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Die Wahrheit · 1926-09-22 · Heft 40-41 (22.9.1926) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 40-41 (22.9.1926)
Date
1926-09-22
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Kxy 40/41 Die WAHftHferr Seite Ö Hühnchen. unter dem Schutze der alten Henne, liegen, eng aneinander, die windschiefen Häuschen der Judenstadt Kotay, die erbärmlich anzusehen mit ihren schwarz gefärbten Mauern, deutlich erkennen lassen, daß sie an Jahren mit dem Tempel wetteifern. Es ist sonderbar, daß im Reiche Brahmas und Schiwas, im legendarischen Lande ungeheurer religiöser Umwälzungen, auf dem klassischen Boden eines verheerenden Fanatismus und mystischen Wahnes der Wanderer oft auf dem grüben Gipfel eines Hügels oder im dunklen Trichter eines Tales ein christliches Kirchlein entdeckt, gegründet vielleicht vom heiligen Thomas selber, oder eine jüdische Synagoge, gleich der in Kotay, erbaut von irgendeinem vorgeschichtlichen Rabbiner. Hier wohnen ungestört, seit Jahrhunderten, mehrere tausend Menschen, während draußen rasende Religionsstürme das Land erschüttern. Doch in Indien ist alles paradox und man darf sich über nichts wundern. Deshalb war ich auch nicht erstaunt, als ich inmitten der üppigen Ebene von Madura, unter Palmen und Pagoden, plötzlich an einer jähen Wendung der Straße vor einer Reihe altersschwacher Häuschen stand, darin eine unwahrscheinliche Menschenmenge ihre Wohnung hat. Die Rasse, die hier seit Jahrhunderten haust, von den anderen Einwohnern völlig getrennt, fast ohne Berührung mit ihnen, hat ihre alte Tracht, ihre Häuser, ihre Sitten, ihre Farbe, beinahe möchte ich sagen: ihren eigenen Geruch bewahrt. Hätte ich auch nicht gewußt, daß wir in einem jüdischen Gemeinwesen uns befinden, wären alle Türen hermetisch verschlossen, alle Fenster verrrammelt gewesen, ich schwöre, daß ich schon am Aeußeren das samaritanische Dorf erkannt hätte, von den Söhnen Mosis aus Galiläa hierher verpflanzt in den äußersten Winkel des Dekan. Aber das indische Ghetto von Kotay ist nicht nur durch den Kontrast seiner jüdischen Physiognomie zu der brahmanischen Landschaft interessant. Die Sitten, die Tracht, die charakteristischen Typen der Rasse sind hier unverändert geblieben ab illo tempore, sie sind heute, wie sie im 38. Jahrhundert der Schöpfung waren, ohne selbst jenes kleine Stückchen Eigenart eingebüßt zu haben, das die anderen Juden auf den zahlreichen Etappen ihrer Wanderschaft verloren. Nicht einmal in Palästina ist der Jude so sehr Jude geblieben, wie unter den Palmen von Travancore. In Galiläa haben die Juden den umwohnenden Völkern wenigstens Teile ihrer Tracht entlehnt, den Mantel der Mohammedaner, das Wams der Drusen, den weißen Rock der Leute von Jaffa, die roten Pantoffeln der Beduinen des Jordan. Hier nichts davon; sicut erat, sicut est. Die Alten sind gekleidet wie Aairon, die Jungen trägen sich wie einst der brave Isaak. Die Frauen, wunderschön in ihrer ersten Jugend, nach der Mutterschaft durch Fettleibigkeit entstellt, hüllen sich noch immer in das Kleid der Judith und den Mantel der Rebekka. Zahlreich sind die Blonden unter ihnen, nicht selten die Roten und die Albinos. In den blassen, sommersprossigen Gesichtern glühen schwarze, tiefe Augen, die schön bleiben, auch wenn im Laufe der Jahre die Züge verwittern. Schafe und Lämmer nehmen auf Schwellen und Wegen teil an dem patriarchalischen Leben der Bewohner. In den Läden verkauft man rituelle Speisen, gekocht in der Butter der Kokosnuß oder in Palmöl, ohne Zutat „unreinen" Tierfettes: Eier in Zwiebelwasser gesotten, Kleieklöße mit Fleisch, Süßspeisen aus Reis und Milch, mit Rosinen und Zimt bestreut. An Stricken von Fenster zu Fenster hängen unbestimmbare Wäschestücke. Mitten auf der Straße gärt Schafkäse in Näpfen aus hartem Holz. Ein goldlockiger Junge taucht seinen Finger lüstern in die weißliche Salztunke; ein fettes Weib streckt den Kopf aus dem Fensterchen heraus und beschimpft den kleinen Dieb, der sich eilends davonmacht. Die Ladenschilder tragen die Schriftzeichen des Talmud. Die Lampen aus Ton werden mit Oel gespeist. Verrostete Eisenplatten ersetzen zerbrochene Scheiben und Fensterflügel. Langsam rieselt von den Dächern Schutt auf die Vorübergehenden. In den Geschäften gibt es keine Wurst, keinen Schinken, das Auge des Europäers zu erfreuen; auch keine Flasche Wein oder Whisky. Mosis Gesetz wird strenge, ohne modernistische Laxheit befolgt. Nie schien mir ein zionistisches Land zionistischer als dieses. Das Innere der Synagoge ist voll Feierlichkeit. Verschieden von den Tempeln Brahmas, die, auch wenn sie unter der Erde liegen, immer durch zehn oder zwanzig Oeffnungen in Verbindung mit der Luit und der Sonne stehen, ist hier alles verschlossen und Halbdunkel. Die Jahrhunderte alten Wände, einst bemalt, jetzt durch Feuchtigkeit und Alter entfärbt, haben den fettigen Glanz alten Holzes angenommen; auch die Säulen und die Bänke sind ehrwürdig vor Alter. Von der Decke hängen seltsam geformte Lampen aus geschmiedetem Kupfer mit gläsernen Ornamenten herab, feine, dem Antiquar unschätzbare Arbeiten. „Es sind Nachbildungen der Lampen» die den Tempel Salomonis erleuchteten", erklärte näselnden Tones der vortreffliche Rabbi. Prachtvoll der Fußboden aus gelbem Porzellan mit blauem Blumenwerk, köstliche Proben koreanischer Kunst, die, niemand weiß wie, hierher geraten sind. In der Mitte erhebt sich der Altar, auf dem der fromme Glaube von Generationen Gold und Silber verschwenderisch aufgehäuft hat. Acht gewundene Säulen aus Bronze tragen den mit Arabesken verzierten kupfernen Altarhimmel. Zu beiden Seiten des Altars die Gesetzestafeln, in der Mitte die Stiftshütte, in einer Ecke, auf einem Lesepult, der Leviticus. (Schluß folgt.) Glossen. Auch dieses Blatt kann nicht schweigend ah dem Tag der Denkmalerithüllung eines Mannes vorübergehen, der eine große geschichtliche Bedeutung für unsere Stadt errungen hat. Auch wir bringen heute eine Enthüllung über Lueger, die allerdings nur für die jüngere Generation eine solche ist. Also: Dr. Karl Lueger war, als er seihe

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