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Die Wahrheit · 1926-09-22 · Heft 40-41 (22.9.1926) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 40-41 (22.9.1926)
Date
1926-09-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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4 0/41 DIB WAHRHEIT Seit« 7 „Halten Sie mich für ein kleines Kind, welches noch nichts gelernt hat?" ,-,Gott behüte! So habe ich das nicht gemeint.. „Na, dann müsseh Sie doch verstehen, daß es keinen Gott gibt, keine Thora und keine Mizwaus... alles ist bloß Natur ...." „Was ist also der Unterschied zwischen dir und einem christlichen Mädchen?" „Es gibt eben keinen Unterschied. Wir glauben beide an keinen Gott." „Wie, wenn du in Versuchung geraten solltest, Nichtjüdin zu werden, dich taufen zu lassen?" „Was wäre dabei? Taufen zu lassen brauch ich mich nicht. Ich kann eine volle Nichtjüdin werden, auch ohne Taufe." Während dieser Unterhaltung schaute ich dem ehemaligen Schochet ins Gesicht. In den Zügen des Aufsehers über die religiösen Bedürfnisse der armen Juden in Moskau konnte ich keinen sonderlichen Schmerz lesen ob des Umstandes, daß seine einzige Tochter nicht an Gott glaubte und alles Jüdische verabscheute. Der Aufseher merkte, daß seine Gleichgültigkeit mich staunen machte. Er sagte: „Ja, so lehrt man heutzutage die Kinder. Es ist eine solche Zeit . . . Man kann nicht anders. Wir müssen mit der Zeit gehen ..." - -J Massenhaß oder vornehme Gesinnung*). ° Es muß einmal mit letztgültigem Ernst gefragt werden: Was ist am Judenhaß? Wo ist sein Quellgrund, sein in Wahrheit kritischer Purkt, von dem aus betriebsam die Fäden gesponnen werden, die das Volksleben durchwirken? Welchem Bezirk ist er zuzuordnen? Und zuletzt bedeutsamste Frage: Kann am kritischen Punkt mit Energie das Problem gestellt werden und trägt es in sich den Keim einer Lösung? Man begegnet so häufig der Tatsache, daß ein Nichtjude, der unverkennbar ein Gegner des Judentums ist oder zum mindesten durchaus kritisch steht, zu einem Juden freundschaftliche Beziehungen unterhält und den Mann in seinen Vorzügen und Schwächen mit jenem Wohlwollen sieht, das freundschaftliche Gesinnung immer und überall eingibt. Fragt man ihn nach Bedeutung und Ursprung der unleugbaren Diskrepanz, so wird er vielleicht nicht die naive Antwort geben, er wäre kein Antisemit, wenn alle Juden ihm so zusagten, wie dieser eine. Aber er wird folgende charakteristische Stellung zu erkennen geben: Meiner Ueberzeugung nach ist das Judentum, in der Gesamtheit seiner typischen Erscheinungs- und Wirkungsweisen betrachtet, dem Aufbau noch mehr dem Sichauswirken des deutschen Volkstums schädlich. Das Judentum trägt in den Gesamtstand des deutschen Seins und Schaffens, in die ihm vorgezeichneten Wege seines Werdens ein dem Deutschtum wesensfremdes Element hinein, das in verhängnisvoller Weise zersetzend und verfälschend wirkt. Es wäre verfehlt, dem Judentum daraus einen Vorwurf zu machen; denn da, wo naturgesetzliche Urbestimmungen walten (eben: das jüdische nicht assimilierbare Anderssein) entfällt das Recht menschlicher Kritik. Aber weil der irrational gegründete Gegensatz Deutschtum—Judentum sich nicht in Harmonie wandeln kann, glaube ich, daß die deutsch-jüdischen Beziehungsinhalte eine unnatürliche und darum, schädliche Verbindung darstellen, die einer radikalen Auflösung bedarf. Aber von dieser grundsätzlichen Ueberzeugung weiß ich wohl zu sondern das individuale und auf rein menschliche Wesensnähe gestellte Verhältnis zu meinen Mitmenschen, die ich ja nur aus ihrer Vereinzelung, aus der eigentümlichen Art ihres Einzelwesens heraus in den Kreis der freundschaftlichen Gesinnung einbeziehe. Unter diesem Blickpunkt sehe ich auch meine Beziehungen zu jüdischen Menschen. Ich glaube, daß die oben gezeigte Diskrepanz den kritischen Punkt darstellt, in dem der problematische Kern des Ganzen verborgen liegt. Hier tritt die Idee des Grundphänomens heraus, die den so verwickelt scheinenden Gesamtkomplex durchleuchtet. Man ist sicher berechtigt, die verschiedenartigen Ausstrahlungen des Judenhasses als Erscheinungsformen dieser einen, man möchte sagen substantiellen Wesenheit aufzufassen. Religiöser, wirtschaftlicher, politischer, kultureller, rassemäßiger Antisemitismus sind diese Erscheinungsformen, vielleicht Verkleidungen, vielleicht Interpretationen, seien es gutgläubige oder böswillige, einer mit S;hain vcihtltten, ttneingestandenen Tatsächlichkeit. Der Judenhaß ist in die Wirkungskreise zweier der Gegenwart charakteristischen Tendenzen gelangt, die sich in der Krisis der Zeit überschneiden und in ihrer Gegensätzlichkeit die wahisaSK) Problematik der krisenhaft gespaltenen Gegenwart ausmachen. Es ist dies einmal das fieberhafte Streben, den Umkreis der gesamten sichtbaren und unsichtbaren Welt in alle Höhen und Tiefen wissenschaftlich zu durchdringen und auch in der psychischen Sphäre das Licht heller Rationalität zu verbreiten. Anderseits ist eine Bewegung in vollem Gange, die, sich abwendend von dem atomistischen Zustand einer rational-analytischen Wissenschaft, in zwar nicht weltfremder so doch idealistischer Grundhaltung um sittliche individuale und völkische Werte heldisch ringt. Es sind Endziele der Forderungen einer zur Sehnsucht erwachten Seele, Endziele, zu deren Verwirklichung jegliches Mittel recht erscheint. So geht ein Zug kraftvoller ethischer Aktivierung durch die Gegenwart. Aber diese Bewegung umgrenzt hart und genau ihren Lebenskreis. Sie will Abschluß, nicht universale Belebung. Sie ist heroisch-primitiv, notwendig in die Irre gehend, weil sie die Realität verkennt, die nur von denen gemeistert werden kann, die aus der Gesamtheit des volklichen Lebens die lebendigen Kräfte für sich gewinnen und mit ihnen gemeinsam kämpfen. Für unser speziales Betrachtungsgebiet heißt es: das Judentum soll ausgeschlossen werden, man hält es für schädlich und hemmend. Warum? Hier beginnen wir in einen peinlichen Bereich einzutreten. Sahen wir eben noch kraftvolle Aktivität, d. h. seelische Klarheit und Wachheit, kühne willensstarke Sehnsucht, so tritt uns jetzt ein anders geartetes Bild entgegen: eine passive, letzte Klarheit scheuende Hingabe an einen Glauben sowohl wie an eine psychophysische Empfindung, die nicht (man verzeihe die Schärfe der Formulierung) einer Wollust des bewußten Sich-Abseitsstellens entbehrt, wobei man nicht weiß, was man als das Primäre anzusehen hat. Das von mir so gekennzeichnete, jedem unbefangenen Auge sich aufdrängende Phänomen ist nichts weiter als die Vergesellschaftung eines jüdischen Typus, der einst lebensvolle Gegenwart gehabt hat und von uns wegen seiner sittlichen und religiösen Glaubenskraft mit Liebe und Verehrung betrachtet zu werden verdient. Es ist der Ghettotypus, den man dem Judentum ohne den sonst so gerühmten historischen und realen Sinn anhängt. In diesem Typus sieht man vereinigt: Geschäftssinn, Ironie, Dialekt, in Summa, d. h. unter Vergröberung und vereinfachender Zusammenballung dieser Qualitäten zur einheitlichen Vorstellung: Wurzellosigkeit, Mangel der Bodenständigkeit des geistig-sittlichen Seins. Gewiß sind die genannten Eigenschaften unter dem Zwang der realen Verhältnisse einst am Juden besonders stark in Erscheinung getreten, aber natürlich hat es diesen Typus in reiner Ausprägung niemals gegeben. Doch er ist in die Vorstellung übergegangen und dort zu einer starken, konkret empfundenen IHestauront Birth Wien II., Hollandstraße Nr. 14 Vornehmes Restaurant mit erstklassiger Küche Mittags- und Abenö-Menu nach Wahl S 2.— Übernahme von Diners und Soupers in und ausser Haus Zum Besuch ladet höfl. ein I. GUTH, Besitzer. ") Aus der Berliner „Jüdisch-Liberalen Zeitung".

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