Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 40-41 (22.9.1926)
- Date
- 1926-09-22
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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politische Karriere begann, ein ehrlicher, aufrichtiger, jedem konfessionellen Vorurteil leidenschaftlich erbittert gegenüberstehender Demokrat. An die Aufrichtigkeit seiner antisemitischen Gesinnung glaubte niemand, selbst als er, von einem verzehrenden Ehrgeiz getrieben, sich der antisemitischen Bewegung für seinen Aufstieg bediente. Seinen Antisemitismus bezweifelten seine Anhänger wie seine Gegner. * * * Eine sehr beachtenswerte Gerichtsverhandlung fand vor einigen Tagen in Wien statt. Ein Schaffner hatte wegen eines geringfügigen Wortwechsels mit einem Fahrgast diesem einen Stoß in die Brust versetzt, infolge dessen er von der Plattform des dahinrollenden Tramwaywagens herabstürzte. Fünf Mitfahrende, die mit Entsetzen Augenzeugen dieser Szene waren, haben vor dem Richter die eidliche Aussage des Mannes bestätigt, der mit Vornamen Moses heißt, also den Namen des großen Gesetzgebers führt, der als erster die Gleichheit aller vor dem Gesetze verkündigt hatte. Auch daß er nur dank einem günstigen Zufalle bei diesem Sturz, der leicht auch sein Leben hätte kosten können, mit heiler Haut davongekommen, wußten die einwandfreien Zeugen zu bekunden. Die Zeugen machten vor dem Richter auch kein Hehl daraus, daß sie durch die außerordentliche Roheit des Schaffners auf das tiefste empört waren. Der Schaffner wurde zu 48 Stunden Arrest verurteilt. Es ist wohltuend, annehmen zu dürfen, daß diese, wenn auch nur „bedingt" verhängte, Strafe den verurteilten Schaffner in Zukunft zu einem besonneneren Verhalten gegenüber den Fahrgästen bestimmen wird. Nicht vielleicht aus sentimentaler Rücksicht auf deren Gesundheit, wohl aber aus der Erwägung, daß man auch „unbedingt" eingesperrt werden kann. * . * * Wer Hitler ist? Nun, einer, der ihn offenbar genau kennt, entwirft beüäufig folgendes Charakterbild: Hitler ist der Mensch, der „schmählich sein Wort bricht", der, zum „gewissenlosen Undank" fähig, vor „der ungeheuersten Unwahrheit" nicht zurückschreckt. Welchen Leuten er seine Sympathien zuwendet? Abtrünnigen, die von der Partei, der sie angehörten, kurzweg mit dem brandmarkenden Worte „Auswurf" bezeichnet werden. Wahr- Jiaftig, kein schmeichelhaftes Bild des großmäuligen Münchener Hakenkreuzlers! Man wird ohne nähere Prüfung sicherlich glauben, das Porträt sei, wenn auch treffend ähnlich, von der Hand eines Todfeindes der Hakenkreuzler entworfen. Welch ein Irrtum! Nicht was die Aehnlichkeit des Bildes betrifft. Die soll zugegeben werden. Aber der Meister, dem wir es danken, ist auch ein Hakenkreuzler, einer der Häuptlinge der Gattermayer-Schulz- Partei, der Herr Schulz selber in höchsteigener Person ist es, der sich so erbittert über Hitler äußert und so den Tritt quittiert, den der mächtige Hitler den zu einer jämmerlichen Ohnmacht verdammten Wiener Hakenkreuzlerführern gelegentlich der jüngsten großen Auseinandersetzung in Passau versetzte. Hitler will die österreichischen Hakenkreuzler nicht unter das Kommando der Herren Schulz und Gattermayer, vor denen es ihm, wie es scheint, einigermaßen graust, gestellt wissen und hat zu seinen Vertretern in der „Provinz" Oesterreich die Herren Jankovics, Drda und Suchanek bestimmt. Und — Schmach und Schande! — ein großer Teil der österreichischen Hakenkreuzler fügt sich dem Befehl Hitlers und akzeptiert als Führer Jankovics, Drda und Suchanek. Sie gelten ihm, verglichen mit Gattermayer und Schulz, noch immer als die besseren Deutschen, wenn auch mit etwas schwer auszusprechenden Namen. * , * < Der Magdeburger Justizskandal hat mit der Verurteilung des Mörders geendet, trotzdem dieser — zum Schmerze der hakenkreuzlerischen Presse und ihrer mächtigen Hintermänner — ein bewährter Hakenkreuzler ist, und nicht mit der Vernichtung eines Unschuldigen, weil er ein Jude ist. So furchtbar auch die Erinnerung an all die Vorgänge ist, die deutlich zeigten, wie der Antisemitismus selbst das primitivste Rechtsgefühl weiter Kreise korrumpiert hat, so darf doch nicht geleugnet werden, daß in Deutschland vielen, die bisher kühl gegenüber den hakenkreuzlerischen Exzessen blieben, nun die Augen aufgingen und sie jetzt erkennen, wohin diese Bewegung führen muß. Das allerschärfste, das brandmarkendste Urteil über den Magdeburger Justizskandal hat aber sicherlich Schröder selbst gefällt. Er hat, nachdem er sich verloren sah, im letzten Augenblick vor der Verkündigung des vernichtenden Urteilsspruches gegen seine Schützer die blutige Anklage geschleudert: „Man hat mich ja gar nicht des Mordes bezichtigt, man hat mich auf einen anderen Weg gewiesen, und ich wäre dumm gewesen, ihn nicht zu betreten." Das spricht Bände. Und zwar nicht gegen den Mörder, der sich retten wollte, sondern gegen jene, die ihm auf Kosten, eines Unschuldigen helfen wollten. * , * * Eine Gräfin Schieiningen, Abkömmling eines uralten, einst regierenden deutschen Fürstenhauses, hatte vor einigen Jahren dem berühmten Sohn einer orthodoxen Judenfamilie die Hand zum Ehebunde gereicht. Nun wird sie sich wegen Testamentsfälschung vor dem Richter zu verantworten haben. Die Dame wollte sich in den Besitz des Geldes setzen, das der jüdischen Familie ihres Gatten zufallen sollte. Ein echter Hakenkreuzler wird es sich gewiß nicht entgehen lassen, an diesem traurigen Fall überzeugend zu demonstrieren, wie eine unverfälschte Arierin bis zur Testamentsfälschung herabsinken kann, wenn sie in ein jüdisches Milieu versetzt, allmählich von der schrankenlosen, vor nichts zurückschreckenden jüdischen Geldgier angesteckt wird. * * * Ein führendes Blatt der Völkischen in Deutschland, das sich zur Aufgabe macht, seinen Lesern immer wieder tiefe Einblicke in die im Talmud und den kabbalistischen Werken enthaltenen Geheimlehren der Juden zu eröffnen, hat wieder eine kolossale Entdeckung gemacht: Israel Zangwill, einer der Führer des Judentums, war schon als Kind getauft! Die Juden haben, wie bei so vielem, was zu bekennen ihnen gefährlich wäre, auch das höchste Interesse daran gehabt, zu verheimlichen, daß einer der Männer, der ihren Stolz und ihre Zierde bildete, gar kein Jude war. O, die antisemitischen Gelehrten durchdringen die dunkelsten <2e-