Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1926-10-08 · Heft 42 (8.10.1926) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 42 (8.10.1926)
Date
1926-10-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3063973-3064011--14898-3082482
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 2 Pffi WAHRHEIT Nr. 42 die ältesten Pazifisten; ist doch der Pazifismus ein integrierender Bestandteil unserer Religion, die durch den Mund ihrer großen Propheten der Menschheit die Idee des Friedens verkündet hat. Dr. F. J. W e i ß. Nationale Autonomie. Genfer Nachklänge. Von Dr. Paul Nathan. Neben den großen Vorgängen, die sich soeben m Genf abgespielt haben, ging dort, in dieser Stadt internationaler politischer Beratungen, in diesem Anti-Babel, wo aus der Zersetzung Harmonie geschaffen werden soll, auch ein inoffizieller Kongreß nationaler Minderheiten einher. Der Krieg der Staaten gegeneinander soll gebannt werden; und der Krieg innerhalb der Staaten oder zum wenigsten die zersetzenden, verbitternden Gegensätze im einzelnen Staatskörper desgleichen. Auf diesem Minderheitenkongreß wurde auch das jüdische Problem behandelt; die Frage, wie die Reibungen innerhalb eines Staatsgebildes, die zwischen Juden und Nichtjuden vorhanden sind, ausgeschaltet oder doch zur Bedeutungslosigkeit herabgemindert werden können. Ohne weiteres statuierten jüdische Redner auf diesem Kongreß, daß die Juden eine „Nation", ein „Volk", eine ethnologische Einheit seien, obgleich sie seit zweitausend Jahren keinen eigenen Staat mehr besitzen, obgleich sie dementsprechend seit ebenso langer Zeit keine gemeinsame Werktagssprache sprechen, obgleich sie, wie politisch, so in der Kultur an die Entwicklung anderer und der verschiedensten Völker angegliedert sind, und unzweifelhaft in einem Umfang, der nicht näher bestimmt werden kann, sich mit jenen vermischt haben, und obgleich sie nur ein einziges gemeinsames Band umschlingt: ihre Religion; und eines kommt angeblich noch hinzu, die sogenannte „Blutsgemeinschaft41, ein Kriterium, das naturwissenschaftlich-exakt aussieht, und mit dem die exakten Naturwissenschaften nichts, aber auch gar nichts in diesem konkreten Falle anzufangen vermögen. Schließlich bleibt die krumme Nase übrig, die viele Juden nicht ihr eigen nennen, und die schwarzen Haare und die dunklen Augen, und auch diesen Eigentümlichkeiten entziehen sich viele Juden mit durchaus anders geformten Nasen und mit hellen Haaren und hellen Augen. So bleibt übrig: Jude ist, wer sich zum Judentum bekennt, und das tun auch die Abkömmlinge der südrussischen Chasaren, die keine Semiten sind, und die schwarzen Juden in Abessinien, hinter deren Abstammung ein großes Fragezeichen zu setzen ist. Also Jude ist jeder, der von Bekennern der jüdischen Religion abstammt und auch hier stocke ich schon faustisch, denn: Pater Semper incertus. Freilich ist eines nicht zu bestreiten: Es gibt bekanntermaßen Juden, und diese Juden sollen nach Ansicht jüdischer Vertreter auf dem Minderheitenkongreß, wo sie „zahlreich" sind, durch eine v ö Ikische Autonomie beglückt werden. Unter welchen Voraussetzungen ist nun diese völkische Autonomie zu erstreben? Es soll die Sophisten-Frage nicht aufgeworfen werden, wie viele Sandkörner sind zu einem Haufen Sand notwendig; es mag also nur angedeutet werden, welche Schwierigkeiten es macht, den Anspruchauf eine politische Autonomie einigermaßen sachlich, das heißt zahlenmäßig zu umgrenzen. Daß es eine politische Karikatur ergeben würde, verschwi n- Feuilleton Die älteste Stadt der Welt. Wo ist sie? Nicht in Aegypten, sondern in Palästina: H e b r o n. Von allen bewohnten Städten nämlich die älteste, nicht von jenen Trümmerhaufen, zu denen die Autos von Cook & Son führen. Und dennoch hast du das Gefühl der Unwirklichkeit, des Traumes. Ein Stück „1001 Nacht" ist vor dir lebendig geworden. Das 'Forum in Rom, die Akropolis in Athen, Reste alter Zeiten. Tot liegen sie da und neben ihnen ist die neue Stadt hervorgewachsen und neues Leben, Leben das du lebst, pulsiert in ihnen. Pompeji, Baibock, die Pyramiden, alles tot, nur Bewunderung heischend. Doch Hebron — echtester Orient, Farben, Geschrei, Stadt der tausend Düfte, Leben, das du lebst und doch nicht lebst. Geheimnisvoll die Gassen und Winkel, die Händler in den Basaren, der Handel wie in alter Zeit. Das Ganze zu tönend jedoch, um geisterhaft zu wirken. So gehst du durch die. überwölbten Gassen, jederzeit gewärtig, daß der schöne Traum verfliegt. Du wärest nicht erstaunt, wenn plötzlicti dir Salah-ed-Din, die Helden Davids oder gar Abraham selbst entgegentreten würden. Nicht Sage scheint es dir, daß in jener kleinen, unheimlichen Synagoge, zu der du durch hundert kleine Tore und Winkel, Treppen und Höfe gelangst, Erzvater Abraham vor Jahrtausenden zum Gottesdienst erschienen sei. Wahrlich, die Jahrtausen4e sind hier wie ein Tag vorbeigegangen. Das ist Hebron. Der Motor surrt, da kommst du erst zur Besinnung, erwachst du aus dem Traume. Der Boden, auf den du standest war heilig, durch die Geschichte geheiligt. Und während sich das Auto die Straße hinabwindet, rollt vor deinem geistigen Auge das Band der Geschichte ab. Von Abraham, der hier im Haine Mamreh sein Bündnis mit Gott schloß, der hier die Grabstätte erwarb, in die dir als Nichtmuslim der Eintritt verwehrt ist. Von den Kundschaftern, die hier noch die Nachkommen der Riesen fanden, die von hier jene sagenhafte Traube brachten, die zwei Männer tragen mußten. Die grünen Abhänge zeugen für die Geschichte. Josua zieht als Sieger ein, schenkt die Stadt dem Kaleb, macht sie zur Freistadt. Hier wird David nach Sauls Tod zum König gekrönt, hier residiert er bis zur Eroberung Jerusalems. In Hebrons Toren schlägt Joab Abner nieder — Hagen und Siegfried der Bibel. Absalom organisiert hier die Empörung gegen den Vater, Rehabeam macht sie zur Feste. Die Exulanten kehren heim aus Babylon, doch Juda Makabaeus vertreibt erst die indessen eingedrungenen Edomiter. Mit einem Blutbad und ein-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.