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Die Wahrheit · 1926-09-22 · Heft 40-41 (22.9.1926) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 40-41 (22.9.1926)
Date
1926-09-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 6 PH! WAH8fgJT *J Kr. 40/41 differentismus, nicht gestört sein durch die Religion. „Durch faule Hände wird das Gebälke morsch." Wir müssen es wieder so tun, wie es die Alten getan haben, die gleich nach Jomkippur den ersten Nagel zur Sukka einschlugen, von einer Mizwa zur anderen schreiten und Zeit finden für den Dienst Gottes wie den des Erwerbes und Berufes. Denn alles hat seine Zeit und für alles muß der Fleißige Zeit finden, damit „nicht morsch werde das Gebälke!" ^_ „Es gibt keinen Gott" ... Von Reuben B r a i n i n. Der bekannte Schriftsteller veröffentlicht jetzt in New-Yorker „Tag" seine Reisebilder aus Rußland. In Gesellschaft des Professors A. Steinschneider, eines der besten und tüchtigsten Männer, die im öffentlichen Leben der Juden stehen, und des jungen Gelehrten Saad ja Maseh besuchte ich die jüdischen Flüchtlinge, welche in jenem Stadtteil Moskaus untergebracht sind, den man „Marine Rostscha" nennt. Das sind lauter sehr arme Leute, die in den Jahren des Bürgerkrieges aus Litauen, Polen und Sibirien hierher geflüchtet sind. *? "■"*!«Sä| In einer der Wohnungen versammelte ich um mich junges Volk, Knaben und Mädchen, Zöglinge der jüdischen Volksschulen, die unter Aufsicht der „Jewsekzia" stehen. („Jewsekzia" wird die jüdische Abteilung der kommunistischen Partei genannt.) Die Schulpflicht dauert sieben Jahre. Vor mir steht ein elfjähriger Knabe, dem es aus der Nase trieft, er kratzt sich allemal am Kopf. Ich frage ihn: „Was lernst du in der Schule?" Der Knabe antwortet in einem verdorbenen Dialekt, einem Gemisch aus . schlechtem Russisch und schlechtem Jüdisch: „Epes asoi. Knischkes (Büchelchen) gelernt." „Was für Büchelchen hast du gelernt? Von wem waren die Büchelchen? Wer hat sie geschrieben? „Ich weiß es nicht. Tschort snajet (Der Teufel weiß) . . . Vergessen." „Was steht dort in den Büchelchen?" „Woher soll ich das snajen (wissen)?" „Wie viel Götter haben wir Juden?" „Es gibt keinen Gott!" „Auch nicht einen, einen einzigen?" „Es gibt gar keinen Gott!" „Woher weißt du, daß es keinen Gott Wer hat dir das gesagt?" Der idiotische Knabe zuckt mit der Nase lächelt. Ich wandte mich an andere Kinder, die mich umringten. Knaben und Mädchen, und fragte sie aus. Wußten sie, daß wir Juden nur einen Gott haben? Wie im Chor antworteten mir die Kinder, Knaben und Mädchen, einstimmig: „Wir wissen, es gibt keinen Gott, gar keinen Gott, gar keinen Gott, nicht ein bißchen, nicht ein Stückchen Gott gibt es." Ein lebhafter Knabe mit keckem Gesichtchen und hellem Stimmchen drängte sich vor mich und rief; - ..... gibt? und so es die „Uns lehrt man in der Schule keine Kindermärchen, keine albernen Geschichten. Wir wissen alle, daß Gott ein Aberglaube ist, welchen die Leute sich ausgedacht haben. Es gibt keinen Gott. Wir haben keine Furcht vor Gott..." „Aber sag* mir, Kind, woher weißt du das sicher, daß es keinen Gott gibt?" Ein Mädchen nahm das Wort : „Der Utschitel (Lehrer) hat mir gesagt, daß keinen Gott gibt. Unser Utschitel weiß es ..." „Wer also hat die Welt erschaffen?" „Der Lehrer hat uns ausdrücklich gesagt, Priroda (Natur) hat es getan." Die Eltern standen dabei und hörten zu, wie ihre Kinder Gott verleugneten und die jüdische Religion verhöhnten. Sie hörten zu und schwiegen. Es war ein dumpfes Schweigen. Nur eine der Mütter, eine kranke Frau mit blauen Lippen und geschwollenen Augenlidern — als sie hörte, daß ihr Sprößling mit so viel Sicherheit für das Nichtdasein Gottes plädierte, wandte sie sich an mich mit folgender Rede: „Ach, was mein Bengel, der Frechling schwatzt, redet er ja nur seinen Kollegen, den nichtjüdischen Bengels nach. Weiß er denn nicht, daß ein Ribaunau schel Aulom (Herr der Welt) da ist, der ewig lebt? Sein seliger Vater ..." „Maltschi (schweig)!" unterbrach der Knabe die Rede seiner Mutter. Jetzt näherte sich uns ein rothaariger, hochgewachsener, breitschultriger Jude, ein ehemaliger Schochet (Schächter). Jetzt war er Aufseher der Flüchtlinge in den Armenhäusern von Marina Rostscha, der für ihre religiösen Bedürfnisse zu sorgen hatte. Er lud uns in seine Wohnung. In einem der Armenhäuser hatte man ihm und seiner Familie eine besonders geräumige Kammer zugewiesen. Ich warf einen Blick auf die Einrichtung. An der Ostwand hingen billige Reproduktionen der Bildnisse von Lenin und Trotzky und anderen Sowjetheiligen. Auf einem Brett in der Ecke lagen alte hebräische Bücher herum, ein Talmudtraktat, ein Buch über das Schächtfach, ein zerlesenes, abgenütztes Machsor, ein fleckiges Exemplar der Wundergeschichte vom Baal Schern . Ich fragte den Aufseher: „Wie passen die Bilder von Lenin und Trotzky zu den chassidischen Wundergeschichten und dem alten, verstaubten Machsor?" „Lenin," stammelt der Aufseher, „dem sind wir Juden Dank schuldig, denn er hat ja am Ende auch uns Freiheit gegeben. Trotzky aber ist doch jedenfalls ein Mann von Verstand, ein guter Kopf, eine hervorragende Persönlichkeit. . . Es ist nun einmal bei uns russischen Juden zum Minhag (Brauch) geworden, daß überall die Bilder von Lenin und Trotzky aufgehängt werden, sogar im Bethammidrasch ... Man muß mit der Zeit gehen ... Aus dem Minhag wird ein Din (Gesetz) . . ." In der Kammer erschien die Tochter des ehemaligen Schochet, ein Mädchen von etwa fünfzehn Jahren. „Wo lernst du?" frage ich sie. „Ich habe die jüdische Schule in Moskau' besucht." „Glaubst du, daß es einen Gott gibt?" _/......^

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