Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 40-41 (22.9.1926)
- Date
- 1926-09-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3062972-3063973-3064010--14883-3082466- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 8 Dtt wAHfeHferr jr^ii^i Nr. 40/41 Leiblicbktit geworden, von Generation zu Generation weitergegeben, erhärtet und „Wahrheit" geworden. In der Neuzeit, wo man in dem dem deutschen Kulturkreis lebendig verbundenen einzelnen jüdischen Menschen das vorgestellte Porträt nicht wiederzufinden vermag, setzt der gefährliche, lügenhafte, verdummende Prozeß der Vergesellschaftung einer in der Seele unwandelbar, lebendig gebliebenen Wertvorstellung und Charakterzeichnung ein; die man zwar mit der konkreten Individualität des jüdischen Menschen nicht zu Deckung bringen kann, die aber einfach Xur qualitativen Bestimmung einer Masse gemacht wird, in der man Individuen nicht mehr unterscheidet, die als Konglomerat jüdischen Wesens .und jüdischen Seins als jüdische Grundsubstanz da ist, von der die Individuen nur einzelne Erscheinungsformen darstellen. So erhebt sich die Wahnvorstellung vom „Judentum", vom „zersetzenden jüdischen Element", immer in der quantitativ-epidemischen Vergesellschaftung eines nicht einmal realen, sondern nur übernommenen, längst durch den Gang der Entwicklung ausgehöhlten qualitativen Typus. Es wird populäre Wahrheit, was Lüge und Irrtum ist. Es wird irrational gegründeter, notwendig existenter Seinsinhalt, was weiter nichts-ist als mystischer Massenwahn. Man sucht seine Position zu stützen u'nd auszubauen. Und es tritt eine Ueberschneidung der beiden Tendenzen ein, die im Grunde gegensätzlich gerichtet sind: der dynamischrevolutionären, sittlich-bekenntnishaften, die Personwerte entscheidend betonenden — und der statisch-sachlichen, auf wissenschaftliche Untermauerung gerichteten Tendenz. Dumpfe Gefühlsregungen sollen rationale Begründbarkeit und intellektuelle Rechtfertigung empfangen. Man kommt zum Kapitel Rassen-Anthropologie. Das Blut soll es sein, was das Individuum in seinem Charakter und eine Gruppe im Kollektivwirken bestimmt. Aber noch mehr der Judenhaß wird zum Residuum wissenschaftlicher Forschung überhaupt. Statistik, Soziologie, Literaturgeschichte usw., vor allem die Erscheinungen des öffentlichen Lebens: Presse, Wirtschaft, Politik werden herangezogen, um die Schädlichkeit und elementare Wesensfremdheit des Judentums zu erweisen. Kuriositäten und Phantastereien aller Art werden zutage gefördert. Sie sind uns bekannt. Aber was bedeuten sie in diesem Zusammenhang? Was bedeutet diese Pseudowissenschaftlichkeit des Judenhasses? Es ist das Hinüberschieben des Problems auf ein Gebiet, wo es seiner Natur nach nichts zu suchen hat. Die Wissenschaft eröffnet aber die lockende Aussicht, dem Judenhaß eine unangreifbare Grundlage zu sichern durch ihre Forschungsergebnisse, sind auch diese nur unter ärgsten Verdrehungen und Gewaltsamkeiten gewonnen. Zwar wird die wissenschaftliche Argumentation widerlegt, aber die Fälschungen, bestenfalls Halbwahrheiten, verführerisch aufgeputzt, tun ihre Wirkung, zumal ja auch die stärkste Neigung und der aus dem Bedürfnis der Erhaltung des Judenhasses geborene Zwang besteht, sie zu glauben. Das Gefährliche daran ist, daß dieser Zwang das zum Verstummen bringt, was Nietzsche „intellektuale Rechtschäffenheit" nennt. Sehen wir von den Demagogen und Geschäftemachern des Judenhasses ab. Für den sittlich höher stehenden Teil, besonders für die Jugend ist aber die Verwissenschaftlichung des Judenhasses ein Verlegenheitsmittel, ein Lückenbüßer für bewußt oder unbewußt vermiedene Entscheidung. Hier hält man auch am Judenhaß fest, weil man den Einsturz seiner gesellschaftlichen Stellung und auch sicherlich seiner gesamten Lebensanschauung befürchtet, wenn man sich von ihm lossagt. Darum setzt man sich lieber mit dem Judenhaß in den Außenbezirken des wissenschaftlichen Bewußtseins auseinander und begibt sich auch dort bereitwillig kritischer Strenge, um wenigstens scheinbar richtiger Ergebnisse willen. Man scheut aber die wahrhafte Auseinandersetzung. Man stellt nicht in der eigenen Seele das Problem des Judenhasses, man "schaudert zurück vor dem erbarmungslos härten, mit grausamer Schärfe zeichnenden Sonnenlicht der klaren, allein aus der .Wirklichkeit und dem sittlichen Gewissen der aktiven Persönlichkeit sich rechtfertigenden Gesinnung. Statt dessen passive, feminine Hingabe an unwahre, zu Dogmen erhärtete Thesen, wobei man sich nicht einmal die Kreise ansieht, deren Interessen sie zum Vorwand dienen. Man will im Juden nicht den Menschen sehen, das eigengeartete Individuum, das nur nach den ihm immanenten Wer senszügen und Charakterkräften zu bewerten ist, nicht aber als Funktion einer Gruppe, deren hassenswert -gemachte Abzeichnung verlogen ist. Man will nicht erkennen, daß wie bei jedem Menschen auch beim jüdischen Fehler und Vorzüge individuel zurechenbar sind und nicht in dem Dunkel der Unverantwortlichkeit untertauchen. Damit ist das Wesentliche ausgesprochen. Wir haben im Judenhaß von heute das Ergebnis einer von der mechanisierenden,, dem Fetischismus der Menge huldigenden Tendenz der Gegenwart begünstigten Vergesellschaftung eines unwahren Typus erkannt. Wir sahen einen heroischen Aktivismus der Jugend, die aber am Judenhaß festhält und ihn in jugendlicher Unbedingtheit fanatisiert, weil sie in ihrer Aktivierung, d. h. Selbstbefreiung noch nicht so weit gekommen ist, um eine mutige konsequent rechtschaffene Auseinandersetzung zu vollziehen, und passivistisch den alten Mächten hingegeben ist, deren Formeln veraltet und hohl geworden sind. Da, wo das Werden herrscht, wo es nicht das funktionale Spiel unwandelbarer Gegebenheiten gibt, wo Beziehungsinhalte in steter Entwicklung sich befinden und zukunftsträchtige Bildungen entstehen, da setzt das Pathos des menschlichen Willens und das Ethos der menschlichen Erziehung unter dem Bekenntnis zum souverän-aktiven Menschentum ein, das individuelle Zurechenbarkeit oder Selbstverantwortung als Hauptprinzip der menschlichen Freiheit erkennt. Nur dann ist der Judenhaß zu überwinden, wenn das Individuum als aus sich selbst lebendige, eigenwillige Kraft gewertet wird. Führe man sich mit aller Schärfe zum Bewußtsein: Deutschtum und Judentum ist im Individuum zur Einheit geworden, was man auch dagegen sagen möchte. Jeder einzelne jüdische Deutsche trägt das Deutschtum in sich und aktiviert es gemäß seiner Eigenart so gut wie jeder andere Deutsche. Was Deutschtum ist, läßt sich vielleicht umschreiben, nicht aber bestimmen. Auch hier muß die Vereinfachung eines komplexen. Gebildes zur Verlogenheit, die Vergsellschaftung eines abstrakten Typus zur Verfälschung führen. Ich glaube, daß die geäußerte. Auffassung sich innerlich verbindet dem Geiste der sich anbahnenden allgemeinen Entwicklung. Friedensbewegung und Europäertum können nur dann ihre Kräfte entfalten, wenn die einzelnen in den Nationen zur Selbstbefreiung erwachen und in der individuellen Ausprägung des nationalen Charakters das Gemeinsame erkennen, das die europäischen Nationen verbindet. Was hierzu führt, ist wiederum Selbstzucht und Erziehung. So ist auch die Ueberwihdung des Judenhasses ein Problem des guten Willens, der Selbstzücht und der Erziehung. Ich glaube, man braucht hier nicht pessimistisch zu sein. Ganz sicher wird endlich, insbesondere bei der Jugend, die vornehme Gesinnung über den Massenhaß siegen. stud. jur. Berthold Weinberg, Berlin, Vorstandsmitglied des Demokratischen Studentenbundes. Eine Judenstadt in Indien. Der Italiener Mario Appelius hat die ungeheure Fülle der Indien-Bücher durch einen neuen Band („I ndia", Edizioni Alpes, Mailand) vermehrt. Nachstehend die (gekürzte) Uebertragurig eines Kapitels aus dem Buche. Kotay. „Nach der Zerstörung des zweiten Tempels in Jerusalem, im 38. Jahrhundert der Schöpfung, brachen 5000 Juden von denUiern des Jordans auf. und gelangten nach dreijähriger Fußwanderung in dieses Tal, wo sie den Grundstein der Synagoge: legten." Feierlich näselnd; rezitiert Seine Ehrwürden, der Obberrabbiner von Kotay, diese Worte und deutet auf das uralte Gotteshaus, dessen zwölf kleine Kuppeln sich in die leuchtende Klarheit des Himmels von Madurä erheben. Ringsum, gleich Kleider-, Pelze-u. Gummimäntel-Fabrik Zentrale: Deiailverksul: Wien IL, Glockengasse 24 Wien II., Taborstroße 44