Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 40-41 (22.9.1926)
- Date
- 1926-09-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 m WAHRHEIT Ki. 40/41 Hoschana, das Weidensträußchen, das die großen Bitten an Gott begleitet. Diese Stellung und Würdigung hat die Bachweide offenbar deshalb gefunden, weil sich ihre Spitzen neigten, weil sie sozusagen ihr Haupt demütig beugen konnte. Tatsächlich ist die Bachweide das Symbol demütigen Gottvertrauens. Deshalb darf sie im Feststrauße nicht fehlen und deshalb begleitet sie unsere großen Bitten an Gott und deshalb durfte sie den Altar umkränzen, denn, wie schon der weise Salomo sagt, „der Lohn der Demut ist Gottesfurcht". Nun ist Sukkoth das Fest des Einsammelns, des Besitzes und Reichtums und dafür ist die stolze Palme, die dem aufrechten Rückgrat des Menschen gleicht, das rechte Symbol, denn „das Geld stellt den Menschen auf seine Füße", gibt ihm Halt und Rückgrat. Sukkoth ist aber auch das Fest der Freude, wofür die Myrthe mit ihrem dauernden, saftreichen Grün, mit ihrem Duft ein geeignetes Wahrzeichen ist, und schließlich ist es das Fest des Genusses und des Genießens, zu dem der Ethrog, die Frucht vom prächtigen, prangenden Baume gar wohl paßt. Die Bachweide aber hat nichts, sie ist die Armut beim Reichtum! Sie hat nur ihr Gottvertrauen, denn „Gott wendet sich dem Gebete des Verlassenen zu und verschmäht nicht dessen Gebet." Sie wächst am Bache und Gott gibt ihr das Wasser, das ihren Boden tränkt; sie ist der Baum, „der am Wasser gepflanzt ist". Gott ist ihr Reichtum und ihr Gottvertrauen ist ihr Ruhm. Darum darf sie als Symbol im Bunde nicht fehlen. Alle vom Glücke weniger Begünstigten, alle mit äußeren Vorzügen wenig Bedachten, Schicksalsgenossen und -genossinnen der Bachweide sollen durch sie einen Trost erhalten. Und ihrer sind viele. Könnte man in alle Herzen blicken, wenn es zum Feste des Einsammelns kommt, alle Gedanken lesen, wenn Segen, Besitz, Reichtum, Vorzüge und Güter verteilt werden, man würde finden, daß alle beteilt, bedacht sein wollen, niemand zurückstehen, leer ausgehen will. Der eine wünscht den Ethrog, der andere die Palme, ein dritter die Myrthe — die Bachweide will niemand, ihr Schicksal sucht keiner! Solange die Welt - steht, ist es so. Jeder will haben, niemand entbehren. Selbst die Engel im Himmel stritten, so erzählt eine alte Sage, als Gott den Menschen schuf, denn sie wollten die Tora für sich und nicht, daß sie die Menschen bekämen. Der Mond stritt, als Gott Sonne und Mond erschuf, denn er wollte an Rang und Helligkeit nicht zurückstehen. Mit dem Gottvertrauen allein sind die wenigsten zufrieden und zufriedengestellt. Vielleicht aber hat gerade darum die Bachweide im Feststrauß und am Bittfeste ihren Platz gefunden, denn all die bevorzugten Geschwister — ob Ethrog oder Myrthe oder Palme — sie teilen doch auch einmal, früher oder später das Schicksal der Hoschana, auch sie werden einmal nicht mehr begehrenswert, nicht mehr wertvoll. Was bleibt dann? Der alte Brauch hat bestimmt, daß man die Hoschana zum Schlüsse abklopft, daß die Blätter zur Erde fallen, als ein Symbol für die Sünden, die schwinden, vergehen und verziehen sind. Das demütige Gottvertrauen findet diesen Lohn, der einmal im Leben jedes Menschen sehr begehrt ist und größten Wert gewinnt. Freilich, solange wir genießen, irdischen Besitz, unseres Leibes Kraft und Schönheit unser eigen nennen, denkt niemand ans Welken, an Sündenvergebung und an die große Bitte, aber des Menschen ganzes Leben ist nur ein Hüttenfest, ein Hüttenbauen, ernten, erwerben und genießen, dem endlich ein „Schlußfest" folgt. Darum ist es ein schönes Wahrzeichen, daß wir vorher die Hoschana, das demütige Gottvertrauen an unseren Feststrauß binden, daß den welken Blättern gleich die Sünden des Lebens fallen und wir sprechen: „0 Herr, hilf uns!" Morsche'Balken. Eine Betrachtung zum Schlußfeste von Dr. V. K u rr e i n, Rabbiner in Linz. Gleich nach dem Ende des Versöhnungstages pflegte man an die Errichtung der Laubhütte zu gehen, wenigstens einen Nagel für das neue Werk einzuschlagen, nach dem Grundsatze: „Die Frommen schreiten von einem Werke zum andern." Darin kam eine Art Protest zum Ausdrucke gegen die etwaige Annahme, die Anhäufung religiöser Pflichten könnte eine Ermüdung aufkommen lassen, die Reihe der Feste wäre ein Zuviel, eine nicht mehr erwünschte Bürde, deren man sich am liebsten entziehen möchte. Im Gegenteil! Arbeit, Dienst wird eifrig und freudig wieder aufgenommen; bei diesen Pflichten gibt es kein Zuviel, keinen Ueberdruß und keine Ueberbürdung. Mit dieser Theorie stimmt aber die Praxis nicht überein, die ein anderes Bild zeigt. Alles im Leben kann zuviel werden — Freude und Leid, Not und Genuß. Die Menschen können nur ein bestimmtes Maß von allem ertragen. Niemand hat dies deutlicher gezeigt als Koheleth, der sich nicht genug tun kann, auf die Folgen eines jeden Zuviel hinzuweisen und der gerade am Schlußfeste gelesen werden soll. Der Festmonat mit seinen großen Anforderungen an unsere religiöse Kraft und Willigkeit ist nun eine schwere Probe auf die Fähigkeit, nicht zu erlahmen, vom Anfang bis zum Ende in gleicher Kraft durchzuhalten, so daß leider oft die Freude und der Genuß an den Feiertagen durch das „Zuviel des Guten" in Frage gestellt ist und für manche aus der Lust eine Last wird. Darum muß auch einmal von der Ermüdung, dem Ruhebedürfnis, der Trägheit und Lässigkeit gesprochen werden. Fest- und Ruhetage sind es, die den Menschen von Arbeit und Tätigkeit zurückhalten, die Ausruhen und Nichtstun gebieten, so daß man denen, die die Feierzeiten suchen und lieben, am ehesten den Vorwurf der Liebe zum Müßiggange machen könnte. Vom Standpunkte des Segens der Arbeit und Tätigkeit müßte man also denen Lob spenden, die froh sind, daß die Feiertage um sind und daß man wieder zur Arbeit zurückkehren kann. Daß man hinter der Arbeit und dem Berufe her sein muß, ist allbekannt und sagt ja der weise Prediger: „Durch zwei faule Hände wird das Gebälk morsch und durch die Trägheit der Hände tropft der Regen in das Haus." Indes braucht sich niemand wegen der verstrichenen Zeit allzusehr zu kränken, denn derselbe Koheleth steht auf dem Standpunkte „Alles hat seine Zeit", für alles und jedes gibt es eine Zeit und muß sich im Leben Zeit finden. Trotz Festtag und Festeszeit bleibt noch Zeit für die Arbeit des Lebens. Die alten- Weisen sagen: „Der fruchtbare Regen bleibt infolge der Vernachlässigung der Gotteslehre aus" — ein Wort, das besondere Bedeutung gewinnt, weil am Schlußfeste um Regen gebetet wird und .es von