Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 40-41 (22.9.1926)
- Date
- 1926-09-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 40/41 DTE WAHRHEIT Seit* 5 dem Gebete am Schlußfeste abhängt, ob das Jahr fruchtbar Und ertragreich wird oder nicht. Sie begründen diesen Ausspruch mit jenem Worte Koheleths: „Durch faule Hände wird das Qebälke morsch" und meinen die Trägheit und Lässigkeit, mit der Israel der Gotteslehre obliegt. Man kann das Wort der Alten in gleicher Weise im wirklichen wie übertragenen Sinne verstehen. Gläubig vertrauend kann man sagen, daß dem Segen der Frömmigkeit der Segen des fruchtbringenden Regens folge, aber man kann auch behaupten, daß die Beschäftigung mit der Gotteslehre eine geistige Befruchtung, ein geistiges Wachstum hervorbringe, um anderseits aus der Trägheit und Gleichgültigkeit, mit der das Studium der Gotteslehre betrieben wird, auf einen wirklichen geistigen Notstand in Haus und Familie zu folgern. So ist das Schlußfest für eine Mahnung vor allzugroßer Arbeitsamkeit im Lebensberufe und allzugroßer Trägheit im Dienste Gottes recht geeignet. Denn nun folgt die große Ruhepause in der Frömmigkeit, im religiösen Eifer und Gotteshausbesuche. Unter dem Worte „hanikore", das Gebälk, von dem Koheleth spricht, sei nach der Meinung der Alten „Gott" zu verstehen und was sie damit sagen wollen, heißt soviel, daß durch Lässigkeit im Dienste Gottes, durch religiöse Gleichgültigkeit die religiösen Tragbalken, die Stützen des Gottesgedankens morsch und baufällig werden. Denn darüber kommt man nicht hinaus, daß zum religiösen Gefühl auch die religiöse Tat, die Uebung im Glauben gehöre. Was che Alten ,sagten, daß man von Mizwo zu JVHzwo schreiten müsse, heißt,: daß nur die Gewöhnung zur Religion einen Menschen zur wirklichen Religiosität führe. Wenn fast jeder fühlt, daß die Tragbalken unserer Gesinnung nicht mehr so stark sind wie früher, so ist die einzig richtige Erklärung dafür, daß wir stets ein ganzes Jahr verstreichen lassen, ehe wir uns nach der Haltbarkeit und Unversehrtheit unseres religiösen Gebäudes umsehen. Kommen wir endlich, so finden wir, daß wir im Gottesdienste, Gebetbuch und religiösen Empfinden immer größere Lücken haben, immer morscher geworden sind. Unsere Weisen erzählen ein Gleichnis. Zu dem trägen Schüler spricht man: „Siehe, dein' Lehrer wohnt in der Stadt, gehe hin und lerne bei. ihm." „Ich fürchte mich", so antwortet der Schüler, „vor dem Löwen auf dem Wege." „Gut", sagt man, „so hast du einen Lehrer auf dem Lande, gehe hin und lerne." „Ich fürchte mich vor den Ruinen, an denen ich vorbei muß!" spricht er. „So hast du den Lehrer nebenan im Hause, gehe hin und lerne!" „Ich gehe hin", entgegnet der Faule, „aber wenn ich hinkomme, ist die Tür geschlossen!" Sagt man ihm nun: „Nein, die Tür ist offen", so spricht er: „Ob offen oder geschlossen, ich will erst ein wenig schlafen!" Das Gleichnis ist deutlich. Der Schüler sind wir selbst, der Lehrer ist die Religion. Wann immer sie ruft, wie immer sie es einrichtet, wir finden immer Ausreden. Nennen wir den Löwen am Wege den reißenden gefährlichen Daseinskampf; die Ruinen, die uns schrecken, die Bräuche und Einrichtungen, die uns nicht gefallen; die geschlossene Tür die Gebetszeiten, die uns einzuhalten schwer fällt — was immer wir dafür setzen wollen, am Ende kommt es auf das Gleiche hinaus: wir möchten nach etwas schlafen, den Schlaf des religiösen Intjtfac * ■.i.vv _w55S*fueaii