die allgemeinen Menschenrechte auch den Kampf für unsere Befreiung führten. Der Grundsatz, daß der Jude als gleichberechtigter Mitbürger der Nichtjuden behandelt werden muß, ist zwar in das Bewußtsein der aufgeklärten Völker, wenigstens der geistig maßgebenden Schichten dieser Völker, übergegangen, wenn auch hier nicht allzu tief eingedrungen, aber in das Unterbewußtsein einzudringen, hat er noch nicht Zeit gehabt. Es dauert lange und bedarf oft der Arbeit von Generationen, bis derartige historische Prozesse so weit gereift sind, daß ihre Ergebnisse selbstverständlich, unerschütterlich und

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