Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 42 (8.10.1926)
- Date
- 1926-10-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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OesterreltlHscbe Woc&cns&iHl für iBflsdie lnferesseo NH «cm Beiblatt; YerOttcnffidiiiniieii der „Dolon demsc&Osffxrelddsdier JMar* Redaktion und Administration: Wien HelnestfraAe M. - Fernruf 42-2-18 ~* ■»^■■■■■■■■■■■»■■■■■■■■■■»»■■■■»■■■■■■■^■■■»■■■MWM^ XLII. Jahrgang Wien, 8. Oktober 1926 Nummer 42 Paneuropa. Sollen wir die Hände in den Schoß legen und rullig zuwarten, bis der „Untergang des A b e n di a n d.e s" über uns hereinbricht und die düsteren Prophezeiungen in Erfüllung gehen, die ein moderner deutscher Geschichtsphilosoph der europäischen Kultur in Aussicht gestellt hat? Sollen wir in untätigem Fatalismus und jammervoller Resignation jener furchbaren Katastrophe entgegensehen, die, weit schrecklicher als der Weltkrieg, unseren alten Erdteil in einen Trümmerhaufen verwandeln wird? Gewissermaßen ein Protest gegen diese Stimmung dumpfer Resignation und grenzenlosen Passivismus bildet eine Bewegung, die sich an alle guten Europäer wendei und unseren alten Erdteil vor dem drohenden Untergang erretten will. Der Ruf aber, unter welchem die Vorkämpfer dieser Bewegung zu Felde ziehen, lautet: „Paneuropa". Paneuropa bedeutet, daß wir uns auf uns selbst besinnen müssen. Wir müssen erkennen, daß wir geistig, wirtschaftlich und politisch auf einander angewiesen sind, daß wir nicht nur eine geographische, sondern auch eine ökonomische und kulturelle Einheit bilden, eine Einheit, welche sich im Laufe der Jahrhunderte geschichtsnotwendig herausgebildet hat und anderen geographischen-kulturellen Einheiten gegenübertritt, die in den letzten Jahrzehnten einen gewaltigen Aufschwung genommen haben. Wenn wir aber weiter fortfahren, uns, sei es militärisch, durch alle Errungenschaften der modernen Technik, oder wirtschaftlich, durch Schutzzölle und Absperrungsmaßnahmen, zu vernichten, wenn Nationalismus, Imperialismus und Militarismus auch weiterhin die Völker Europas auf die Schlachtbank führen, dann allerdings ist das Schicksal Europas besiegelt. Dann wird dieser alte Erdteil eine Beute jener gewaltig aufstrebenden Mächte im Westen und Osten werden, die an Reichtum, Stärke, Gebietsumfang und Bewohnerzahl Europa schon heute bei weitem übertreffen. Gelingt es aber, Europa zu einigen, und aus den vielen Staaten Europas, die sich heute noch, acht Jahre nach dem Weltkriege, bis an die Zähne gerüstet, gegenüberstehen, einen Bund etwa in Form der Vereinigten Staaten von Europa zu schaffen, dann kann das drohende Verhängnis noch abgewendet und der „Untergang des Abendlandes durch Selbstvernichtung" verhindert werden. An der Spitze der Paneuropa-Bewegung, deren erster Kongreß dieser Tage in Wien stattfand, steht ein ganz außerordentlicher Mann, Graf Nikolaus Coudenhove- K a 1 e r g i, der Sohn eines außerordentlichen Mannes. Sein Vater, der einem alten Adelsgeschlechte entstammte, war Botschafter Oesterreich-Ungarns in Tokio und ist bekannt durch eine Schrift: „Das Wesen des Antisemitismus'\ die in kurzen Worten wohl das Beste und Objektivste enthält, was je über diese furchtbare Entartungserscheinung der Menschheit gesagt wurde. Diesem Manne wurde in Toki o am 16. November 1894 von einer Japaner i n, die er zur Frau genommen hatte, ein Sohn geboren, der von seinem Vater die hervorragenden Gaben des Geistes und des Gemütes geerbt hatte. Schon während des Krieges hatte sich Nikolaus Coudenhouve als Pazifist deklariert. Dann aber, als es sich zeigte, daß weder die Friedensschlüsse, noch der Völkerbund Europa den Frieden garantieren können, da wurde es ihm klar, daß andere, neue Wege eingeschlagen werden müßten, um Europa vor neuen furchtbaren Kriegen und der Gefahr der Selbstvernichtung zu bewahren. Er glaubte einen Weg aus dem politischen und wirtschaftlichen Wirrwarr, in welchem sich Europa nach dem Kriege befindet, gefunden zu haben, er schrieb das Buch „Paneuropa", in dem er für die Schaffung der Vereinigten Staaten von Europa mit überzeugenden Worten und glühender Begeisterung eintrat, und schuf in der Paneuropäischen Union eine Bewegung zur Verwirklichung dieser Idee. Seither haben sich viele hervorragende Politiker in fast allen Staaten Europas dieser Bewegung angeschlossen und wenn Graf Coudenhove die Vertreter aller europäischen Staaten und Nationen um seine Person geschart sieht, dann kann er mit Stolz und Genugtuung auf das von ihm Geleitete zurückblicken. Das österreichische Judentum begrüßt mit besonderer Herzlichkeit den Begründer und die Vorkämpfer der Paneuropabewegung anläßlich ihres Kongresses in W i e n, es bringt den Bestrebungen nach Einigung Europas die wärmsten Sympathien entgegen und wünscht den Beratungen des Kongresses den besten Erfolg. Denn wir Juden haben die gleichen Feinde wie die junge Paneuropabewegung; dieselben furchtbaren Mächte, die der Verwirklichung der paneuropäischen Idee hindernd im Wege stehen, Rasse n-undVölkerhaß, sie sind auch die größten Feinde des Judentums. Wenn es gelänge, diese unheilvollen und verderbenbringenden Mäche, die schon so viel Unglück über die Menschheit gebracht haben, endlich zu überwinden, dann könnten auch wir Juden nach jahrhundertelangem Leid erleichtert aufatmen und uns mit ganzer Kraft der Verwirklichung der und von Gott gesetzten heiligen Aufgaben, vor allem der Verwirklichung des Menschheitsfriedens zuwenden. Denn wir Juden sind